Migranten: Schlechte Jobs, öfter arbeitslos

Migranten sind auf dem österreichischen Arbeitsmarkt deutlich benachteiligt, wie eine Studie der Arbeiterkammer Wien ergab. Demnach wird ein Drittel der Beschäftigten unter ihrem Ausbildungsniveau eingesetzt.

Migranten Schlechte Jobs oefter
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Migranten Schlechte Jobs oefter
(c) AP (Keith Srakocic)

Wien. Erst als Angelika Mahler (Name geändert) gespürt hat, dass sie ihr verkrampftes Gesicht nicht mehr kontrollieren kann, hat sie die Hilfe eines Psychologen gesucht. Die Krämpfe sind immer wieder zurückgekommen, wenn sie mit Kollegen in Kontakt treten musste. „Mein ganzer Körper hat gezittert und ich konnte nicht mehr klar denken“, sagt sie. Schlaflose Nächte, Magenschmerzen und Selbstzweifel haben sie monatelang verfolgt.

Konflikte auf dem Arbeitsplatz können eine große Belastung für die Betroffenen darstellen, was auch aus einer aktuellen Studie der Arbeiterkammer mit dem Titel „Beschäftigungssituation von Personen mit Migrationshintergrund in Wien“ hervorgeht.

Die große Heterogenität der Gruppe steht im Zentrum der Studienergebnisse. Dafür wurden 2001 Personen mit Migrationshintergrund aus elf verschiedenen Herkunftsgruppen telefonisch befragt. Zusätzlich wurden 305 werktätige Menschen ohne Migrationshintergrund als Referenzgruppe befragt.

 

Einkommensunterschiede

Die Ergebnisse dieser etwa 800 Seiten umfassenden Studie zeigen, dass viele Migranten gute berufliche und sprachliche Kenntnisse mitbringen, aber jeder Dritte nicht seinem Ausbildungsniveau entsprechend eingesetzt wird.

Die erfolgreiche Anerkennung der Bildungsabschlüsse (Nostrifikation) führt nur in jedem zweiten Fall zu einem ausbildungsadäquaten Arbeitsplatz – was ein Grund für das geringere Einkommen von Migranten ist. Während 20 Prozent der Beschäftigten ohne Migrationshintergrund ein monatliches Nettoeinkommen von mehr als 2400 Euro erzielen, sind es bei den Migranten nur fünf Prozent. Migrantinnen müssen mit doppelter Benachteiligung kämpfen: 36 Prozent von ihnen (nur 20 Prozent der Männer) üben eine Hilfstätigkeit aus. Zum Vergleich: Bei Beschäftigten mit österreichischen Wurzeln sind es vier Prozent der Frauen und drei Prozent der Männer.

Das Arbeitslosigkeitsrisiko von Migranten ist laut der Studie ebenfalls überdurchschnittlich hoch. In den letzten zehn Jahren waren mehr als 40 Prozent der Migranten zumindest einmal von Arbeitslosigkeit betroffen. Unter den Beschäftigten ohne Migrationshintergrund waren es bloß zwölf Prozent.

Angelika Mahler ist ein temperamentvoller Mensch. Vor 30 Jahren ist sie aus Osteuropa nach Wien gekommen und bringt seither ihren Vollzeitjob und ihre Familie unter einen Hut. Mahler begann ihre Arbeit als biomedizinische Analytikerin. Für ihre Tätigkeiten in der humanen Krebsforschung wurde sie mehrmals international ausgezeichnet.

 

„Kommen Sie später“

„Ich musste auch mit Tieren arbeiten und mit der Zeit wurde das für mich psychisch zu belastend“, erzählt sie. Während ihrer Arbeit hat Mahler eine Weiterbildung zum Studienadministrator gemacht. „Und das wäre mein Traumjob.“ Nach einiger Zeit hat sie innerhalb des gleichen Betriebs eine Stelle gefunden und dort als Studienkoordinator zu arbeiten begonnen.

„In der ersten Woche hat es noch funktioniert, aber danach hat man damit begonnen, mir jegliche Informationen zu verweigern“, sagt Mahler. „Ich habe keine Zeit“ oder „Momentan stören Sie, kommen Sie später“ seien die Kommentare ihrer neuen Kollegen gewesen, von denen sie auch ständig kontrolliert worden sei.

Die Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes stellt laut der AK-Studie einen wesentlichen Belastungsfaktor bei Migranten dar, wobei besonders ältere Arbeitnehmer betroffen sind. Diskriminierungen und Benachteiligungen auf dem Arbeitsplatz sind für Betroffene ein zusätzliches Problem. Vor allem in Fragen der betrieblichen Mitbestimmungm, aber auch bei der Art der zugewiesenen Tätigkeiten – betroffen sind insbesondere Personen aus Afrika.

Mit ihren Erfahrungen sei Angelika Mahler allein dagestanden, abgewertet und gedemütigt: „Ich habe gedacht, ich bin ein totaler Versager und schaffe überhaupt nichts.“ Der Betriebsrat und die Arbeiterkammer haben Mahler unterstützt, dass sie bis zur Pension ihren Job weitermachen kann. „Mit deren Hilfe hat sich die Situation verbessert, alle Kollegen, die zu mir ekelhaft waren, versuchen jetzt, sich mit mir zu arrangieren.“ Jetzt mache ihr die Arbeit wieder Spaß.

Auf einen Blick

Studie. Laut einer Erhebung der Arbeiterkammer sind Migranten auf dem österreichischen Arbeitsmarkt deutlich benachteiligt.

Herkunft: Die größten Gruppen von Arbeitnehmern mit Migrationshintergrund stammen aus den Nachfolgestaaten von Jugoslawien mit 44 Prozent, der Türkei (18,4 Prozent) sowie den neuen EU-Mitgliedstaaten (15,9 Prozent).

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.02.2012)

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