Porträt: Ein Austroperser auf Robert De Niros Spuren

Morteza Tavakoli kam während des ersten Golfkriegs als Flüchtling nach Österreich. In den USA ließ er sich zum Schauspieler ausbilden, im österreichischen Fernsehen kämpft er nun gegen Migrantenklischees.

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(c) Clemens Fabry

Al Pacino war da, Dustin Hoffman auch, Robert De Niro ebenfalls. Und Morteza Tavakoli. Seit 2005 ist auch der 26-jährige Austroperser Absolvent der wohl berühmtesten Schauspielschule unserer Hemisphäre, des Lee Strasberg Theatre and Film Institute in New York.

„Ich hatte dieselben Professoren wie einige Hollywoodschauspieler“, sagt Tavakoli. Doch es ist nicht nur der renommierte Ort der Ausbildung allein, von dem er profitiert hat: „Die Schule allein ist es ja nicht“, meint er, „von der Stadt selbst konnte ich so viel lernen. New York ist bestens geeignet, um Menschen aller Herren Länder zu beobachten. Beobachten, recherchieren und die Charaktere eingehend studieren ist ja das A und O der Schauspielerei.“

Tavakoli war fünf Jahre alt, als seine Familie nach Österreich einwanderte. Die Achtzigerjahre waren im Nahen Osten geprägt durch den ersten Golfkrieg zwischen dem Iran und dem Irak. Mit der Emigration nach Österreich erhoffen sich die Eltern eine bessere Zukunft für ihre zwei Söhne. In Wien angekommen, trifft Tavakoli auf seinen Onkel Massud Rahnama, einen im Iran berühmten Schauspieler, der wegen der dortigen Zensur für Künstler ebenfalls nach Österreich kam.

„Mein Onkel war hier oft auf der Bühne. Durch ihn habe ich meine Leidenschaft für Schauspielerei entdeckt. Er war mein großer Lehrer“, erzählt Tavakoli. Mithilfe seines Onkels erhält er seine erste Theaterrolle – im Alter von sechs Jahren. Nach einigen Nebenrollen im Theater erhält Tavakoli 2002 seine erste große Filmrolle als „Rocco“ im gleichnamigen Film von Houchang Allahyari.

Doch Tavakoli will mehr, nämlich eine professionelle Ausbildung. Schließlich landet der Jungschauspieler in New York. „Ich habe mich an der Lee-StrasbergSchule voll und ganz auf meine Ausbildung konzentriert. Das war harte Arbeit.“ Harte Arbeit, die sich lohnen sollte. Denn nach dem Abschluss erhält Tavakoli gleich etliche Angebote für Theaterproduktionen.

Als großer Erfolg sollte sich seine Rolle als Marinesoldat im Stück „The Brig“ herausstellen, das vom bekannten New Yorker Projekt „The Living Theatre“ realisiert wurde. Dieses Künstlerkollektiv wurde vor 50Jahren als Alternative zu den kommerziellen Produktionen in den USA gegründet. So werden Stücke von Autoren aufgeführt, die normalerweise wenig beachtet werden, oder gesellschaftskritische Stücke wie eben „The Brig“, das Einblicke in die Brutalität von US-Gefängnissen bietet. Tavakoli ist der einzige Nichtamerikaner in diesem Ensemble. „Das Stück war über die Jahre sehr erfolgreich. Wir erhielten auch zwei Obie Awards, die Oscars des Off-Broadway-Theaters“, erzählt er.

Seit dem Abschluss seiner Ausbildung pendelt Tavakoli zwischen Wien und New York. Während die Rollenangebote in Amerika eher bunt sind, sind sie in Österreich noch recht einseitig. „Ich wehre mich gegen diese Klischeerollen, die ich oft angeboten bekomme: Schwarzkopf, spricht kaum Deutsch, ist kriminell.“ So erfuhr auch seine Rolle als Ahmed Ahmadi in der Produktion „Das jüngste Gericht“ eine Wandlung.

„Der Regisseur hat mich zuerst gefragt, ob ich die Rolle mit einem schlechteren Deutsch spielen kann. Ahmed ist mit seiner Herkunft sowieso schon Klischee, warum muss er auch noch schlecht Deutsch sprechen? Vielleicht ist er hier geboren?“, wirft Tavakoli ein.

So empfindet Tavakoli auch große Sympathien für seine aktuelle Rolle als Kemal Öztürk in der ORF-Serie „Schnell ermittelt“. „Kemal repräsentiert kein Klischee. Er ist Computerexperte, ein moderner Austrotürke, der gut gekleidet und sehr auf Zack ist“, sagt Tavakoli. Eine Rolle, mit der er sich gut identifizieren kann und die jenseits der üblichen Vorstellung von jungen türkischstämmigen Menschen angesiedelt ist.

 

Identifizieren mit Österreich

„In Amerika empfinden sich die Jungen in erster Linie als Amerikaner. Sie sprechen dennoch die Sprache ihrer Herkunftsländer, entsagen ihren Wurzeln nicht.“ Das sei in Österreich noch lange nicht der Fall, zu wenig könne sich die junge Generation mit Österreich identifizieren.

In der Rolle als aufstrebender Jungstar der österreichischen Filmlandschaft fühlt sich der Schauspieler sichtlich wohl. „Es wurde oft schlecht geredet über österreichische Filmproduktionen“, meint er, „erst in letzter Zeit wurden die großen Talente gepriesen.“ So ging 2008 ein Oscar an Österreich („Die Fälscher“); 2009 bekam Götz Spielmanns „Revanche“ eine Oscar Nominierung. Und Christoph Waltz, mit dem Tavakoli für „Das jüngste Gericht“ vor der Kamera stand, wird für seine Rolle in Quentin Tarantinos „Inglourious Basterds“ für einen Oscar gehandelt.

Dennoch: „Es gibt mehr gute Filmmacher hier und noch viel mehr Talente, die gefördert werden müssen.“ Ein Punkt bei dem Kritik mitschwingt, denn für ihn selbst gab es vom Staat Österreich kaum Unterstützung: „Ich habe an allen möglichen offiziellen Stellen Hilfe beantragt – ohne Erfolg.“ So finanzierte sich Tavakoli sein Studium selbst. Hilfe kam schließlich doch, wenn auch von unerwarteter Seite: Anna Strasberg persönlich, die Frau des legendären Gründers der Studios, griff ihm unter die Arme. Auf dass er einmal mit Namen wie Pacino, Hoffman und De Niro in einem Atemzug genannt werden soll.

Im Fernsehen

Krimi:Morteza Tavakoli ist als türkischer Computerexperte Kemal Öztürk in „Schnell ermittelt“ zu sehen (ab 2.Februar jeden Di. um 20.15Uhr auf ORF 1). In einer Folge von „Soko-Donau“ mimt Tavakoli den Kopf einer Graffitisprayerbande, Ali Demir. Zu sehen am 22.Jänner um 18Uhr im ZDF.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.01.2010)

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