25.05.2013 17:08 Merkliste 0

Sprachförderung: Test für längere Kindergartenpflicht

22.05.2012 | 18:34 |  ILONA ANTAL (Die Presse)

Kinder mit Sprachdefiziten sollen künftig verpflichtend zwei Jahre in den Kindergarten, so der Kern eines neuen Modells. In Niederösterreich und Salzburg starten im Herbst zwei dieser Modellprojekte.

Artikel drucken Drucken Artikel versenden Senden Merken AAA Textgröße Artikel kommentieren Kommentieren

Wien. Kinder mit Sprachproblemen sollen länger in den Kindergarten gehen. Das ist der Kern eines neuen Projekts, das Integrationsstaatssekretär Sebastian Kurz (VP) kürzlich vorgestellt hat. Konkret ist ein zweites verpflichtendes Kindergartenjahr vorgesehen – Ziel ist es, Kindergartenkinder mit schlechten Deutschkenntnissen vor dem letzten verpflichtenden Kindergartenjahr in eine vorschulische Bildungs- und Betreuungseinrichtung einzugliedern.

Dieser Ansatz soll zunächst in zwei Modellregionen getestet werden: im Oberpinzgau und in St.-Pölten-Land. Statt mit fünf Jahren, wie es derzeit vorgesehen ist, sollen Kinder dort künftig bereits mit vier Jahren zum Kindergartenbesuch aufgefordert werden. Dazu soll die Einschreibung in den Kindergarten um ein bis eineinhalb Jahre vorverlegt werden, um vorbeugend gegen Sprachdefizite handeln zu können. In erster Linie geht es dabei aber darum, dass die Eltern einsehen, dass ein Kindergartenbesuch für ihr Kind wichtig und notwendig ist. „Gratis für alle und verpflichtend für die, die es brauchen“, soll es sein, wie es Kurz bei der Präsentation ausdrückte.

 

Sprachdefizite vorab feststellen

Bei der verpflichtenden Einschreibung werden die Kinder aufgefordert, sich einer Sprachstandfeststellung zu unterziehen, um jeweilige Sprachdefizite gleich vorab feststellen zu können. Dadurch soll bereits im Alter von vier Jahren festgestellt werden, wie gut ein Kind Deutsch spricht – und ob es das zweite Kindergartenjahr verpflichtend besuchen muss.

An der Idee der Sprachstandfeststellung regt sich aber auch Kritik: So meint Migrationsforscherin Barbara Herzog-Punzenberger, dass der Sprachstand in der Erstsprache festgestellt werden muss – und diese sei für manche Migrantenkinder eben nicht Deutsch. Einsprachig deutschsprachige Kinder würden ja auch nicht in Englisch getestet, um festzustellen, ob sie eine altersgemäße Sprachentwicklung durchmachen.

Außerdem warnt die Wissenschaftlerin, dass durch die – insgesamt begrüßenswerte – Entwicklung, möglichst alle Kinder mit vier Jahren im Kindergarten zu fördern, die Illusion entstehen könnte, dass alle zu Schulbeginn auf demselben Deutschniveau seien – und man deshalb notwendige Veränderungen bei der Lehrerausbildung und beim Unterrichtsmaterial nicht mit gebotenem Nachdruck verwirklicht.

Im Staatssekretariat für Integration kann man die Kritik nicht nachvollziehen. Es gehe um die deutsche Sprache, denn „bei der Sprachstandfeststellung wird nicht festgestellt, ob ein Kind muttersprachliche Defizite hat, sondern, ob ein Kind in der deutschen Sprache Defizite hat“. Schließlich finde der Unterricht später in der Schule auch nicht in einer anderen Sprache als Deutsch statt.

 

Deutsch und Mundart

Im Oberpinzgau hat man mit unterschiedlichen Sprachfördermodellen bereits Erfahrung, wie Familien- und Jugendlandesrätin Tina Widmann erklärt. Kinder mit Migrationshintergrund werden auf Hochdeutsch, Kinder mit starkem Dialekt auch zusätzlich in der Mundart unterrichtet. Beide Modelle werden bereits seit drei Jahren in Kombination verwendet.

Noch ist das Projekt des zweiten Kindergartenjahres aber weder gesetzlich verankert, noch gibt es eine Finanzierung. „Derzeit werden die Kosten für die Pilotversuche von den Ländern finanziert, verursachen jedoch keine zusätzlichen Kosten“, heißt es aus dem Staatssekretariat. Im Endausbau würde das zweite Kindergartenjahr voraussichtlich 70 Millionen Euro kosten. „Früher investieren statt später reparieren“, meint Kurz.

Derzeit investiere Österreich jedes Jahr 60 Millionen Euro für das kostenlose Nachholen von Bildungsabschlüssen. Dabei würde man ohnehin Millionenbeträge in Arbeitsmarktprogramme für junge Menschen ohne adäquate Ausbildung stecken – dieses Geld soll in Zukunft umgeschichtet werden. Ziel ist, innerhalb der nächsten zwei Jahre dieses Projekt landesweit umzusetzen.

Migrationsforscherin Herzog-Punzenberger regt an, gleich alle Kinder zu einem zweiten Kindergartenjahr zu verpflichten, nicht nur jene mit Sprachdefiziten. Schließlich würde jedes Kind davon profitieren, da Kinder mehr durch eine Interaktion miteinander lernen und gemeinsam sozialisiert werden müssen. Gerade die Kinder der Mehrheitsbevölkerung sollten demnach auch mit der vielfältigen Realität der gleichaltrigen Kinder umgehen lernen – ohne schulischen Leistungsdruck. „Dazu gehört nicht nur, die deutsche Sprache verwenden zu können, sondern Respekt vor anderen Kindern, Verantwortung und Gruppensinn zu entwickeln.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.05.2012)

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo

Mehr aus dem Web

15 Kommentare
Gast: Schweinchen schlau
27.05.2012 08:08
0 0

Wie praktisch

Irgendwie werden wir es schon hinkriegen, dass die Schulpflicht gleich nach der Geburt beginnt. Keine Ausrede ist zu blöd um diesem Ziel näherzukommen.

Gast: Bin Gast, mitleser und poster
25.05.2012 19:22
3 0

Bringschuld! Zahlen für andere?

Warum sollen wir Österreicher, für diejenigen zahlen, die freiwillig und wegen der besseren sozialen Lebenserwartung zu uns gekommen sind?
Man will sie ja nicht verfolgen oder verteufeln. Ich persönlich brauch den anatolischen Erdäpfelbauer, der kein Wort deutsch kann, nicht. Habe aber nichts gegen einen gebildeten Yugoslaven.
Oder einen sich bemühenden Schweden etc.
Aber warum wir wirtschaftsflüchtige Ausländer auch noch unterstützen sollen, verstehe ich nicht ganz. Die Argumentation ist ja: Wenn sie jetzt nichts lernen, dann bekommen sie keine Arbeit und in weiterer Folge straffällig.

Erstens wird nicht ein jeder straffällig und zweitens kann es eben nicht unsere (Staats-)aufgabe sein für andere zu sorgen.
Übrigens, um besser im Beruf weiterzukommen hätte ich ganz gerne einen Chinesisch Kurs bezahlt.

Die angesprochenen 60-70 Millionen, die keine zusätzlichen Kosten verursachen, könnte man in bessere Ausstattung der Schulen stecken, weniger Kinder in der Klasse und sowohl für Minderbegabte als auch für Hochbegabte, die dann klarerweise wenig bis nicht mehr motiviert sind, diese zu fördern bzw zu unterstützen.


Gast: Strubb V
23.05.2012 11:04
0 0

Wenn bildunsferne Eltern die auf Deutsch und Schule keinen Wert legen, hilft die beste Förderung nichts!!

Tirol: 500 Kinder verstehen im Unterricht KEIN Wort!
Mai 23, 2012
Der Satz an der Tafel; die Frage des Lehrers; die Worte der Mitschüler: Rund 500 Kinder mit nichtdeutscher Muttersprache an Tiroler Schulen verstehen sie nicht. Sie sprechen so schlecht Deutsch, dass sie von ihren Lehrern gar nicht erst benotet werden können.

Gast: Peter Grözz
23.05.2012 10:56
0 0

Man sollte schon dazu sagen,

dass die Hälfte dieser Kinder keinen Migrationshintergrund hat. Sondern Eltern, die des Schriftdeutsch nicht mächtig sind.

Antworten Gast: nun ja..
23.05.2012 21:01
2 0

Re: Man sollte schon dazu sagen,

wo sollten es diese Kinder -aus sozial schwachen "einheimischen" Familien, die sich keine teuren Privatschulen leisten können- aber lernen? In den Schulen, wo manche Kinder mit Muttersprache Deutsch eine Minderheit darstellen - wie zb an einigen Schulen Wiens oder in anderen Ballungszentren?

Gast: gast45
23.05.2012 09:48
0 0

ja mei .

da kommt man halt aus einem kaff in die grosse weanerstadt .... und dort sogen sie einem dann heast du redst komisch und sag nicht du zum herrn lehrer .. also lernt man halt schön sprechen, bis man mit der uni fertig ist, kann man es dann perfekt ... .. und dann wiederholt sich das theater in new york und moskow. und die grosse weanastadt erscheint als kaff :-) .... also lernt man halt in gottes namen, die jeweiligen sprachen ... mann ist ja nicht blöd, und irgendwann verdient man halt dann mehr, wie alle, die je zu einem gesagt haben, du redest aber komisch :-):-)

Antworten Gast: XAva
23.05.2012 10:57
0 0

In NY und Moskau

wird Deutsch gesprochen? Wär mir neu.

Sprachstand in der Deutsch ...

Ja, was denn sonst? Es geht ja darum, dass alle die hierzulande gesprochene Umgangssprache beherrschen, selbst wenn ihre Eltern Türkisch, Arabisch oder sonst was sprechen.

Es geht nicht um die vereinzelten Fälle verzögerter Sprachentwicklung von Kindern deren Eltern Deutsch sprechen, es geht -- auch wenn man das nicht so deutlich sagen darf -- eigtl. ausschließlich um Kinder mit, wie's so schön heißt, Migrationshintergrund.

Ansonsten ist das Thema juristisch wohl nicht so einfach, die verpflichtende Feststellung der Sprachkompetenz, sogar das verpflichtende (zweite) Kindergartenjahr ist uU verfassungsrechtlich bedenklich. Meine Kinder waren übrigens ab 3 im Kindergarten, ganz ohne Pflicht. Um deren Sprachkompetenz mache ich mir aber auch keine Sorgen.

Antworten Gast: Dr. Lemming
23.05.2012 11:02
0 1

Irrtum.

Da geht es so gut wie nur um österreichische Kinder. Und es geht auch nicht um verzögerte Sprachentwicklung, ee geht darum, dass die Hälfte der Landkinder nicht Schriftdeutsch beherrscht.

Antworten Antworten Gast: um den heißen Brei
23.05.2012 21:06
1 0

zu meiner Zeit - Schulbesuch in den 1970ern am Land (Vlbg)- haben

praktisch alle Kinder die Schriftsprache beherrscht. Es hat sehr wohl mit der Migration in den letzten beiden Jahrzehnten zu tun, dass heutzutage viel mehr SchülerInnen Deutsch nicht als Muttersprache haben -auch in Vorarlberg- und diese Kinder müssen unbedingt gefördert und unterstützt werden.

Antworten Antworten Antworten Gast: Opa
27.05.2012 08:18
1 1

Re: zu meiner Zeit - Schulbesuch in den 1970ern am Land (Vlbg)- haben

Zu meiner Zeit hat so gut wie kein Kind die Schriftsprache beherrscht. Fernseher gab es noch keinen und Kinder haben selten Nachrichten gehört. Sie wurden meist erst in der Schule mit der Schriftsprache konfrontiert. Manche haben sie schneller gelernt, andere brauchten länger, aber bis zum Ende der Volksschule beherrschten alle die Schriftsprache ausreichend.
Da konnte es schon mal vorkommen, dass es in einem Aufsatz "schneipte". Aber solche Missgriffe wurden nicht aufgebauscht. Das Kind wurde aufmerksam gemacht und alle in der Klasse hörten zu. Manchmal wurde auch gelacht, wenn der Ausdruck zu drollig war. Aber kein Kind bekam deshalb in Deutsch ein Nichtgenügend und musste deshalb die Klasse wiederholen. Es war einfach eine Tatsache, dass die Kinder während der Volksschulzeit die Schriftsprache lernten.
Für die Lehrer gehörte es zum Alltag. Niemand schrie nach Förderung. Es war einfach Teil des Unterrichts.

Gast: TOM22
22.05.2012 23:03
5 0

also wir sollen das machen!?

ha jetzt ist es gesagt: unsere Kinder sollen also die un- integrierbaren integrieren! .. und was beommen wir dafür??? Danke für die offenen Worte - ich weiß jetzt was ich mache!

Gast: TOM22
22.05.2012 23:00
0 0

Adoption

und warum nicht Adoption bei Verweigerung

Gast: forscherfreundin
22.05.2012 21:32
2 2

wissenschaftswarnung

„Früher investieren statt später nicht mehr reparieren können" -sollte es heissen. Bitte mehr Hausverstand und weniger "Experten-flatulenzen".
Langsam hat es sich auch bei manchen - aber nicht allen-Migrationsexperten herumgesprochen, dass wir in Ö. sind und daher die deutsche Sprache vermitteln sollen.
Herr Kurz weiss es schon. Wir brauchen keine weiteren Forschungsprojekte diesbezüglich im Kindergarten und Grundschulbereich mehr. Kinder ohne ausreichende Deutschkenntnisse haben später ein großes Problem.
Daher: über politische Grenzen hinweg - dieses Kindergartenprojekt rasch umsetzen!