Experten: Notstand bei Gesundheit von Migranten

27.03.2012 | 18:15 |  NERMIN ISMAIL (Die Presse)

Die Durchimpfungsrate ist bei Menschen mit Migrationshintergrund zu gering. Es fehlt vor allem an Wissen und Gesundheitsbewusstsein. Gesundheitsexperten schlagen staatlich finanziertes Impfprogramm vor.

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Wien. Migranten sind gesundheitlich schlechter versorgt als die Mehrheitsbevölkerung, schlagen Gesundheitsexperten Alarm. Vor allem die Durchimpfungsrate sei bei Menschen mit Migrationshintergrund deutlich geringer. Und das kann Folgen für das gesamte Land haben – denn für eine Eliminierung von Infektionskrankheiten ist eine hohe Durchimpfungsrate notwendig. Das geht so weit, dass Ursula Wiedemann-Schmidt, Vorsitzende des Nationalen Impfgremiums, sogar spezielle Impfprogramme für Migranten fordert.

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Probleme tauchen etwa dann auf, wenn Migranten regelmäßig ihr Herkunftsland besuchen wollen. „Sie verstehen oft das Risiko einer Infektionskrankheit nicht, da das Gefühl der Exotik, die Schwellenangst, nicht gegeben ist“, sagt Tropenmediziner Herwig Kollaritsch. Zwar zeige sich seit 2008 generell ein sinkender Trend in der Impfentwicklung, sagt Pamela Rendi-Wagner, die im Gesundheitsministerium unter anderem für Impfprogramme zuständig ist. Doch gerade in der Gruppe der Migranten sei das Bewusstsein für Impfschutz besonders niedrig. Und, so Rendi-Wagner: „Das beste Impfprogramm taugt nichts, wenn die Akzeptanz fehlt.“

Deswegen schlagen Gesundheitsexperten zur Verbesserung der Impfversorgung ein eigenes staatlich finanziertes Impfprogramm vor. Durch Aufklärungs- und Informationsmaterial soll die Impfversorgung forciert werden – und um speziell auch die Migranten zu erreichen, soll es die Informationen auch gleich in mehreren Sprachen geben.

Gerade die Sprache ist auch einer der Hauptgründe, warum Migranten Schwierigkeiten mit dem Gesundheitssystem haben. „Wenn jemand Beschwerden hat, sie aber nicht in Worte fassen kann, ist es schwer, eine Unterstützung zu finden“, sagt Wolfgang Spiegel von der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie. Oft sind es die in Österreich aufgewachsenen Kinder, die ihre Eltern zum Arzt begleiten müssen, um zu dolmetschen.

 

Mehr Migranten als Ärzte

Ein möglicher Weg aus dem Dilemma ist es, vermehrt auch Ärzte mit Migrationshintergrund einzusetzen, die Sprache und kulturellen Hintergrund berücksichtigen können. Tatsächlich sind die Einrichtungen des Gesundheits- und Sozialwesens bereits heute wichtige Arbeitgeber für Menschen mit Migrationshintergrund. „Deshalb wird Diversity Management auch im Gesundheits- und Sozialbereich immer wichtiger“, weiß man im Zentrum für Migration und Gesundheit. Doch gebe es noch nicht genügend mehrsprachige Ärzte und Apotheker. Noch müssen einige sprachliche und kulturelle Barrieren überwunden werden.

Dazu kommt: Man braucht ausreichendes Systemwissen über das Gesundheitswesen, die sogenannte Health Literacy, um vorhandene Leistungen auch in Anspruch nehmen zu können – das gilt für alle. Allerdings werden dabei die spezifischen Bedürfnisse von Migranten im Gesundheitswesen kaum berücksichtigt.

Ein Defizit, das sich schon in der Planung ergibt: „Wenn wir Gesundheitsstrategien entwickeln, sind diese primär für die österreichische Bevölkerung“, meint Mediziner Kollaritsch. Doch mittlerweile machen Menschen mit Migrationshintergrund einen großen Teil der Bevölkerung aus – und man müsse „klar Bedacht auf sie nehmen und nicht nur auf die Einheitsbevölkerung“.

Dieser Gedanke wurde unter anderem auch schon im aktuellen Integrationsbericht aufgenommen. Darin wurde die Erhöhung des Diversitätsbewusstseins im Gesundheits- und Pflegebereich und die damit einhergehende Weiterbildung von interkulturellen Kompetenzen vorgesehen.

Mittlerweile erkennen aber auch schon Einrichtungen des Gesundheitswesens selbst die Notwendigkeit zu handeln. So startet etwa im November an der Donau- Uni Krems erstmals ein Lehrgang, bei dem Migranten und Gesundheit im Mittelpunkt stehen. Zielgruppe sind Menschen in Sozialberufen, die anwendungsorientierte Handlungskompetenzen im Umgang mit Migranten erlernen wollen. Auch laufen schon einige Pilotprojekte des Gesundheitsministeriums. Beim großen EU-Projekt „Restore“ etwa, an dem auch die Medizinische Universität Wien beteiligt ist, „geht es um die Betreuung von Migranten in der Medizin“, sagt Wolfgang Spiegel, der das Projekt leitet.

 

Kaum Daten vorhanden

Die Einsicht, dass Handeln notwendig ist, ist also vorhanden. Doch was die Grundlagen angeht, sehen Experten noch einigen Handlungsbedarf. So fand die letzte Abklärung der Datenlage zum Thema bei einer Gesundheitsbefragung der Statistik Austria 2006/2007 statt.

Dass das Thema Gesundheit und Migranten nicht so recht von der Stelle kommt, liege laut Kollaritsch auch an einer feindseligen Stimmung – nur ja keinen Aufwand zu viel. Ein Trugschluss, meint der Mediziner. „Denn Migranten müssen sich wohlfühlen, damit sie sich integrieren.“

Auf einen Blick

Daten: Menschen mit Migrationshintergrund beugen gesundheitlich weniger vor als der Rest der Bevölkerung, sagt eine Studie des Österreichischen Integrationsfonds. Gründe dafür sind zu wenig Wissen über Präventionsmaßnahmen, aber auch religiöse Barrieren.

Handbuch: Die Wiener Ärztekammer hat im November 2011 einen Leitfaden und ein Handbuch präsentiert, das Medizinern beim Umgang mit Migranten helfen soll.

WEITERE INFORMATIONEN UNTER

www.integrationsfonds.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.03.2012)

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10 Kommentare
Gast: Bank12
29.03.2012 07:00
3 0

hoher Anteil Kranker

Wenn man in eine Wiener Ambulanz geht sieht man, dass dort mindestens drei viertel MigrantInnen sitzen. Offenbar wird hier ins Gesundheitssystem migriert.

Gast: gsundundrund
28.03.2012 08:11
7 0

nach einer erstuntersuchung,

wer krank ist, dem wird die einreise verweigert, eine quarantänestation wäre ebenfalls hilfreich. andere länder machen da kurzen prozess, zum schutz der bevölkerung

Antworten Gast: faktencheck
28.03.2012 10:25
5 0

Re: nach einer erstuntersuchung,

Weil Sie das Thema ansprechen - "andere Länder" wie zB Australien, Neuseeland oder Kanada.
Ob das jenen Grünen bewusst war, die das grüne Einwanderungsmodell als am "kanadischen System" orientiert charakterisierten?

Kanada:
http://www.cic.gc.ca/english/information/medical/medexams-perm.asp

"You must pass a medical examination before coming to Canada. Your dependants must also pass a medical examination even if they are not coming with you.

Applications for permanent residence will not be accepted if that person’s health:
-is a danger to public health or safety; or
-would cause excessive demand on health or social services in Canada."

ähnlich in Australien:

http://www.immi.gov.au/allforms/health-requirements/overview-health-req.htm

und Neuseeland

http://www.immigration.govt.nz/migrant/general/generalinformation/media/healthreqfactsheet.htm


Gast: Beim Hofer wars....
27.03.2012 22:41
4 0

Bei DER Ernährung wundert mich nichts...

im Süpermarkt sieht man was diese Leute konsumieren: Unmengen von Semmeln und Süssigkeiten

16 0

Unterschichteneinwanderung

Zwischen den Zeilen in dem langen Artikel ist wie so oft das Hauptproblem der "Migranten" ganz fett zu lesen. Es handelt sich um keine klassische Migration (motivierter die sich selbst einen Lebensstandard aufbauen wollen) sondern um Unterschichteneinwanderung ins Sozialsystem.

Gast: estoc
27.03.2012 22:15
14 0

"Ein möglicher Weg ...

... aus dem Dilemma ist es, vermehrt auch Ärzte mit Migrationshintergrund einzusetzen, die Sprache und kulturellen Hintergrund berücksichtigen können."

na genau! aber sonst gehts eh noch, oder?

ein möglicher weg wäre vielleicht das erlernen der landessprache - nur so ein gedanke. im übrigen fehlt es den migranten nicht nur "an wissen und gesundheitsbewußtsein", sondern vor allem auch an ausreichender hygiene.

wer die arztpraxen "sauber" hält, möchte ich gar nicht so genau wissen, da man sich heutzutage ja schon überlegen muss, zu welchem billa man einkaufen geht.

sprachkenntnisse

Kollaritsch: feindselige Stimmung - nur kein Aufwand zuviel!? Der Aufwand darf keinesfalls bei Migranten liegen - der Aufwand ist von den Institutionen zu erbringen? Jetzt leben wir Türken 30 jahre in Österreich, und alle möglichen Schalterbeamten von Behörden, Ämtern, Spitälern sprechen noch immer nicht türkisch!?
Es gibt sehr viele Migranten, die alles daran setzen, die Landessprache möglichst rasch und gut zu lernen, und es gibt Nationalitäten, die die Vielfalt vorhandener Angebote nicht nützen. Wenn nicht raschest im Kindergartenbereich verpflichtend mindestens 2 Jahre Deutschbetreuung angeboten wird, um wenigstens in Zukunft ein gewisses Niveau in Deutschkenntnissen zu erreichen, müssen wir doch auf Frau Korun zurückkommen, um türkische Türkischlehrer anzufordern zu können. Die deutschsprachigen Durchsagen in der Strassenbahn wird bald niemand mehr verstehen - bitte rechtzeitig Diversity Manager einsetzen.

Gerade die Sprache ist auch einer der Hauptgründe, warum Migranten Schwierigkeiten mit dem Gesundheitssystem haben.

Diese Einsicht ist jenen, die vor kurzem gg das Deutschlernen demonstriert haben, völlig fremd.

Es sei die Frage gestattet:

Wenn es um die Gesundheitsvorsorge der Migranten so schlecht bestellt ist - warum hört man dann in Ambulanzen und Spitälern alles außer Deutsch?

Antworten Gast: wieder einmal
27.03.2012 21:12
20 1

Re: Es sei die Frage gestattet:

Mich nervt, dass für Desinteresse, "Versäumnisse" und Probleme einiger Migranten (Information, Sprachkenntnisse etc) offenbar wieder einmal der österreichische Staat verantwortlich gemacht wird, der eh schon in vielen Bereichen entgegen kommt (siehe Spitäler, siehe mehrsprachige Folder in Ämtern usw, siehe muttersprachlichen Unterricht in 22 Sprachen in Wien, siehe Subventionierung zahlreicher migr. Vereine und Initiativen, siehe Diversity Management im öffentlichen Bereich etc)

und dann wird behauptet, dass Migration nichts kostet?

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