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"Biznis": Gelbe Seiten der Migranten-Communitys

23.08.2011 | 18:21 |  MILAGROS MARTÍNEZ-FLENER (Die Presse)

Einige Migrantengruppen geben ihr eigenes Branchenbuch, als Broschüre oder online heraus. Die Verzeichnisse sollen auch als Ratgeber und Orientierungshilfe, etwa bei Firmengründungen, dienen.

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Wien. „Das Branchenbuch soll das wirtschaftliche Potenzial der türkischen Community in Österreich widerspiegeln“, sagt Hüseyin Taş. Der Obmann des österreichisch-türkischen Wirtschaftsvereins war der Erste, der das Risiko wagte: 2002 veröffentlichte er ein Verzeichnis, in dem etwa 8000 türkische Unternehmen aus ganz Österreich erfasst sind. Seither erscheint die rund 400 Seiten starke Broschüre regelmäßig.

Und seither hat sich auch in anderen Communitys etwas bewegt: Immer mehr Branchenverzeichnisse werden von den Migrantengruppen in eigener Regie und in ihrer jeweiligen Sprache herausgeben. Sie listen nicht nur Namen und Adressen von Firmen unterschiedlicher Branchen auf – sie dienen auch als Ratgeber und kürzen Informationswege. So liefert das serbische Branchenbuch „Biznis Informator“ außer allgemeinen Infos über Wien – auf Deutsch – auch eine Liste von Sehenswürdigkeiten. Das chinesische Verzeichnis hingegen listet die wichtigsten Behörden ausschließlich auf Chinesisch auf. Laut Hüseyin Taş soll das türkische Verzeichnis mit einem Leitfaden für Firmengründungen nicht zuletzt auch jenen helfen, die ein Geschäft neu eröffnen wollen. Zusätzlich bietet die Broschüre Einblicke in die lokalen Marktstrukturen; das soll als Orientierungshilfe dienen, ob sich ein Engagement in der einen oder anderen Branche auch rentiert.

 

Anfänge in Facebook

Auch wenn die Branchenverzeichnisse größtenteils für den Vertrieb gedacht sind, waren die Gründe für ihre Veröffentlichung nicht immer wirtschaftlicher Natur. Die polnische Zeitschrift „Polonika“ etwa behandelt seit 16 Jahren Themen, die das alltägliche Leben der rund 40.000 in Österreich lebenden Polen der ersten und zweiten Generation betreffen. Daher beschlossen ihre Herausgeber, Halina und Slawomir Iwanowski, in jeder Ausgabe eine Kontaktliste von Firmen und Personen zum jeweiligen Schwerpunktthema der Zeitschrift zu veröffentlichen. Das Interesse der Leser war so groß, dass seit 2006 separate Broschüren mit umfassenden Informationen über polnischsprachige Übersetzer, Ärzte und Anwälte aus ganz Österreich veröffentlicht werden und demnächst auch online im Internet abgerufen werden können.

Die Gruppe „Latinos – Vienna“ zählt sich selbst zur neuen Generation von Mikroprojekten, die ihren Ursprung in Facebook haben. In Wien lebende Lateinamerikaner haben sich im März 2011 mit dem Ziel organisiert, einen virtuellen Raum für den kulturellen und sozialen Austausch zu schaffen. Die große Akzeptanz der Gruppe, die mittlerweile ungefähr 4500 Mitglieder zählt, führte zum Aufbau eines eigenen Internetportals.

Ähnlich wie bei der Zeitschrift „Polonika“ waren es die Leser und User, die Projektdirektor Víctor Tabarez dazu veranlassten, ein auf die Lateinamerikaner zugeschnittenes Branchenbuch online zu veröffentlichen.

 

Keine öffentliche Finanzierung

Einen anderen Weg verfolgte Farzahne Emadi, Chefredakteurin von „Irani“, den iranischen Gelben Seiten in Österreich. Aus Mangel an Informationen innerhalb der Community in Wien und als Ratgeber für jene Iraner, die erst kürzlich nach Wien gekommen sind, baute sie eine persisch-österreichische Plattform im Internet auf. Wie auch bei anderen Gruppen waren es die Bedürfnisse nach Informationen über Ärzte, Lebensmittel oder Versicherungen in der eigenen Sprache, die zur Einrichtung der Gelben Seiten führten. Vor Kurzem hat Emadi auch die Facebook-Gruppe „Irani AT“ gegründet, „die ausschließlich für unsere registrierten Kunden reserviert ist“.

Die Projekte verbindet, dass sie das Ergebnis von privaten Initiativen sind, die sich ausschließlich durch Inserate finanzieren. Dabei würde finanzielle Unterstützung die Arbeit erleichtern, heißt es von den Betreibern unisono. Vor allem dann, wenn es um die Datenrecherche und -erfassung geht.Während Halina Iwanowska von „Polonika“ Listen von Branchen, wo Polen tätig sind, in mühsamer Recherche sammelt, fährt Hüseyin Taş mit seinem Team durch ganz Österreich, um seine türkischen Kunden persönlich zu betreuen. Farzahne Emadi ist auch viel unterwegs, da viele Inserenten Wert auf den persönlichen Kontakt legen. Bis zu acht Monate Arbeit werden in die Recherche, Erfassung und Überprüfung der Daten investiert.

 

Risiko: Datendiebstahl

Das Risiko bei den Branchenverzeichnissen besteht vor allem darin, dass die mühsam recherchierten Daten von Dritten kopiert und weiterverkauft werden. Emadi hat sich einmal erfolgreich gegen den Onlinediebstahl ihrer Daten gewehrt, aber gegen große österreichische Anbieter oder internationale Firmen könne auch sie nichts ausrichten, sagt sie. Dafür fehlten ihr die Zeit und das Geld. Beides investiere sie lieber in die erfolgreiche Fortsetzung ihres Projektes.

Auf einen Blick

Mehrere Migrantencommunitys veröffentlichen Branchenverzeichnisse in ihrer Muttersprache. Iranisch:www.irani.at/html/gelbeseiten/gelbeseiten.php. Lateinamerikanisch:www.latinosaustria.at. Serbisch:
www.biznisinformator.com. Türkisch: www.rehber.at.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.08.2011)

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12 Kommentare
Dagobert
24.08.2011 12:31
6 0

Nicht in Österreich

Weshalb besteht überhaupt ein Bedarf für solche Bestrebungen, wenn nicht bereits von den Österreichern abgeschottete Parallelgesellschaften existieren würden, enttgegen aller Beteuerungen und Beschwichtigungsversuche unserer geschätzten Volkszertreter.

Hier sieht man sehr schön, was Integration wirklich bedeutet, abseits der politischen Korrektheit.

AT1993
24.08.2011 12:01
0 0

Ist ein Anfang

Auch wenn sie es untereinander machen , ich denke sie werden auch früher oder später drauf kommen das es auch uns gibt die auch für sowas investieren ... Meine Meinung nach wird es auch soweit kommen...

Gast: AT1993
24.08.2011 11:50
1 5

Migranten

Finde das irgendwie gut was die Migranten in Österreich vorhaben ("Eine Gemeinschaft")

Gast: speibender regenbogen
23.08.2011 20:56
13 0

ja, das ist integration pur.

nur für die eigenen leut, nur in der eigenen sprache, nur die eigenen gschäftln.

ich möchte nicht wissen, in wie vielen dieser "branchenbücher" die spö inseriert hat...

Antworten Gast: Farzaneh
24.08.2011 14:55
6 0

Re: ja, das ist integration pur.

uns hat noch niemand Interesse gezeigt, erwarten wir es auch nicht.
Integration ist unser Weg und Ziel. Diese zu fördern ist mir ein Anliegen, nicht zuletzt weil der Vater meines Kindes Österreicher ist. So habe ich mein Interesse, mehr über österreichische Geschichte, Geografie, österreichische Kultur, Feste und Traditionen zu erfahren wahrgenommen, und darüber in irani.at berichtet, um in Österreich lebenden Persern jenes Land und jene Menschen näher zu bringen, die uns aufgenommen haben und informiert Sie über die wichtigste gesetzliche Informationen.

Daher habe ich alle Informationen auf der Homepage sowohl auf deutsch, als auch auf persisch präsentiert, was bei unseren Besuchern auf großes Interesse stößt.
Auf irani.at kann man in beide Sprachen Informationen von Mozart und Schubert, über Halloween, Allerheiligen, Advent, Weihnachten und Silvester und Ostern bis zu Informationen über österreichische Museen, Konzertsäle und Theater finden, aber auch vieles über persische Feste, Zeremonien, Geschichte, Kultur erfahren.
www.irani.at

Antworten Antworten Gast: Sonniger Tag
24.08.2011 15:16
1 0

Re: Re: ja, das ist integration pur.

Finde ich sinnvoll und gut, Ihre Beiträge in diesem Forum sowie Ihr Engament.
Beide Seiten - auch so manche verschlossene "Einheimische"!- sollten aufeinander zugehen und sich austauschen, voneinander lernen und sich gegenseitig respektieren. Es könnte alles so einfach sein.

Antworten Antworten Antworten Gast: Sonniger Tag
25.08.2011 02:06
0 0

Re: Re: Re: ja, das ist integration pur.

heißt natürlich EngaGEment

Antworten Antworten Antworten farzaneh
24.08.2011 16:04
0 0

Re: Re: Re: ja, das ist integration pur.

:)

Antworten Gast: Farzaneh
24.08.2011 14:47
3 0

Re: ja, das ist integration pur.

Wir präsentieren uns wie jede andere Geschäftsmann und versuchen uns zu helfen, ist das schlimm?
Wenn Sie sich mühe geben und reinschauen, werden Sie merken dass es nicht eigene Sprache ist sondern überwiegend Deutsch und die finanzieren sich auch selbe.
Für einige Migranten Innen ist einfacher bei Firmen mit Migrationsherkunft eine Arbeit finden als wo anderes
Mann sollte aber seine eigene Herkunft auch nicht vergessen.
Sind Sie stolz dass der Arnold Schwarzenegger noch immer an seine Mustersprache steht oder nicht?
Vielleicht möchten wir auch beweisen dass wir keine Sozialschmarozen sind.
Wenn Sie mal reinschauen möchten: http://www.irani.at"" target="_blank">http://www.irani.at" target="_blank">www.irani.at

Antworten Gast: Sonniger Tag
24.08.2011 08:51
6 1

Re: ja, das ist integration pur.

mir geht diese "Herkunftstümelei" etwas auf die Nerven.
Das scheinbare "unter sich bleiben", die immer wieder zu beobachtende mangelnde kulturelle Durchlässigkeit, "stolz" sein auf das Herkunftsland etc.
Integration heißt für mich auch, sich nicht ewig und 3 Tage als "Migrant" fühlen oder jemanden so bezeichnen, sondern endlich auch als "Österreicher" begreifen. Ist jemand mit Daueraufenthaltstitel in Österreich noch "Migrant"? "Migrare" aus dem Lat. bedeutet "wandern" - wie lange wird eine in der Vergangenheit liegende, längst abgeschlossene Handlung - das "Zuwandern"-als wichtigstes Identitätsmerkmal von Menschen gesehen?

Dieses Auseinanderdividieren in Migranten und Nicht-Migranten, wie es die Integrationsartikel in Presse und Standard irgendwie vorexerzieren, halte ich für unnötig. Das verfestigt dieses Bewusstsein nur, scheint aber politisch gewollt zu sein. Das Motto der scheinheiligen Eliten - "Teile und Herrsche". Auch die Integrationsprobleme dürften somit politisch gewollt sein - sonst hätte die Politik schon längst andere Impulse gesetzt, um das "Vermischen" und Zusammenwachsen der Bevölkerung zu fördern bzw. Parallelgesellschaften gar nicht erst entstehen zu lassen.


Antworten Antworten Gast: Horatio
24.08.2011 11:06
0 0

Re: Re: ja, das ist integration pur.

Im konkreten Fall steht aber nicht das "Zuwandern", sondern die "Sprache" im Vordergrund und ist als Identitätsmerkmal bestens geeignet.

Antworten Antworten Antworten Gast: Sonniger Tag
24.08.2011 14:54
2 0

Re: Re: Re: ja, das ist integration pur.

Indem man im Artikel permanent die Begriffe "Migrantencommunities", "Migrantengruppen" etc verwendet, steht eindeutig dieses kleine, in der Vergangenheit liegende biographische Detail "zugewandert" im Vordergrund.