Bis zu 100.000 „Illegale“ in Österreich

04.05.2010 | 19:09 |  ANIA HAAR (Die Presse)

Wie viele Menschen ohne Aufenthaltsberechtigung in Österreich leben, kann nur grob geschätzt werden. Experten sprechen jedenfalls von mehreren zehntausend – darunter sind auch viele Kinder.

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"Nein, illegal bin ich nicht", sagt Andrzej Nosek (Name von der Redaktion geändert), „ich darf nur nicht einreisen.” Der gebürtige Pole lebt in Österreich, obwohl er es nicht dürfte. Zwar ist er als Pole EU-Bürger, doch besteht gegen ihn ein zehnjähriges Einreiseverbot – über das er sich hinweggesetzt hat. Nachdem er nach Tschechien ausgewiesen worden war, kam er mit dem nächsten Zug einfach wieder zurück.

Damit ist Nosek einer von vielen illegal in Österreich lebenden Menschen. Wie viele es genau sind, darüber gibt es vor allem eines: Spekulationen. „Ich würde mich nicht trauen zu sagen, wie viele illegale Einwanderer es gibt“, sagt Gudrun Biffl, Leiterin des Departments Migration und Globalisierung an der Donau-Universität Krems, „aber die Schätzungen, die es gibt, stellen wohl nur die Spitze des Eisbergs dar.“

Auf 45.000 irregulär arbeitende Migranten kommt Biffl in einer Studie aus dem Jahr 2002. 57.000 „Illegale“ im Jahr 2003 und schon 97.000 im Jahr 2007 wies eine Studie des ICMPD (International Centre for Migration Policy Development) aus. Auf 77.572 illegal in Österreich Aufhältige kommt Migrationsforscher Michael Jandl in einer Studie aus dem Jahr 2001, für 2005 spricht er von 49.506, für 2008 von 36.252 „Illegalen“.

Das Innenministerium wiederum, das Fälle organisierter Schlepperkriminalität und illegaler Migration sammelt, spricht im Jahresbericht von 2008 von 5914 Personen, die rechtswidrig eingereist bzw. aufhältig waren, 8734 seien demnach geschleppt worden, 371 waren selbst Schlepper. Laut Fremdenstatistiken von 2009 sind 2547 Personen ausgewiesen und 2481 abgeschoben worden. Die Schwäche dieser offiziellen Zahlen: Gezeigt werden nur tatsächlich aufgegriffene Personen.

„Diese Zahlen sind mit Vorsicht zu genießen, da es immer nur Schätzungen sind“, sagt Katerina Kratzmann von der Internationalen Organisation für Migration: „Irregularität bringt nun mal als Hauptkomponente mit sich, nicht entdeckt werden zu wollen, was das Zählen schwierig macht.“ Kratzmann betont zusätzlich: „Die Begrifflichkeit irregulär liegt uns in der Wissenschaft besser als illegal, da illegal doch sehr negativ konnotiert ist.“

 

Arbeiten ohne Papiere

Ob irregulär oder illegal, für Andrzej Nosek macht der Begriff wenig Unterschied. „Vor 15 Jahren bin ich legal eingereist”, erzählt er, „aber dann habe ich ohne Papiere gearbeitet.” Das ist eine Kombination aus legalem und illegalem Status, wenn zwar der Aufenthalt legal ist, aber eine illegale Beschäftigung freiwillig ausgeübt wird. Oder aufgrund des eingeschränkten Zugangs zum Arbeitsmarkt eine legale Beschäftigung nicht möglich ist.

Zunächst läuft für ihn alles gut, 15 Jahre lebt er mit einer Österreicherin zusammen. Doch als die Beziehung zu Ende ist, fängt er übermäßig zu trinken an. Im Rausch schlägt er eine Scheibe ein und wird für vier Monate eingesperrt. Schließlich wird er mit einem Einreiseverbot belegt – das er gleich wieder umgeht.

Vom Rechtlichen versteht er wenig, sagt er. Anders als vom schwierigen Leben als illegal Aufhältiger in Österreich. „Nichts wünsche ich mir mehr als eine reguläre Arbeit und Beziehung”, sagt er. Auch seine Alkoholsucht will er in den Griff bekommen. Und das will er in Österreich machen. Denn nach Polen zieht ihn nichts mehr. Im Gegenteil – aus dem „goldenen Westen” kommt man nicht „mit leeren Händen” zurück. Es ist die Scham, als Verlierer abgestempelt zu werden.

„Sans Papiers“, illegale Einwanderer, irregulär Aufhältige oder illegal Erwerbstätige sind gleichsam Klassifikationen, die verwendet werden, um den illegalen Status von Einwanderern zu benennen. Rechtlich gesehen gibt es drei Hauptquellen der Illegalität: Einreise, Aufenthalt und Beschäftigung. Illegal kann man schon bei der Einreise werden – wenn man etwa ohne gültige Papiere kommt, Opfer von Menschenhandel oder Schlepperei wird, oder die Grenze irregulär passiert.

 

Illegal durch Scheidung

Hält sich ein Einwanderer zunächst legal im Land auf, kann er dennoch leicht in die Illegalität rutschen, etwa indem sein Aufenthaltsstatus die Gültigkeit verliert. Studenten, Saisonniers, sogar Touristen, deren Visum abläuft, sind betroffen. Aber auch durch Scheidung oder durch Nichteinhalten von Fristen kann es zur Illegalität kommen.

Ist ein Familienzuzug nicht möglich, die Familie kommt dennoch nach, hält sie sich in der Regel ebenfalls illegal auf – so geschehen etwa beim Fall von Arigona Zogaj, deren Familie einreiste, obwohl der Vater bereits einen ablehnenden Bescheid hatte.

Irgendwann gehen auch die Kinder – trotz eigentlich illegalen Aufenthalts – zur Schule. Sie wachsen in Österreich auf, sind vielleicht gut integriert – und werden irgendwann plötzlich damit konfrontiert, dass sie das Land verlassen müssen.

Dabei handelt es sich keinesfalls um ein Minderheitenproblem – laut einer Untersuchung von Gudrun Biffl aus dem Jahr 2002 sind in der Gruppe der Sechs- bis 15-Jährigen etwa 5000 bis 7000 illegal in Österreich aufhältig. Aber auch hier gilt wieder – die Zahlen sind mit Vorsicht zu betrachten.

IN ZAHLEN

Illegale Einwanderung: Eine Gesamtzahl illegaler Einwanderung gibt es nicht, da es sich um ein vielseitiges und schwer bezifferbares Phänomen handelt.

Illegal beschäftigt: 2007 gab es 97.000 illegal Beschäftigte, wie viele davon illegal aufhältig waren, ist unklar. Nicht regulär aufhältig sind laut einer Studie aus dem Jahr 2008 36.252 Menschen, laut Fremdenstatistiken sind 5914 Menschen rechtswidrig aufhältig.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.05.2010)

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36 Kommentare
 
12

oh gott

Der arme pole der sich über Rechtsstaatlichkeit hinwegsetzt

Gast: lieber tot als Grün
05.05.2010 13:08
4

100.000 Illegale in Österreich

100.000 Grün-Wähler, wenn die Illegalen wählen dürften...

Aber im ernst einige Fragen:

• Von was leben diese Illegalen hier in Ö?
• Wo leben sie?
• Wie leben sie?
• Wie kamen sie nach Österreich?


Gast: Franziska
05.05.2010 10:26
0

Man sollte dazu sagen

dass viele EU-Bürger gar nicht wissen, dass sie in einem anderen EU-Land noch immer Aufenthaltsbewilligungen brauchen. Ich habe vor 10 Jahren für 9 Monate in Paris gelebt, habe das nicht gewusst - und war somit auch ein "Illegaler" in Frankreich.

Antworten Gast: Horazio
05.05.2010 12:41
0

Man braucht in einem anderen EU-Land eine Aufenthaltsbewilligung?

Ich bin doch EU-Brüger und darf mich niederlassen, wo ich will! Wozu soll ich eine Bewilligung einholen müssen?

Das Beispiel des Polen,

halte ich für absoluten Schwachsinn,
da Polen ein EU-Mitglied ist
und diese Übergangsfristen nur aus Angst der etablierteren Staaten überhaupt erst eingeführt wurden,
wodurch reguläre EU-Bürger in anderen EU-Mitgliedsländern automatisch zu Kriminellen abgestempelt werden.

Solche Übergangsregeln,
hätte es dann auch gegen unsere Deutschen Nachbarn geben müssen,
dann hätten wir alleine von denen 200.000 Illegale im Land.

Abgesehen davon ist kein Mensch illegal,
sondern höchstens von der -sich für etwas besseres haltenden- ansässigen Sippe als unerwünscht empfunden.

Man muss nicht immer gleich alle kriminalisieren,
die sich ein besseres Leben erarbeiten wollen.

Re: Das Beispiel des Polen,

Falls Sie es nicht gelesen haben:
Der Pole ist nicht illegal in Österreich, weil er Pole ist, sondern weil er trotz eines explizit verhängten 10 Jährigen Einreiseverbotes sofort wieder nach Österreich eingereist ist.

So ein Verbot wird normalerweise nicht grundlos verhängt und kann gerichtlich beeinsprucht werden, jedoch ist es illegal, ein Verbot dieser Art einfach zu ignorieren. Das gilt genauso wie für Geschwindigkeitsbegrenzungen, Drogenkonsum, Einbruchdiebstahl, Mord und viele andere Delikte.

Antworten Gast: schlÄchter
05.05.2010 11:04
0

Re: Das Beispiel des Polen,

sg "grinch"!

"Abgesehen davon ist kein Mensch illegal,
sondern höchstens von der -sich für etwas besseres haltenden- ansässigen Sippe als unerwünscht empfunden."

so einfach ists nicht und das wissen sie genau.
es gibt aus guten gründen (leider geht fast jeder mensch den weg des geringsten widerstandes oder setzt seiune ellebogen ein, um sich ein besseres leben zu erarbeiten - und das ist eben oft schon illegal) eben internationales recht auf niederlassungs- erwerbsfreiheit, auf umverteilung, gleichen wohlstand für alle.

die ansässige sippe pauschal als egoisten und profitierer abzustempeln scheint ihre selbsterhöhung und ihre ausrede zu sein, da
sie vermutlich selbst recht gut von ihrer sippenzugehörigkeit zu den ansässigen leben ?

schönen tag noch
s.



Antworten Gast: Dr.N.N.
05.05.2010 10:26
0

Richtig,

das ist genauso lächerlich, als würde ein Tiroler in Wien eine Aufenthaltsbewilligung brauchen. Entweder wir sind in der EU oder nicht.

Gast: Politicus1
05.05.2010 09:55
8

nicht sehr glaubhaft:

"Im Rausch schlägt er eine Scheibe ein und wird für vier Monate eingesperrt. "
Nach meiner Erfahrung kriegt ein Mann wegen so etwas nicht vier Monate unbedingt - zumindest nicht beim ersten Mal!
Vielleicht hat er zum Einschlagen der Scheibe einen Menschen benützt?
Vielleicht war es die Auslagenscheibe eines Juweliers?

Gast: Kommentator
05.05.2010 09:20
3

Haben wir denn überhaupt so viele Flugzeuge?

Das dauert ja sonst ewig, bis die weg sind...

Antworten Gast: Insider
05.05.2010 12:42
0

Wenn die alle weg wären,

könnte die gesamte heimische Bauwirtschaft sofort Konkurs anmelden. Deswegen wird nichts passieren.

Verdächtige Stille

Was ist eigentlich mit den Baufirmen die Illegale beschäftigt haben und dann permanent in Konkurs gingen, man hört gar so wenig davon.

Gast: ET
05.05.2010 08:53
1

Ein Versagen!

Es ist ein Versagen des Gesetzgebers, also der Parteien.

Es ist ein Versagen der Exekutive. Auch dort hätte die Politik die Verantwortung zur Steuerung und Kontrolle.

Es ist auch ein Versagen der Justiz, welche nichts macht, nicht machen will und vielleicht auch nichts machen kann, weil schon der Gesetzgeber versagt.

Unseren Parteibonzen ist es doch viel wichtiger, wenn diese die Korruption unbeweisbar halten können. Es ist viel wichtiger die Macht der Parteien im unerträglichen geschützten Bereich aufrecht zu halten- Es ist viel wichtiger die schönen Bonzenposten auch zu bekommen.

Österreich ist für die Parteien eben nicht wichtig. Das ist schon das Versagen!

Antworten Gast: Udo
05.05.2010 12:43
0

Wer lesen kann...

Die Justiz ist für Aufenthaltsfragen nicht zuständig. Steht im BV-G.

IM GEGENSATZ ZU GRIECHENLAND..

leben in Österreich nur die Ausländer und Illegalen über ihre Verhältnisse..!
Der brav arbeitende und steuerzahlende Österreicher wird dafür bei jeder Gelegengeheit von den Gutmenschen gnadenlos abgemolken..!

Antworten Gast: Hanni
05.05.2010 10:28
0

So stimmt das leider nicht.

Die meisten Großkriminellen der letzten Jahre (zB aus dem Bankerbereich oder der Politik/Lobbyingsparte) sind eindeutig Österreicher und haben uns eindeutig mehr gekostet als 100.000 ausländische Kleinkriminelle zusammen.

Und da die Minister der ÖVP, vor allem ihre Finanzminister, Polizei, Justiz und Gefangenenhäuser an den Rand des Kollabierens gebracht haben,...

...werden die Österreicher in Zukunft auch vielleicht bald das Glück haben, von Gefangenen mit Elektronikfesseln oder von den vielen Freigängern oder den vielen frühzeitig Entlassenen auf kriminelle Weise an die Brust genommen zu werden. Denn in den Gefängnissen ist ja kein Platz mehr. Und die ÖVP-Finanzminister werden auch keinen schaffen lassen.

Mit einer ÖVP in der Regierung werden die Illegalen auch nicht abnehmen

Wo gibt es in der Gemeinde Wien illegal Beschäftigte? Aber in der Klientel der ÖVP (Erntehelfer für die Landwirtschaft, Bau- und Baunebengewerbe, Gastgewerbe, Handwerksbetriebe, Reinigungsunternehmen, Personalleasingfirmen usw. usw.) gibt es jede Menge illegal Beschäftigter. Oder mit falschen Anmeldungen auf Kosten der Steuerzahler Beschäftigte.

Von den zahlreichen Schwarz- und Scheinfirmen, von denen auch fast ausschließlich nur die ÖVP-Klientel profitiert, einmal abgesehen.

Wobei die zuständigen ÖVP-Minister auch bewiesen haben, dass sie zu den Besten gehören, was die erfolglose Bekämpfung illegal Beschäftigter und illegaler Firmen betrifft. Die explosionsartige Zunahme der Taschelzieher, Einbrecher, Räuber unter den ÖVP-Innenministern ist sowieso hinlänglich bekannt.

Und dass die ÖVP aufgrund der Interessen ihrer Wirtschaftsklientel auch DIE "Ukraine-, Georgien-, Rumänien-, Bulgarien-, Polen-, Albanien-PARTEI Österreichs ist, sollte langsam auch jeder wissen. Man darf in diesem Zusammenhang auch noch einmal auf den Visaskandal unter der Schüssel-Haider-Regierung verweisen.

Dass die ÖVP auch am stärksten für schrankenlosen Personenverkehr- und vor allem "Arbeitnehmer"-Verkehr (Unsere vielen Arbeitslosen brauchen das ja unbedingt, nicht wahr?) eingetreten ist, dürften auch einige ÖVP-Claqueure vergessen haben.

Gast: vbn
05.05.2010 08:05
0

Polizei stärken!

In einem Land in dem der Polizei ohne Gefahr im Verzug der Zutritt zu den Wohnräumen untersagt werden darf, wird sich das auch nicht ändern!

Antworten Gast: Traper
05.05.2010 10:30
0

Gähn.

Das gilt in allen Ländern der westl. Hemisphäü. Und nirgenwo ist das Hausrecht (das immerhin ein Grund- und Menschenrecht ist) ein Problem. Nur Sie wollen unbedingt DDR-Zustände zurück, wo die Stasi überall hineindurfte ...

Antworten Gast: Das Brett vorm Kopf
05.05.2010 09:21
0

Re: Polizei stärken!

Anständige und Fleißige, wie Sie haben da auch nichts zu befürchten.

Antworten Gast: Hm
05.05.2010 09:00
0

Re: Polizei stärken!

Um ehrlich zu sein ist es mir auch als rdechtschaffender Österreicher ganz recht, dass unsere exekutive nur mit begründetem Verdacht bei mir die Tür eintreten kann. Ich dachte Menschen wie sie treten so vehement für dent rechtsstaat ein oder etwa nicht

Antworten Antworten Gast: Traper
05.05.2010 10:31
0

Richtig.

Wir leben schliesslich in einem freien Land und nicht in der DDR, wo Stasi und Volkspolizei alle Rechte hatten.

Gast: smilefile
05.05.2010 07:58
2

...hm...



....anhand unseres "Sozial"systems werden sich ca. 10% der Gesamtbevölkerung also 800.000 Menschen ohne Aufenthalts,- und Arbeitsbewilligung in Östreeich aufhalten...

Und das darf natürlich nicht nicht an die Öffentlichkeit....

So viele..........

da hat wohl die grenzraumsicherung versagt..............

Re: So viele..........

man sollte den Grenzsoldaten den Sold kürzen, jawoll! Aber immerhin haben sie ja letztes Jahr die 10 aller Schlimmsten aufgegriffen.

 
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