Ort der Sehnsucht, Schmelztiegel der Migration

Für Wien war der Südbahnhof das Tor in den Süden, für viele Migranten der erste Kontakt mit Österreich.

Der Südbahnhof wurde schon 1869 als zu klein und wenig repräsentativ deklariert und abgerissen. Er galt in seiner Geschichte immer schnell als unliebsamer Ort.“ Elisabeth Fritz, Kunstvermittlerin der Generali Foundation, ist einer der wenigen Fans des „Fernbahnhofs mit italienischem Flair“.

Sie weist auf die durchgehende Sockelzone aus rotem Marmor hin, die abgerundeten Ecken der mit Mosaiksteinchen besetzten Wände, die damals neu entwickelten „Spanndrahtdächer“ über den Bahnsteigen und den Steinboden, auf dem in verschiedenen Mustern Richtungen und Bereiche gekennzeichnet sind.

 

Flüchtlinge aus Bosnien

„Der Bahnhof machte einen extremen Imagewechsel durch. Galt er erst als Zeitmaschine nach Triest, in der man am Abend schick angezogen flanierte, als Ort der Sehnsucht, so wurde er später mit bestimmten sozialen Schichten, mit Obdachlosigkeit und Armut verbunden und von der Gesellschaft eher gemieden.“ Und stand symbolisch und real wohl auch für Migranten aus dem Süden und Osten – und später für die Flüchtlinge des Bosnien-Krieges.

Zu dieser Zeit konnte man viele alte Bäuerinnen mit schwarzem Kopftuch und Kleid im Bahnhof sehen, die wegen des Krieges aus ihren Dörfern flüchten mussten. Auch dramatische Szenen spielten sich auf den Bahnsteigen ab: So lag während des Bosnien-Krieges eine geflüchtete Frau ohnmächtig auf dem Boden, nachdem sie einen ihrer Peiniger erkannt hatte – einen in Wien lebenden Söldner, der jedes Wochenende in den Krieg reiste.

„Man hätte nur das Glasdach, das früher die Halle mit Licht durchflutete, die schmutzigen Gitter und die Fenster putzen müssen und einiges renovieren – seit mehreren Jahren wurde nichts mehr gemacht, nicht gleich alles abreißen“, meint Mario Klaric. Er kennt den Bahnhof gut. Vier Jahre lang hat er als Kellner im Espresso oben in der Halle Richtung Südbahn gearbeitet. Das Café ist seit Freitag gesperrt. Für Klaric aus sentimentaler Sicht ein Verlust. Finanziell ist es für ihn nicht so schlimm, er hat schon einen neuen Job in einem Casino in Aussicht.

Für Hans Krasensky, ehemals Leiter eines Bosnier-Flüchtlingslagers des Arbeitersamariterbundes in Unter St.Veit, ist es der Verlust seines Stammkaffeehauses. Oft war er im Café mit dem bunten Mosaik an der Wand, das unter Denkmalschutz steht: „Es gibt ja nichts anderes in der Nähe.“

Das Ende des Bahnhofs bedeutet auch, dass einige Arbeitsplätze abwandern. Der Zeitungsverkäufer aus dem Panjab, etwa. Er war zufrieden mit seinem Standplatz in der Halle. „Es ist immer viel los, obwohl es viel Arbeit für wenig Geld ist“, meint er. Und was macht er jetzt? „Ich weiß noch nicht, wohin ich nachher kommen werde.“

Der Markuslöwe, der am früheren Gründerzeitbau des Bahnhofs oben auf dem Giebel stand, ist schon aus der Halle verschwunden. Das Kunstwerk mit dem blinkenden Auge auf dem Fahrsteig („Ein Augenblick Zeit“ von Kurt Hofstetter, 1994), eines der ersten digitalen Medienkunstwerke im öffentlichen Raum, wurde nach Karlsruhe überstellt, in Peter Weibels Zentrum für Kunst und Medientechnologie.

„Der Bau gilt als überholt und hässlich und darf daher nicht bleiben, vom neuen wird Besseres erwartet. Dabei sind gerade die vielen Details das Schöne am jetzigen Südbahnhof“, sagt Elisabeth Fritz. Im Rahmen der Ausstellung „Die Moderne als Ruine. Eine Archäologie der Gegenwart“ wird in der Generali Foundation gerade von Künstlern der Fortschrittsglaube der Moderne kritisiert.

 

Nicht mehr erhaltenswert

Der Südbahnhof von Wilhelm von Flattich, der 1873 zur Weltausstellung nicht fertig war, was damals für Chaos sorgte, wurde 1956 zugunsten des heutigen Baus, der noch bis Ende 2009 zugänglich ist, abgerissen. Nun kommt ein Durchgangsbahnhof, und das architektonisch schwierige Modell mit Süd- und Ostbahnhof auf verschiedenen Ebenen gilt als nicht mehr erhaltenswert.

Im Rahmen der Ausstellung „Die Moderne der Ruine“ gibt es eine Führung durch den Südbahnhof. Termin: 12.September. Infos im Internet unter:

http://foundation.generali.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.08.2009)

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