Diskriminierung wegen der „falschen“ Sprache

Sprachen wie Türkisch werden in der Öffentlichkeit weniger akzeptiert als andere Fremdsprachen. Gerade die Angst, wegen des Akzents nicht akzeptiert zu werden, sei ein Hindernis, Deutsch zu lernen.

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(c) Clemens Fabry

Wien. Integration beginnt mit fehler- und akzentfreiem Deutsch. Zumindest glauben das viele Migranten, da in der Öffentlichkeit laufend die Verpflichtung zu Deutschkursen diskutiert und die deutsche Sprache gern als scheinbare Lösung aller Integrationsprobleme betrachtet wird. Ein Bild, das auch noch dadurch unterstützt wird, dass Migranten immer wieder angefeindet werden, wenn sie in ihrer eigenen Muttersprache oder in gebrochenem Deutsch sprechen.

So passierte es etwa der 41-jährigen Italienerin Adriana Silvestri. Sie fühlt sich oft wegen ihrer Muttersprache, ihres Akzents und ihres Aussehens in der Öffentlichkeit herabgesetzt – denn die dunkelhäutige Italienerin wurde schon einige Male für eine Türkin gehalten. So wurde sie einmal in der Straßenbahn von einer Dame beschimpft, weil man mit österreichischen Kindern gefälligst Deutsch zu reden hat – und nicht Türkisch.

Zur Erklärung: Silvestris zwei Söhne sind – so wie ihr Südtiroler Mann – hellhäutig und blond. Und wie sich später herausstellte, dachte die ältere Dame, dass die Mutter eine türkische Babysitterin sei. „Die alte Dame hat sich aufgeregt, weil man ihrer Meinung nach österreichischen Kindern nicht Türkisch beibringen soll und mir unterstellt, dass ich kein Deutsch könne“, ärgert sich Silvestri.

 

Vorarlberger Dialekt in der U-Bahn

Dabei spricht sie nicht einmal Türkisch. Dafür fließend Italienisch und vier weitere Sprachen, weil sie in Russland und in Genf Sprachwissenschaft studiert hat – und mit ihrem Mann, der Diplomat bei der UNO ist, schon in mehreren Ländern gelebt hat.

Aber wen stört es überhaupt, wenn eine Mutter mit ihren Kindern Türkisch, Italienisch oder welche Sprache auch immer spricht?, fragt die Italienerin. „Selbstverständlich sollen alle Familien in der Öffentlichkeit auch ihre Muttersprache verwenden, wenn sie miteinander kommunizieren“, sagt Elisabeth Freithofer, Projektleiterin im Integrationshaus Wien. „Zu verlangen, dass Migranten im öffentlichen Raum nur Deutsch sprechen, wäre ähnlicher Schwachsinn, wie von zwei Vorarlbergern zu verlangen, in der Wiener U-Bahn keinen Dialekt zu verwenden.“ Noch dazu, meint Freithofer, sei die Verwendung der Muttersprache kein Hindernis, sondern die Grundlage für den Erwerb weiterer Sprachen.

Einzelne Fremdsprachen werden in Österreich allerdings unterschiedlich wahrgenommen. Ljubomir Bratic, Sozialwissenschaftler und Mitgründer des Integrationshauses meint: „Wenn Migranten eine westeuropäische Sprache wie Englisch oder Französisch sprechen, haben die Betroffenen mehr Chancen, akzeptiert zu werden.“

 

Kein Mehrwert?

Andere Sprachen haben in Österreich ein wesentlich schlechteres Image. Gibt es etwa gute und böse Sprachen? Bernhard Perchinig, Politikwissenschaftler, Migrationsforscher und stellvertretender Obmann des Vereins Zara (Zivilcourage und Antirassismusarbeit), meint, dass die öffentliche Wahrnehmung von Sprachen sehr hierarchisch verläuft. Da gebe es Englisch als Weltsprache, die ökonomische Macht zeigt. Und andere Sprachen, die als Kulturelement der Zuwanderer nicht akzeptiert werden wie Türkisch, Serbisch oder Russisch. „Weil die Mehrsprachigkeit nicht wirklich als Wert angesehen wird, lehnen Deutschsprachige anders Sprechende oft ab. Sie fühlen sich in ihrer eigenen Einsprachigkeit angegriffen“, meint Perchinig.

„Mir erzählen immer wieder Patientinnen, besonders türkischstämmige Frauen, dass sie wegen ihrer Sprache in der Öffentlichkeit diskriminiert werden“, erzählt Ayse Aksoy. Als Therapeutin im Verein „Miteinanderlernen“ beschäftigt sie sich intensiv mit Integrationsproblemen. Die türkischstämmige Österreicherin Hatice Deveci (37) ist eine davon Betroffene. „Ich habe kürzlich einer türkischen Frau mit Kinderwagen beim Einsteigen in die Straßenbahn geholfen und dabei mit ihr kurz Türkisch geredet. Sofort wurden wir von einer Dame beschimpft: ,Ihr Ausländer! Wieso redet ihr unter euch Türkisch! Schleicht euch in eure Heimat, dort könnt ihr weiterreden!‘“

 

Hemmung, Deutsch zu sprechen

Besonders Frauen haben oft Hemmungen, Deutsch zu sprechen, meinen Experten. „Wenn Migranten, die Deutsch lernen, nicht akzeptiert werden, nur weil sie kein fehlerfreies, akzentfreies Deutsch beherrschen, vergeht ihnen und allen anderen die Lust, diese Sprache zu lernen oder zu sprechen“, meint etwa Therapeutin Ayse Aksoy. Deshalb müsse sich auch niemand wundern, dass man in österreichischen Medien immer wieder liest, die Türken wollten nicht Deutsch lernen und seien integrationsunwillig.

Die Italienerin Silvestri versteht diese Probleme, mit denen viele Migranten konfrontiert sind: „Ich habe trotz meiner akademischen Ausbildung immer noch Hemmungen, mit Einheimischen Deutsch zu reden, weil ich spüre, dass mein Akzent sie nervt.“

Auch als Linguistin betont Silvestri, wie wichtig es sei, Migranten zu motivieren, die Sprache der Aufnahmegesellschaft zu lernen: „Selbst mir fällt es nicht leicht, Deutsch zu lernen.“ Für jene Menschen, die vorher noch nie eine Fremdsprache erlernt haben, müsse das noch viel schwieriger sein. „Aber trotzdem muss man sich bemühen, Deutsch zu lernen. Denn ohne die Sprache der Aufnahmegesellschaft zu können, kann man sich nicht integrieren.“

WEITERE INFORMATIONEN UNTER

www.zara.or.at

Auf einen Blick

Diskriminierung: Immer wieder klagen Migranten, dass sie angefeindet werden, wenn sie in der Öffentlichkeit in ihrer Muttersprache sprechen. Dabei wird häufig ein Unterschied gemacht, welche Muttersprache es ist. So spricht etwa Integrationsexperte Bernhard Perchinig von einer hierarchischen Wahrnehmung verschiedener Sprachen – Englisch sei positiver besetzt, Türkisch, Serbisch oder Russisch dagegen negativ. Das liege daran, dass Englisch als Weltsprache ökonomische Macht zeige.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.02.2011)

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