Bis zu 100.000 „Illegale“ in Österreich

Wie viele Menschen ohne Aufenthaltsberechtigung in Österreich leben, kann nur grob geschätzt werden. Experten sprechen jedenfalls von mehreren zehntausend – darunter sind auch viele Kinder.

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(c) AP (Rajesh Kumar Singh)

"Nein, illegal bin ich nicht", sagt Andrzej Nosek (Name von der Redaktion geändert), „ich darf nur nicht einreisen.” Der gebürtige Pole lebt in Österreich, obwohl er es nicht dürfte. Zwar ist er als Pole EU-Bürger, doch besteht gegen ihn ein zehnjähriges Einreiseverbot – über das er sich hinweggesetzt hat. Nachdem er nach Tschechien ausgewiesen worden war, kam er mit dem nächsten Zug einfach wieder zurück.

Damit ist Nosek einer von vielen illegal in Österreich lebenden Menschen. Wie viele es genau sind, darüber gibt es vor allem eines: Spekulationen. „Ich würde mich nicht trauen zu sagen, wie viele illegale Einwanderer es gibt“, sagt Gudrun Biffl, Leiterin des Departments Migration und Globalisierung an der Donau-Universität Krems, „aber die Schätzungen, die es gibt, stellen wohl nur die Spitze des Eisbergs dar.“

Auf 45.000 irregulär arbeitende Migranten kommt Biffl in einer Studie aus dem Jahr 2002. 57.000 „Illegale“ im Jahr 2003 und schon 97.000 im Jahr 2007 wies eine Studie des ICMPD (International Centre for Migration Policy Development) aus. Auf 77.572 illegal in Österreich Aufhältige kommt Migrationsforscher Michael Jandl in einer Studie aus dem Jahr 2001, für 2005 spricht er von 49.506, für 2008 von 36.252 „Illegalen“.

Das Innenministerium wiederum, das Fälle organisierter Schlepperkriminalität und illegaler Migration sammelt, spricht im Jahresbericht von 2008 von 5914 Personen, die rechtswidrig eingereist bzw. aufhältig waren, 8734 seien demnach geschleppt worden, 371 waren selbst Schlepper. Laut Fremdenstatistiken von 2009 sind 2547 Personen ausgewiesen und 2481 abgeschoben worden. Die Schwäche dieser offiziellen Zahlen: Gezeigt werden nur tatsächlich aufgegriffene Personen.

„Diese Zahlen sind mit Vorsicht zu genießen, da es immer nur Schätzungen sind“, sagt Katerina Kratzmann von der Internationalen Organisation für Migration: „Irregularität bringt nun mal als Hauptkomponente mit sich, nicht entdeckt werden zu wollen, was das Zählen schwierig macht.“ Kratzmann betont zusätzlich: „Die Begrifflichkeit irregulär liegt uns in der Wissenschaft besser als illegal, da illegal doch sehr negativ konnotiert ist.“

 

Arbeiten ohne Papiere

Ob irregulär oder illegal, für Andrzej Nosek macht der Begriff wenig Unterschied. „Vor 15 Jahren bin ich legal eingereist”, erzählt er, „aber dann habe ich ohne Papiere gearbeitet.” Das ist eine Kombination aus legalem und illegalem Status, wenn zwar der Aufenthalt legal ist, aber eine illegale Beschäftigung freiwillig ausgeübt wird. Oder aufgrund des eingeschränkten Zugangs zum Arbeitsmarkt eine legale Beschäftigung nicht möglich ist.

Zunächst läuft für ihn alles gut, 15 Jahre lebt er mit einer Österreicherin zusammen. Doch als die Beziehung zu Ende ist, fängt er übermäßig zu trinken an. Im Rausch schlägt er eine Scheibe ein und wird für vier Monate eingesperrt. Schließlich wird er mit einem Einreiseverbot belegt – das er gleich wieder umgeht.

Vom Rechtlichen versteht er wenig, sagt er. Anders als vom schwierigen Leben als illegal Aufhältiger in Österreich. „Nichts wünsche ich mir mehr als eine reguläre Arbeit und Beziehung”, sagt er. Auch seine Alkoholsucht will er in den Griff bekommen. Und das will er in Österreich machen. Denn nach Polen zieht ihn nichts mehr. Im Gegenteil – aus dem „goldenen Westen” kommt man nicht „mit leeren Händen” zurück. Es ist die Scham, als Verlierer abgestempelt zu werden.

„Sans Papiers“, illegale Einwanderer, irregulär Aufhältige oder illegal Erwerbstätige sind gleichsam Klassifikationen, die verwendet werden, um den illegalen Status von Einwanderern zu benennen. Rechtlich gesehen gibt es drei Hauptquellen der Illegalität: Einreise, Aufenthalt und Beschäftigung. Illegal kann man schon bei der Einreise werden – wenn man etwa ohne gültige Papiere kommt, Opfer von Menschenhandel oder Schlepperei wird, oder die Grenze irregulär passiert.

 

Illegal durch Scheidung

Hält sich ein Einwanderer zunächst legal im Land auf, kann er dennoch leicht in die Illegalität rutschen, etwa indem sein Aufenthaltsstatus die Gültigkeit verliert. Studenten, Saisonniers, sogar Touristen, deren Visum abläuft, sind betroffen. Aber auch durch Scheidung oder durch Nichteinhalten von Fristen kann es zur Illegalität kommen.

Ist ein Familienzuzug nicht möglich, die Familie kommt dennoch nach, hält sie sich in der Regel ebenfalls illegal auf – so geschehen etwa beim Fall von Arigona Zogaj, deren Familie einreiste, obwohl der Vater bereits einen ablehnenden Bescheid hatte.

Irgendwann gehen auch die Kinder – trotz eigentlich illegalen Aufenthalts – zur Schule. Sie wachsen in Österreich auf, sind vielleicht gut integriert – und werden irgendwann plötzlich damit konfrontiert, dass sie das Land verlassen müssen.

Dabei handelt es sich keinesfalls um ein Minderheitenproblem – laut einer Untersuchung von Gudrun Biffl aus dem Jahr 2002 sind in der Gruppe der Sechs- bis 15-Jährigen etwa 5000 bis 7000 illegal in Österreich aufhältig. Aber auch hier gilt wieder – die Zahlen sind mit Vorsicht zu betrachten.

IN ZAHLEN

Illegale Einwanderung: Eine Gesamtzahl illegaler Einwanderung gibt es nicht, da es sich um ein vielseitiges und schwer bezifferbares Phänomen handelt.

Illegal beschäftigt: 2007 gab es 97.000 illegal Beschäftigte, wie viele davon illegal aufhältig waren, ist unklar. Nicht regulär aufhältig sind laut einer Studie aus dem Jahr 2008 36.252 Menschen, laut Fremdenstatistiken sind 5914 Menschen rechtswidrig aufhältig.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.05.2010)

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