Scientology auf Mitglieder-Fang: Jugendwerbefeldzug

Ein Verein, der Scientology nahesteht, umwirbt derzeit intensiv Wiener Schüler. Stadtschulrat und Drogenkoordinator warnen davor nun in einem Brief.

Schließen
(c) AP (Miguel Villagran)

Wien. Die Stimmung: beunruhigt bis alarmiert. Der Grund: Scientology und eine dem Verein nahestehende Organisation („Narconon“) sind derzeit in der Stadt so präsent wie schon lange nicht mehr.

So werden vermehrt Folder über Drogenprävention und -therapie an Jugendliche verteilt. Mal von Scientology selbst auf der Straße, mal vor Schulen von „Narconon“, einem eigenen Verein, der auf den Lehren von Scientology-Gründer L. Ron Hubbard basiert. Die Vermutung, dass über die Antidrogenkampagnen Jugendliche als Mitglieder geworben werden, mag naheliegen, wird aber von „Narconon“ zurückgewiesen.

Weil „Narconon“ laut dem Wiener Sucht- und Drogenkoordinator Michael Dressel „über den Sommer sehr aktiv“ gewesen sei, hat er nun mit dem Stadtschulrat einen Brief verfasst, der morgen, Freitag, an alle 670 Wiener Schulen verschickt werden soll. Darin wird über Narconons „fragwürdige“ Methoden informiert. Diese „widersprechen völlig dem, was in der Drogenarbeit State of the Art ist“, so Dressel. So besteht etwa die Drogen-„Selbsthilfe“ aus „Reinigungsprogrammen“, bei denen die Sucht durch exzessive Saunabesuche „ausgeschwitzt“ werden soll. Eine explizite Warnung vor Scientology findet sich im Brief aber nicht – aus Angst vor Klagen.

Dass hinter der Antidrogenaktion die Lehren von Scientology stecken, geht aus den Broschüren nicht hervor. Der Stadtschulrat prüft bereits eine weitere Info-Kampagne: Denn laut den Wiener Grünen wirbt Scientology derzeit auch mit Lernhilfen („Englisch lernen ist leicht“) unter Schülern.

Wie sehr aber sprechen Jugendliche auf die Drogenprävention an? Sehr, glaubt man Narconon-Leiterin Antonia Homschak. Sie spricht von Hunderten – begeisterten – Schülern, vor denen sie Vorträge gehalten habe, will die Schulen aber nicht verraten, um den Direktoren Probleme zu ersparen. Der Leiter der Bundesstelle für Sektenfragen, German Müller, wiederum meint, es sei schwer abzuschätzen, ob es sich um „Einzelfälle“ handelt oder ob Schüler vermehrt auf das Angebot eingestiegen seien. „Jedenfalls muss man das ernst nehmen und darüber informieren“. Die Briefaktion ist für Narconon eine „wirklich bösartige Kampagne“. Man wolle nur über Drogen aufklären. Es ginge nicht darum, Mitglieder für Scientology zu werben, sagt Homschak, selbst Scientologin. Aber natürlich komme es vor, dass sich Jugendliche so für Hubbards Lehren zu interessieren beginnen.

Neben „Narconon“ ist auch Scientology selbst derzeit in der Stadt an gleich mehreren Stellen (etwa Graben, Schwedenplatz) mit Infoständen präsent. Ohne sichtbare Hinweise auf „Scientology“ werden Passanten zu einem „Stresstest“ und in der Folge zu Seminaren eingeladen. Bewohner und Passanten freut das weniger: Die Bundesstelle für Sektenfragen vermeldet vermehrte Anrufe, City-Bezirksvorsteherin Ursula Stenzel berichtet von „massiven Anrainerbeschwerden“. Für die Infostände, sagt Stenzel, habe Scientology überdies keine Genehmigung.

Auf einen Blick

Scientology wirbt derzeit in Wien intensiv um Mitglieder.
In Frankreich wird derzeit eine Anklage gegen führende Scientology-Mitglieder wegen Betrugs vorbereitet.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.09.2008)

Kommentar zu Artikel:

Scientology auf Mitglieder-Fang: Jugendwerbefeldzug

Schließen

Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.

Meistgelesen