21.05.2013 19:53 Merkliste 0

Schlecht in Deutsch? Endstation Sonderschule

09.10.2012 | 18:16 |  von NERMIN ISMAIL (Die Presse)

Rund 30 Prozent der Sonderschüler haben einen Migrationshintergrund. Experten klagen, dass sie häufig wegen Sprachproblemen vorschnell aus der Regelschule abgeschoben werden.

Artikel drucken Drucken Artikel versenden Senden Merken AAA Textgröße Artikel kommentieren Kommentieren

Wien. Kommt in Deutsch nicht mit, kann in Mathe nicht folgen, ist auffällig und stört den Unterricht. Ein Befund für Schüler, der allzu oft in die Sonderschule führt. Und ein Weg, der von Kindern mit Migrationshintergrund überproportional häufig beschritten wird: 29,1Prozent der Sonderschüler haben eine nicht deutsche Umgangssprache – das sind 3767 von 13.198 Sonderschülern. „Ja, ganz klar sind die Kinder mit Migrationshintergrund, deren Eltern aus einer bildungsfernen Schicht kommen, benachteiligt“, sagt Bildungsexpertin Heidi Schrodt.

Als Frau Tolaj (Name geändert) zu einem Gespräch bei der Schuldirektorin ihrer Tochter vorgeladen wurde, hörte sie einen ähnlichen Befund: Sarah komme im Unterricht nicht mit und sei leistungsschwach. Ein Test mit dem Schulpsychologen habe ergeben, dass sie Förderbedarf habe und in der Sonderschule besser aufgehoben sei. Die Nachbarin der Mutter, selbst Lehrerin an einer Sonderschule, die zum Termin mitgekommen war, riet ihr, einen unabhängigen Sonderpädagogen aufzusuchen. Denn oft würden Schulpsychologen von der Direktion beeinflusst. Und tatsächlich: Der zweite Test ergab, dass Sarah für ihr Alter überdurchschnittlich begabt ist.

 

Förderungen für Sonderklasse

Beim nächsten Termin mit der Direktorin ist die Nachbarin wieder mit dabei – und als die Direktorin ihren Beruf erfährt, nimmt sie sie zur Seite und sagt: „Wenn das so ist, Frau Kollegin, kann ich ganz ehrlich mit Ihnen sprechen.“ Die Schule brauchte eine vierte Schülerin, damit eine Sonderklasse – eine Klasse, in der die Lernschwächeren gemeinsam unterrichtet werden – zustande käme. Damit würde die Schule auch mehr Förderungen bekommen.

Fälle wie diese kommen immer wieder vor. Die Eltern lassen sich nicht beraten und kennen keine Alternativen zur Sonderschule – und unterschreiben einfach alles, was das Kind nach Hause bringt. Auch wenn es die Einverständniserklärung ist, dass ihr Kind einen sonderpädagogischen Lehrbedarf hat und die Schule wechseln soll.

An sich sollten Lehrer bei auffälligen oder leistungsschwachen Schülern mit Eltern, Schularzt und -psychologen nach möglichen Ursachen suchen. Und bei einer sonderpädagogischen Konferenz sollte ein Förderplan für das Kind erstellt werden. Doch allzu oft wird Eltern nahegelegt, das Kind in die Sonderschule zu bringen.

Zeynep Elibol, Direktorin der Islamischen Fachschule in Wien, sieht zwei Gründe dafür, dass Kinder mit Migrationshintergrund besonders häufig in der Sonderschule landen: „Es kommt immer wieder vor, dass Kinder wegen mangelnder Sprachkenntnisse in die Sonderschule kommen.“ Defizite in der Sprache, die in der vorgegebenen Frist nicht aufgeholt werden konnten, und Verhaltensauffälligkeiten, deren Grund nicht wirklich analysiert wird – darin sieht sie die Ursachen. Oft würde die Sonderschule als Lösung gesehen.

Doch es gehe auch anders, meint die Direktorin der Allgemeinen Sonderschule 1 in Salzburg, Brigitte Traxl: „Ein Kind, das schlecht Deutsch spricht, wird in Salzburg sicher nicht an eine Sonderschule verwiesen. Es gibt auch nonverbale Verfahren zur Begutachtung, und es wird immer zugunsten des Kindes entschieden.“

Auch Kinder, die im Unterricht stören oder andere hänseln, werden immer wieder zum Fall für die Sonderschule – oft, weil die Lehrer mit ihnen einfach überfordert sind. „Leider werden nur die Symptome behandelt und nicht die Ursachen“, sagt Elibol. „Hauptsache, das System Schule funktioniert“, fügt sie hinzu, da hätten Herausforderungen wenig Platz.

 

Modell Mehrstufenverbände

Auch Bildungsexpertin Schrodt sieht das Hauptproblem im Schulsystem – „überhaupt, dass es Sonderschulen gibt.“ Mehrstufenverbände, das sind Klassen, in denen Schüler unterschiedlicher Altersgruppen gemeinsam unterrichtet werden, seien sinnvoller. Hier gebe es kein Durchfallen, und die Kinder könnten voneinander lernen. Einige Schulen haben Mehrstufenverbände und Integrationsklassen, in denen versucht wird, alle Kinder zusammenzubringen und Schwächere zu integrieren.

In der momentanen Situation wäre es wichtig, so Schrodt, dass Eltern – „und das sind nicht nur Migranten“ – ein Berater zur Seite gestellt wird. Die Sonderschule solle eigentlich eine Förderschule sein, und „nicht eine Schule, die für die schulische Laufbahn der Kinder ein Hindernis ist“, sagt Elibol. Jugendliche, die nach der Sonderschule weiterkommen möchten, würden in der Regel den regulären Mittelschulabschluss nachholen. „Und das“, meint sie, „sagt schon sehr viel aus.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.10.2012)

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo

Mehr aus dem Web

73 Kommentare
 
12

einfach unrichtig...

...ist die Behauptung, dass Schüler mit Unkenntnis der deutschen Sprache quasi automatisch in der Sonderschule landen - bitte genauer recherchieren!
Schüler, die nur einen SPF (sonderpäd. Förderbedarf) in Deutsch haben, kommen im schlimmsten Fall in eine Integrationsklasse - diese befindet sich immer in einer Regelschule!
Abgesehen gibt es "die Sonderschule" in diesem Sinne nicht. vielmehr gibt es verschiedene Sparten der Sonderschule, z.B. für körper- oder sinnesbehinderte Kinder oder für geistig schwerstbehinderte Kinder. An diesem Schultyp (der übrigens mein Arbeitsplatz ist, ich weiß also wovon ich spreche) werden ausschließlich Schüler mit einer schweren geistigen Behinderung unterrichtet, es kann also definitiv keine Rede davon sein, dass Migrantenkinder hierhin abgeschoben werden!
Selbst an der allgemeinen Sonderschule muss ein Schüler eine von Spezialisten festgestellte sogenannte Lernbehinderung haben.

P.S.:Die Anzahl an Migrantenkindern an den Sonderschulen ist höher als 30%

Re: einfach unrichtig...

und gibt es nun Migranten an Sondernschulen, die keine Behinderung haben, auch keine Lernbehinderung
bzw. wie hoch kann dieser Teil (der falsch diagnostizierten) sein?

Spät, aber nicht zu spät erfasst

Das Problem ist nicht neu!!! Mindestens seit 10 Jahren höre ich diese Klagen seitens der ernstzunehmenden Lehrerschaft, die in der Schulklasse arbeitet. Und die Politik (auf Landesebene und Bundesebene) hat nichts unternommen, hat weggehört oder beschwichtigt. Diese VerantwortungsträgerInnen sitzen heute noch in bestbezahlten Positionen - und es geschieht ihnen nichts; einfach nichts. Im Gegenteil: Kurz (der sichtlich die Situation in voller Tragweite erfasst hat) wird von der längst zu entfernenden Unterrichtsministerin angeschnauzt wie ....
((Zusatzbemerkung: Kann das Lektorat der "Presse" den Untertitel dieses Artikels nochmals durchlesen und das Missverständnis beheben? Schon allein deswegen, weil Nermin Ismail erwartbare Nörgelei erspart bliebe))

Antworten Gast: einhochdemkurz
10.10.2012 19:25
3 0

Re: Spät, aber nicht zu spät erfasst

Ja, man könnte es verantwortungslose Berufsauffassung der zuständigen Politiker nennen. Politiker ist doch ein bezahlter Beruf-oder nicht?
Hoffentlich bleibt wenigstens Kurz dran, und die Presse sollte noch medial ordentlich nachsetzen. Es ist ohnehin schon 5nach12.

Spät, aber nicht zu spät erfasst

Das Problem ist nicht neu!!! Mindestens seit 10 Jahren höre ich diese Klagen seitens der ernstzunehmender Lehrerschaft, die in der Schulklasse arbeitet. Und die Politik (auf Landesebene und Bundesebene) hat nichts unternommen, hat weggehört oder beschwichtigt. Diese VerantwortungsträgerInnen sitzen heute noch in bestbezahlten Positionen - und es geschieht ihnen nichts; einfach nichts. Im Gegenteil: Kurz (der sichtlich die Situation in voller Tragweite erfasst hat) wird von der längst zu entfernenden Unterrichtsministerin angeschnauzt wie ....
((Zusatzbemerkung: Kann das Lektorat der "Presse" den Untertitel dieses Artikels nochmals durchlesen und das Missverständnis beheben? Schon allein deswegen, weil Nermin Ismail erwartbare Nörgelei erspart bliebe))

Antworten Gast: Vogl L
10.10.2012 15:56
6 0

Re: Spät, aber nicht zu spät erfasst

Nermin Ismail, dürfte der Sonderschule entwischt sein und hat es immerhin zur Presse Redakteurin gebracht.

Also, wer zielstrebig ist und schon als Kind gut deutsch lernt, dem stehen die Wege sogar zur Presse, die eine angesehene und anspruchsvolle Zeitung ist, offen.

Antworten Antworten Gast: dub
10.10.2012 16:21
0 1

Re: Re: Spät, aber nicht zu spät erfasst

Und schreibt hervorragende Artikel über eine Problematik, die sich leider nicht auf Österreich beschränkt - ein Blick nach Deutschland genügt.

Chapeau, Frau Ismail !

Gast: Knallreich U
10.10.2012 14:25
5 0

Schlecht in Deutsch? Endstation Sonderschule

Machen sie einen Lokalaugenschein zwischen Reumann und Keplerplatz in Favüriten!

Dann ist ihnen alles sonnenklar!

Gast: schrodtflinte
10.10.2012 14:12
6 0

so ein käse

als ob kinder in "sonderschulen" vernichtet würden... sie sind der einzig verblieben ort, wo man sich noch um die kinder kümmert. in der integration werden sie nur mehr mitgeschleift, weil schon fast alle stunden weggegkürzt sind, nur war diese schrodt wahrscheinlich noch nie bei kindern mit einem handicap, sondern nur mund aufmachen und antauchen egal welcher blödsinn herauskommt

Gast: Aedan
10.10.2012 13:20
0 0

Symptomatik vs. Ursache

wer den Betroffenen und der Gesellschaft helfen will, setzt sich dafür ein, dass die Ursache, nämlich das Sprachdefizit, behoben wird.

wer eine schnelle "Lösung" haben möchte, stellt sie aufs Abstellgleis.

wie aus dem Artikel aber schön hervorgeht, ist letzteres sehr kurzsichtig und hilft letzten Endes niemandem.

Gast: Humbert Gull
10.10.2012 12:49
1 4

Und ich Naivling dachte immer, es sei Aufgabe der Schule

den Schülern Deutsch beizubringen.

Re: Und ich Naivling dachte immer, es sei Aufgabe der Schule

Die Unterrichtssprache ist Deutsch, ab dem ersten Schultag.
Wenn mein Kind in Ö geboren wurde und hier aufwächst, habe ich 6 Jahre Zeit gehabt, um ihm die Landessprache beizubringen, auf welchem Wege auch immer. Alles Weitere: s. bärig

Re: Und ich Naivling dachte immer, es sei Aufgabe der Schule

die schule allein reicht nicht, dass die kinder deutsch lernen. das wichtigste, und das belegen die neuesten studien, sind erstens die eltern (welches muttersprachliche sprachniveau besitzen sie, welche bildung, etc.) und zweitens der kindergarten. die schule hat die aufgabe, bestehende sprachkrenntnisse zu verbessern, aber nicht von 0 anzufangen. dafür ist kein einziges unterrichtsfach ausgelegt.

Antworten Gast: bärig
10.10.2012 13:08
9 0

Re: Und ich Naivling dachte immer, es sei Aufgabe der Schule

Normalerweise können Kinder in Wien die Unterrichtssprache mündlich verstehen und lernen diese nicht von Grund auf! Sie lernen in ihrer Muttersprache aber diese zu lesen und zu schreiben. Die Volksschule ist keine Sprachschule, in der Deutsch als Fremd-oder Zweitsprache unterrichtet wird (siehe Gesetzestext!). Solche Sprachkurse wurden im Zuge vermehrter Zuwanderung aber notwendig, müssen zusätzlich angeboten werden und vom Steuerzahler bezahlt werden.

Experten

Ich frage mich wo diese Experten herkommen, die nicht erkennen wollen, dass die Sprache ein essentieller Bestandteil unseres Bildungssystem ist.

Wer dem Unterricht aufgrund eines sprachlichen Defizits nicht folgen kann, der hat dort auch nichts verloren.

Re: Experten

und wie soll er dann die sprache lernen? in kursen? ok, aber wie lange dauern die dann und ab wann kann er dann dem unterricht folgen? wollen sie dem kind die chance auf bildung verwehren, weil es eine andere muttersprache hat? ich glaube und hoffe nicht! dafür braucht es dann aber zumindest geld vom ministerium, dass diesen kindern geholfen wird.

Re: Re: Experten

Auch einem Kind mit einer anderen Muttersprache ist es zumuten, Dt vor Schuleintritt mündlich so weit zu beherrschen, dass es dem Unterricht folgen kann. Für die Kinder wäre dies eine große Erleichterung.

Gast: Treghofer
10.10.2012 12:34
0 4

Wie am Land,

da wurden und werden hochbegabte Bauernkinder sofort in die Sonderschule abgeschoben, wenn sie den einheimischen Dialekt sprechen. Und zwar nur wegen des Dialekts.

Gast: cad_mium
10.10.2012 12:21
14 0

Zusammenbruch

man braucht nur einmal mit jenen reden, welche tagtäglich in den Schulungseinrichtungen des AMS, in Kindergärten, in Schulen u.s.w mit dieser Problematik konfrontiert sind. Praktisch jeder ist sich der Sinnlosigkeit, eine so enorme Anzahl von Zuwanderern noch erfolgversprechend integrieren zu können, bewusst. Die Folge sind bis hin zum Burn Out, vor allem bei den besonders Engagierten. Wenn man bedenkt das in Wien 60%! der Volksschüler bereits Migrationshintergrund haben - da bleibt also schon sehr bald gar keine Notwendigkeit mehr, sie zu integrieren - eher schon dann umgekehrt. Niemand kann das jenen vorwerfen, welche sich hier durch unser hohes Sozialniveau ein besseres leben erhoffen. Fraglich bleibt, wie lange dieser zustrom noch in bahnen gelenkt werden kann, wahrscheinlich werden die Kürzung der Sozialmittel diesen Irrsinn dann beenden. Kurz ist der einzige der regierung offensichtlich, der sich den abzeichnenden Supergau auch anzusprechen traut.

Gast: WienerGast
10.10.2012 11:57
7 0

nicht so schlimm

Es sind jetzt nicht die konkreten Zahlen für Wien angeführt aber wenn in Wien mehr als 40% Menschen mit Migrationshintergrund leben dann sind Migranten mit 29,1% aller Sonderschüler ja sogar unterrepräsentiert !

2 0

Alphabetisierungskurse verdreifachen!!!


Antworten Gast: bärig
10.10.2012 13:11
9 0

Re: Alphabetisierungskurse verdreifachen!!!

Und wir sollen das bezahlen? Warum eigentlich nicht die Industrie, die nach vermehrter Zuwanderung ruft? Die Betriebe brauchen doch gute Facharbeiter! Warum muss der Staat (d.h. wir ALLE) diese Ausbildungskosten tragen?

Gast: Eleonora K.
10.10.2012 10:51
11 0

schlechte Deutschkenntnisse

In die 4.Klasse Gymnasium (Privatschule) wurde ein Schüler aufgenommen, der aus Russland kam und kein Wort Deutsch sprach. Gemeinsam mit den Mitschülern legte er die Matura ab, und zwar mit Vorzug.
Die Eltern sind Wissenschafter.
Ich verstehe nicht, dass so unglaublich viel Geld für die Bildung von Bildungsunwilligen ausgegeben wird. Wenn schon Unwille vorhanden ist, dann sollte man per Gesetz vielleicht doch mit etwas Zwang vorgehen?

Re: schlechte Deutschkenntnisse

es geht bei diesem von ihnen dargelegten beispiel nicht nur um den willen des kindes und der familie, sondern auch um die möglichkeiten und ressourcen.
es ist durch studien bekannt, dass die eltern überaus wichtig für den zweitspracherwerb der kinder sind. je besser die bildung der eltern, desto besser und schneller lernen die kinder die zweitsprache.
in diesem fall treffen daher mehrere faktoren zu:
1. die eltern sind wissenschaftler.
2. sie geben ihr kind in eine privatschule. da war er wahrscheinlich der einzige oder einer von wenigen migranten. das ist auch ein faktor, der eine rolle spielt.
3. aufgrund der monetären situation der familie nehme ich an, dass das kind zusätzlich nachhilfe erhalten hat.

Antworten Gast: Theo Wv
10.10.2012 12:39
2 6

Naja, Privatschulen

sind bekanntlich dafür da, dass man die Noten "zahlt". Mitunter auch die Matura.

Re: Naja, Privatschulen

Vorurteil oder Neid?

 
12