Rassismus im Boulevard: "Die Ausländer waren es"

Ein Kunstprojekt beleuchtet die Rolle von Migranten in Medien, ein Exjournalist schreibt einen Krimi darüber.

Serbische Diebesbanden, afrikanische Drogenringe, rumänische Bettlersyndikate. Die Zeitungen sind voll von Berichten darüber. Besonders Boulevardmedien bedienen sich in der Berichterstattung oftmals gängiger Klischees. Womit man sich in wissenschaftlichen Kreisen, im Rahmen von Dissertationen und Diplomarbeiten schon seit Längerem beschäftigt, das wird nun für Kunst und Allgemeinliteratur von Bedeutung: Rassismus im Boulevard.

Der Künstler Hansel Sato setzt sich seit Jahren mit dem Thema auseinander. Sein neuestes Projekt, das im Rahmen von „Soho in Ottakring“ verwirklicht wurde, ist eine antirassistische Zeitung – die „Österreichischen Nachrichten“. Sato startete eine dreitägige Verteilaktion in Wiener U-Bahn-Stationen. Die Leute waren geschockt, so Sato, lautete die Schlagzeile der Zeitung doch: „Wir sind raus aus der EU“. Was bei dem einen oder anderen für Freude gesorgt haben mag, erkannten die meisten beim zweiten Hinsehen aber doch als das, was es ist: Satire.

Ziel Satos ist, auf „rassistische und manipulative Sprache“ aufmerksam zu machen. Das versucht er mit Vergleichen wie „Schwarzafrikaner“ vs. „Rosarot-Wiener“. Wie Migranten in Boulevardmedien dargestellt werden, stört Sato. Mit der „Kronen Zeitung“ und „Heute“ geht er hart ins Gericht: „Diese Boulevardmedien sind direkt oder indirekt rassistisch. Sie reproduzieren Klischees.“

Doch kann so ein Projekt Klischees überhaupt entgegenwirken? Durchaus, meint Petra Herczeg vom Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft der Uni Wien. Es sei ein Weg, um „gegen Vorurteile gegenüber Migranten anzukämpfen“. Der Initiator selbst hat bereits E-Mails von Lesern bekommen, die durch seine Zeitung erkannt hätten, dass sie Nachrichten zuvor kritiklos konsumiert haben.

 

Kritischer Zugang fehlt

Genau das sei das Problem, meint auch Journalist und Neo-Buchautor Andreas Lexer. Was in Österreich fehle, seien ein kritischer Zugang zu den Medien und Menschen, die sich darüber Gedanken machen, in welcher Art und Weise im Boulevard mit dem Thema Migration umgegangen wird.

Also machte der ehemalige Redakteur des „Kurier“ und Kriegsberichterstatter bei der Tageszeitung „Österreich“ Rassismus in den Boulevardmedien zum Thema seines Krimis „Boulevardstück“. Lexer zeigt in dem Buch, wie der österreichische Boulevardjournalismus mit dem Thema Migration umgeht – und dabei gezielt die Grenzen von Ethik, Moral und Wahrheit überschreitet.

Eine Thematik, die man eigentlich in einem Sachbuch vermutet – aber Lexer wollte möglichst viele Menschen erreichen. Die Intention dahinter beschreibt Lexer mit einem Wort: „Ärger“. Weil die Berichterstattung „menschenverachtend ist und Leute mit Migrationshintergrund ein leichtes Opfer sind. Das gehört mal geschrieben“. Im Boulevard werde alles kürzer und populistischer. Man will mit vier Worten erzählen, was Sache ist. Und die vier Worte seien: „Die Ausländer waren es.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.05.2010)

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