„Gastarbejter, Tschusch“: Serben in Wien

18.06.2008 | 19:29 |  IDA LABUDOVIC (Die Presse)

Serbisch ist in Wien die zweithäufigste Umgangssprache, die Verbindung von Serben mit der Donau-Metropole reicht Jahrhunderte zurück. Heute kämpfen die Serben vor allem mit ihrer Zerrissenheit zwischen zwei Heimatländern.

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WIEN. „Cujes“ so riefen einander Soldaten an der Militärgrenze des Habsburgerreichs zum Osmanischen Reich zu. Aus „Cujes“ – das bedeutet wörtlich: „Hörst Du?“ – wurde „Tschusch“. So erklärt jedenfalls Wolfgang Rohrbach die Wurzeln dieses Wortes, mit dem häufig Serben, aber auch andere Volksgruppen aus dem ehemaligen Jugoslawien benannt werden. Rohrbach hat ein Standard-Werk über die Bedeutung der Serben in Wien herausgegeben, die Jahrhunderte zurückreicht.

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„Tschusch“ transportiert im alltäglichen Sprachgebrauch allerdings auch eine Botschaft mit – eine, die sagen will, dass die derart Bezeichneten wenig geschätzt werden und dass man sich selbst über ihnen stehend fühlt. „Tschusch“ hat sich verbreitet, als mehr und mehr Arbeitsmigranten nach Österreich gekommen sind, obwohl diese Neuankömmlinge einer Einladung der Republik gefolgt sind.

Jedenfalls haben in den vergangenen Jahrzehnten vier große Migrationswellen stattgefunden: In den ersten drei sind Zehntausende als Arbeitsmigranten (zwischen den 1960er und achtziger Jahren) gekommen; und schließlich in der vierten Welle, in den neunziger Jahren, jene Serben, die vor dem Krieg am Balkan flüchteten.


Im Leben zweier Länder verloren

In jedem Einzelfall gibt es individuelle Bilanzen – eine Gemeinsamkeit aber haben viele: „Ich habe mich in das Leben von zwei Ländern verloren, da ich alte Freunde nicht mehr habe und neue nie gefunden habe“. So sieht eine aus Serbien stammende Lehrerin die vergangenen 25 Jahre, ihre Jahre in Wien. Sie ist aktiv im Dachverband serbischer Vereine und unterrichtet ihre Muttersprache.

Drehscheibe vieler Wiener Serben ist der Südbahnhof und die Lokale in seiner Nähe. Hier erzählt einer der allerersten Emigranten, der allerdings anonym bleiben will: „Ich bin 1957 wegen der politischen Situation nach Österreich geflüchtet. Anfangs bin ich sechs Kilometer zur Arbeit zu Fuß gegangen. Erst nach einiger Zeit habe ich mir ein Fahrrad leisten können. In all diesen Jahren habe ich gelernt, dass man nur durch Arbeit richtig gut leben kann.“

Tausende weitere Menschen kamen nach diesem Migranten der ersten Stunde und bald war auch ein Begriff für diese neuen Bewohner der Stadt gefunden: „Gastarbeiter“ – ein Wort, das auch Eingang in die serbische Sprache finden sollte und eine Reihe von Stereotypen transportiert: „gastarbajter“ ist eine Person, die aus dem Dorf oder der Peripherie stammt. Gewöhnlich hat sie einen niedrigen Ausbildungsgrad, verrichtet meist manuelle Arbeit, lebt im Ausland mit einem niedrigen Lebensstandard, um nach der Rückkehr in die Heimat genug Geldmittel für den Bau eines schönen Einfamilienhauses zu haben. Und „gastarbajter“ besitzen ein gebrauchtes Auto, meist deutschen Fabrikats. Viele dieser Arbeitsmigranten stammen aus der Region Branicevo, südöstlich von Belgrad.

„Gastarbeiter“ halten an Einstellungen fest, die in ihrer Heimat vor Jahrzehnten gang und gäbe waren, sich in Serbien aber mittlerweile überlebt haben: Brüderlichkeit und Einheit als zentrale Werte vor allem. Selbst im täglichen Kampf um den Lebensstandard haben sie dennoch Zeit gefunden zu idealisieren, was sie verlassen haben.

Geblieben ist – in der alten wie in der neuen Heimat – die Liebe zu ihrem Land. Hinzugekommen ist die Zerrissenheit: „In Serbien bin ich Österreicher, hier Serbe, also bin ich zwischen Himmel und Erde“, sagt ein Zwanzigjähriger, der seine Freizeit im Klub „Jedinstvo“ in der Praterstraße verbringt. Seine Freundin ergänzt: „Da ich in Wien geboren wurde, spreche ich perfekt Deutsch, aber weil ich einen Familiennamen habe, der auf ,-ic‘ endet, bleibe ich für immer eine Fremde.“

Tradition und Identität von Serben werden meist vom orthodoxen Glauben und der serbischen Sprache bestimmt. Das bleibt nicht ohne Konsequenzen für das gesellschaftliche Leben: Hier gibt es Dutzende serbische Vereine, in denen Feste und Wettbewerbe stattfinden, sowie zahlreiche Restaurants, Clubs und Gasthäuser.


Gemeinsam feiern

Hier wird gefeiert: die bekannten Feste, Ostern und Weihnachten zum Beispiel, aber auch jene, die typisch für die serbische Community sind, etwa den „Slava“ – ein Fest zu Ehren des Schutzheiligen einer Familie. Die Feier dauert mehrere Tage und im kulinarischen Zentrum steht die serbische Küche. Wichtig bei „Slava“ ist auch das Gemeinsame, die Gastfreundschaft – und so sind hierzulande auch viele „Ur-Österreicher“ zu diesem „ur-serbischen“ Fest eingeladen.

Die Verbundenheit von Serben und Österreichern reicht weit in die Geschichte zurück: Soldaten der beiden Völker standen Seite an Seite und zogen gemeinsam in den Krieg. Serbische Militärangehörige finden sich auch unter den Trägern des Maria Theresia-Ordens. Und: Eine bedeutende Zahl serbischer Intellektueller und Künstler studierte und arbeitete in Wien. Am häufigsten wird das Werk von Vuk Stefanovic Karadzic mit Wien in Verbindung gebracht – unter anderem hat er das „Serbische Wörterbuch“ im Mechitaristenkloster in Wien-Neubau herausgebracht.

Wiens Serben

143.077 Wiener haben die Staatsangehörigkeit Serbiens und Montenegros (Auswertung der „Statistik Austria“, Bevölkerungsstatistik 2001); 74.198 von ihnen bekennen sich zum serbisch-orthodoxen Christentum. Für 97.824 ist Serbisch die zweite Umgangssprache. In dieser Sprache gibt es auf dem Markt derzeit elf Medien, die für den österreichischen Markt produziert werden.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.06.2008)

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8 Kommentare
Gast: zoki
29.08.2008 13:51
0 0

artikel

ein sehr gelungener artikel, vor allem gefällt mir der letzte absatz von den österreichischen und serbischen soldaten, denn das hab ich nicht gewusst.
ich wünschte nur, es gäbe mehr von solchen positiven artikeln!

Gast: dr.med.cand.
20.06.2008 00:42
0 0

interessant...

findes es mal -zur abwechslung- schön interessante und positive schlagzeilen über serben zu lesen. ständig werden irgendwelche politiker, kriegsverbrecher, ... (versteht mich nicht falsch. diese leute will ich nicht schönreden) zitiert aber ich glaube dem gemeinen serben tut man hier in österreich keinen gefallen damit (egal ob österreicher mit serbischen migrationshintergrund oder serbe, der einfach hier lebt.) drum danke labudovic für diesen amüsanten artikel.
danke auch, dass ich jetzt wissen darf woher das wort tschusch kommt. :)
solche artikel sind wenn nicht der integration, dann zumindest einem besseren zusammenleben dienlich.
liebe grüße aus innsbruck

Gast: Gast
19.06.2008 08:50
0 0

Netter Beitrag,...

...aber das Wirken diverser "heldenhafter" Österreicher in Serbien sollte man auch nicht vergessen, wenn man schon die gemeinsame Vergangenheit verklärt.

Etwa von Wehrmachtsgeneral Franz Böhme, verantwortlich für massenhafte Rachemorde der Nazi-Okkupationsarmee an serbischen Zivilisten: http://de.wikipedia.org/wiki/Franz_B%C3%B6hme

In Österreich völlig vergessen, in Serbien noch wohlbekannt.

Gast: tc_t
19.06.2008 08:27
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ich gratuliere...

nur sollte man nicht vergessen, dass dies ebenso für kroaten gilt

Mal ganz ehrlich ...

... einige meiner Freunde haben Namen, die auf "ic" enden und ihre Familien sind meist schon seit Jahrzehnten waschechte Österreicher. Warum ? Weil sie sich selbst als solche betrachten. Würde sich das nette interviewte Mädchen als Österreicherin betrachten und nicht die längste Zeit als Serbin in Österreich, könnts mit der "Integration" und der Anerkennung vielleicht viel schneller gehen als sie zu glauben wagt. Nicht immer sind es die bösen, bösen, faschistoiden Österreicher, die eine dementsprechende Anerkennung verhindern.

Wie hieß noch die steirische Landeshauptfrau ?
War da nicht ein "ic" am Ende ?
Und ? Hat sie die ganze Zeit davon gefaselt slovenische Wurzeln zu haben ... ?

Antworten Gast: Gast2
19.06.2008 10:52
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Re: Mal ganz ehrlich ...

Na da macht es sich aber jemand auch leicht... Dieses nette interviewte Mädchen spricht nicht von sich, sondern so wie sie von anderen gesehen wird...
wenn ich mir deinen Namen anschaue "Moha..." würde ich auch in erster Linie aus moslemisch tippen (natürlich könnte ich mich auch irren)...
Aber Sie hat weder gesagt dass sie sich als Österreicherin sieht noch als Serbin...
Vielleicht sieht sie sich als Österreicherin und nur wird sie als fremde betrachtet wegen dem Namen...
Die Österreicher werden "nicht immer als die bösen, bösen, faschistoiden (...)" angesehen und beschuldigt, dies entspringt Ihrer Fantasie...

Antworten Gast: grubenuhnd
19.06.2008 10:18
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Re: Mal ganz ehrlich ...frau landeshauptmann

mit "ic" am Ende: den Namen dürfte sie von ihrem Mann geschenkt bekommen haben (http://klasnic.demo.dogmasites.com/index.jsp?flash=true&pageId=6), hat sie bestimmt die Wurzeln von denen sie in dankenswerter Weise nicht gefaselt hat?
Ist solch ein Faseln gleich mit Vaterlandsverrat gleichzusetzen?

Gast: .......
18.06.2008 21:35
0 0

........

Schöner Beitrag :)


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