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Richart Sowa: Paradies auf einer Flascheninsel

14.07.2012 | 18:07 |  von Toni Oberndorfer (Die Presse)

Richart Sowa lebt auf einer Insel aus leeren Plastikflaschen. Der eigenwillige Brite will damit Impulse für den Umweltschutz setzen. Und schon bald hinaus auf den Ozean fahren.

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Dass Richart Sowa an der Flasche hängt, hat nichts damit zu tun, dass er eine exzessive Vorliebe für Alkohol hätte. Dieser Mann hat schlicht zu diesem Gefäß im Laufe der Jahre eine besondere Verbindung aufgebaut. Schließlich geht der 59-Jährige Abend für Abend auf einem Meer aus Bouteillen schlafen: und zwar auf rund 150.000 Stück.

Aus leeren Plastikflaschen hat sich Sowa vor der mexikanischen Ostküste seine eigene Insel gebaut. Aktuell ist das ständig wachsende Eiland etwa 25 Meter breit und 30 Meter lang. Das Bauen allein ist dem britischen Abenteurer aber bei Weitem nicht genug: Er lebt auf „Joysxee“ – wie er sein Home Island getauft hat. Braungebrannt, in bunten Hawaii-Hemden, mit Dreitagebart und windgemachter Frisur erfüllt der Individualist das Klischeebild eines Sonnyboys. Unter tropischer Hitze hat er sich in den letzten Jahren nahe der Küstenstadt Cancún ein solides Refugium aus Flaschen, Brettern und Sand errichtet.

Plastiksäcke und Netze füllt Sowa mit leeren, fest verschlossenen Kunststoffflaschen. Diese wiederum befestigt er an Brettern und Bambusstäben, darauf folgt eine Schicht aus Sperrholz, Sand, Muscheln und Steinen. Als Anker dienen dem Kreativkopf betongefüllte Autoreifen. „Außerdem habe ich Mangroven angepflanzt. Deren Wurzeln schlängeln sich um die Flaschen und machen die Konstruktion noch kompakter“, erzählt Sowa.

Kompaktheit hin oder her – fester Boden unter den Füßen sieht anders aus. Aber seekrank, sagt der Zivilisationsaussteiger, sei er zu Hause noch nie geworden. „Und immerhin lebe ich schon knapp 14 Jahre auf selbstgebauten Inseln.“ Seit 1998 widmet sich der Engländer seiner Art von Müllinseln. Seinen ersten revolutionären Recycling-Versuch auf Wasser stoppten einst die mexikanischen Behörden – Sowa fehlte die Lizenz. Krumm nimmt Sowa den Mexikanern ihre Berührungsängste mit seinem Projekt nicht mehr, obwohl er damals sogar eine Nacht im Gefängnis verbringen und vorübergehend die Stadt verlassen musste: „Stellen Sie sich mal vor, da kommt jemand auf Ihr Amt und sagt: „Hey, ich will vor Ihrer Küste eine Insel aus Plastikflaschen bauen. Da würde wohl niemand sagen: Bitte, machen Sie nur!“


Selbstversorger. Seine erste florierende Insel namens Spiral Island war sieben Jahre alt, als sie durch einen Hurrikan zerstört wurde. Doch der hartnäckige Brite steckte nicht auf: Seit Anfang 2008 bastelt er an „Joysxee“. Auf seiner Insel wird Sowa zum Selbstversorger. Für eine Dusche sammelt er Regenwasser, zudem gibt es eine Kompost-Toilette. Aus einer Kiste und Alufolie hat er sich einen schmucken Solarbackofen gebastelt. Elektrizität gewinnt der Eigenbrötler aus Solarzellen und einem Windgenerator. Strom für Kühlschrank und Computer darf sich der Brite von einem Hotel an der Küste abzapfen.

Sein mittlerweile zweistöckiges Eigenheim ist alles andere als eine spartanische Hütte: Sofa, Bar, Schlafzimmer und eine Küche sorgen für Wohnkomfort. Als Nahrungsquellen hat er Tomaten und anderes Gemüse angepflanzt, außerdem wachsen Obstbäume auf „Joysxee“. Andere Lebensmittel muss Sowa vom Festland holen. Von der örtlichen Müllabfuhr bekommt er Nachschub an Plastikflaschen für den Ausbau seines Zuhauses. „Müll ist der Schlüssel zum Paradies“ lautet sein Credo.

Zweimal war der britische Abenteurer verheiratet, seine vier Kinder und Enkel leben in England. Hin und wieder kommt seine Familie zu Besuch – so wie auch andere Gäste das Flascheninselidyll aus nächster Nähe inspizieren wollen. Ein Einzelgänger möchte der Inselkonstrukteur, der früher Zimmermann war, „eigentlich nicht sein“. Aber eine neue, langfristige Beziehung aufzubauen, erweise sich angesichts der besonderen Wohnsituation als schwierig. „Heute will doch jeder ein eigenes Haus, ein Auto. Ich möchte zeigen, dass es auch anders geht. Und zwar ohne Umweltverschmutzung und mit Recycling. Die Insel ist meine Lebensmission. Es ist harte Arbeit und zugleich ein großes Abenteuer. Und wichtig für die Zukunft unseres Planeten.“

Sowa möchte Weltverbesserer sein – und dazu beitragen, „das globale Müllproblem zu lösen“. Seine Inselwelt sei der beste Beweis dafür, dass sich Einwegflaschen auch nach Gebrauch noch sinnvoll nutzen ließen. Dem nicht genug, möchte der Idealist mit seinem Lebensprojekt gleich mehrere Botschaften aussenden: „Für mehr Bäume und Pflanzen und gegen die Zerstörung von Wäldern. Für mehr bewohnbare Grünflächen. Außerdem wachsen zwischen meinen eingenetzten Flaschen Korallen, die Wurzeln meiner Mangroven filtern das Wasser.“ Als schwimmende Reisfelder könnten Flascheninseln helfen, den steigenden Nahrungsbedarf zu decken. Bei Überschwemmungen könnten sie als sichere Notunterkünfte dienen. „Ich glaube, es ist eine tolle Idee für Menschen auf der ganzen Welt.“


Keine Flaschenpost. Seine Idee möchte der Mann aber nicht per Flaschenpost in die Welt hinaustragen, sondern so effektiv wie möglich. Deshalb bedient er sich als knallbunter Umweltaktivist der globalen Macht von Social-Media-Kanälen wie Youtube und Facebook. Laufend informiert er seine Fangemeinde über die Fortschritte seines Projekts.

Für seine ambitionierten Ziele sucht der Inselbesitzer ständig nach Geldgebern. Sein Masterplan ist, „eine autarke Insel zu werden und einmal auf den Ozean hinauszufahren“. Nicht umsonst hat er seine überdimensionale Luftmatratze bei den mexikanischen Behörden als „ökologisches Boot“ angemeldet. Um in See stechen zu können, sind Sonnensegel zur Stromerzeugung geplant, außerdem will Sowa einen Wellenantrieb à la Katamaran installieren. Für seine kraftraubenden Zukunftsziele hält sich der vierfache Großvater auch durch körperliches Training fit: Die Muskeln lässt Sowa auf einer umfunktionierten Drückbank und mit einer Langhantel spielen. Als Gewichte dienen große, gefüllte Plastikflaschen. Was sonst.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.07.2012)

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1 Kommentare
Gast: CO2 neutral
15.07.2012 09:34
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Fortschritt oder Rückschritt?

Ich denke man könnte auch bei uns z.B. strömungstechnisch optimierte Erdhäuser bauen, diese mit Photovoltaik und Windrädern bestücken, Bio WC Anlage, Parabolgriller,... Als Nahrungsquelle und Einnahmequelle eine kleine Obst-, Gemüsegärtnerei und Hühnerstall und man könnte ohne massive techn. Einbußen einem CO2 neutralem Leben sehr nahe kommen. Energieintensive Tätigkeiten wie Wäsche waschen müßte man bei Schönwetter erledigen. Längere Schlechtwetterperioden bzw. Ernetausfälle würden natürlich das Ganze ohne "weiteres Standbein" zum Scheitern bringen.