Türken entdecken das Eigenheim

Immer mehr türkische Zuwanderer erwerben in Österreich ein Haus oder eine Eigentumswohnung und fühlen sich immer mehr heimisch. Auch Experten sind sich einig und deuten das als ein Bekenntnis zu Österreich.

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(c) AP (OSMAN ORSAL)

Wien. Gastarbeiter wollen im Gastland arbeiten und sich mit ihren Ersparnissen in der Heimat ein besseres Leben aufbauen. So stellte man es sich vor rund 30 Jahren zumindest vor. Nicht nur die Österreicher, auch die türkischen Gastarbeiter selbst. Sie steckten ihr in Österreich verdientes Geld in der Türkei in Häuser, um einmal dorthin zurückzukehren. Doch dieses Bild hat sich im letzten Jahrzehnt gewandelt. Immer mehr holen ihr Kapital wieder nach Österreich zurück, um sich hier Eigentum zu erwerben.

Dass es sich um einen Trend handelt, bestätigen Andrea Höller von ERA Immobilien und Bernhard Raikersdorfer von RE/MAX Immobilien. Beide Firmen beschäftigen mittlerweile türkischstämmige Makler, um diese neue Klientel bestmöglich zu bedienen. Warum der Bedarf plötzlich so groß ist, erklärt Josef Senel, türkischstämmiger Betreiber einer Agentur und Kenner der türkischen Wiener Community: Durch die Familienzusammenführungen habe man sich immer wohler gefühlt, es folgten die ersten Betriebsgründungen – und schließlich begann man, Österreich erstmals als Heimat wahrzunehmen.

 

Leere Häuser in der Türkei

Dass man nicht mehr wie früher in der alten Heimat investiert, sondern in Österreich, ist für den türkischstämmigen Unternehmensberater Ergün Kuzugüdenli durchaus verständlich – denn man hat Häuser gekauft, die man nur selten bis nie bewohnt hat.

Oft kaufen diese Familien Häuser am Stadtrand, etwa in Gänserndorf, Deutsch-Wagram oder Schwechat, weiß Kuzugüdenli. Zum einen, weil es dort günstiger ist, zum anderen, weil man lieber außerhalb der Stadt leben möchte. Das erklärt Kuzugüdenli auch damit, dass die Menschen oft aus ländlichen Regionen stammen und dies der ursprünglichen Kultur näher komme.

Die Größe der Familie sei ebenfalls entscheidend, sagt Heinz Fassmann, Professor am Institut für Geografie und Regionalforschung, der gemeinsam mit anderen Wissenschaftlern einen Atlas der wachsenden Stadtregionen erstellt hat. Besonders beliebt sind auch Wiener Neustadt und Neunkirchen in Niederösterreich. In Wien sind es die Bezirke Favoriten, Meidling, Rudolfsheim-Fünfhaus und Ottakring. Das begründet Fassmann damit, dass eher dort gekauft wird, wo man sich schon auskennt – also dort, wo man vorher in Miete gelebt hat.

Dabei spielt die türkische Mentalität zu kaufen, statt zu mieten, eine wesentliche Rolle. Denn damit ist ein hohes Image verbunden. Kuzugüdenli: „Bevor Türken jahrelang Miete zahlen, und die Wohnung nie ihnen gehört, zahlen sie lieber einen Kredit ab.“

Während die Stadt Wien eine Stadt der Mieter ist, ist London eine Stadt der Käufer, sagt Meinungsforscher Peter Hajek. Wenn jetzt in der Türkei eher gekauft als gemietet wird, dann werden türkische Zuwanderer das auch hier mit allen Mitteln versuchen so umzusetzen, da sie so aufgewachsen sind. Und: Ein Eigenheim ist auch ein Statussymbol.

Dabei beobachtet Kuzugüdenli, dass die erste Generation, die hier oft in Substandardwohnungen gelebt hat, nun ihren Kindern eine bessere Lebensqualität bieten will – jetzt, wo man weiß, dass man bleibt. Dass die ehemaligen Gastarbeiter ihre Wurzeln nun in Österreich sehen und nicht mehr zurückkehren wollen, war eine gedankliche Umstellung. Erleichtert wurde sie auch dadurch, dass man sich eigene Strukturen, etwa Geschäfte und Lokale, aufgebaut hat.

 

Großes Potenzial

Die türkische Community in Österreich ist ein fixer Bestandteil des Lebens geworden, auch des Wirtschaftslebens: Banken und Immobilienfirmen haben längst das Potenzial der Community erkannt und bieten immer mehr muttersprachliche Beratung, gleichzeitig inseriert man häufiger in türkischsprachigen Medien. Und auch der Arbeitsmarkt steht der Gruppe in diesem Sektor weit offen – Immobilienfirmen sind laufend auf der Suche nach Mitarbeitern mit Türkisch als Muttersprache.

Zwar sind die Hauskäufer nach wie vor eine Minderheit, aber eine, die stetig wächst. Vor allem der dritten Generation ist es wichtig, hier gut zu leben, dazu gehört eben auch Eigentum. Und: Es ist ein Bekenntnis, in Österreich bleiben zu wollen – darüber sind sich die Experten einig.

Auf einen Blick

Trend: Türkischstämmige Zuwanderer entscheiden sich zunehmend für einen Eigentumserwerb in Österreich. Immobilienmakler bemühen sich vermehrt um diese Klientel.

Hintergrund: Trends zur Besiedlung bietet „Der Atlas der wachsenden Stadtregionen“.

WEITERE INFORMATIONEN UNTER

www.planungsgemeinschaft-ost.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.12.2010)

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