Wien. In der wirtschaftspolitischen Causa prima Europas – der Schuldenkrise südeuropäischer Länder – sind die Fronten klar abgesteckt. Während Italiener oder Franzosen für die offene Vergemeinschaftung der Schulden oder das Anwerfen der Notenpresse plädieren, ist Deutschland bisher strikt dagegen. Und aufgrund seiner gut funktionierenden Exportwirtschaft befinden sich die Deutschen dabei auch in einer Position der Stärke. Wichtiger Teil dieser Exportwirtschaft ist nicht zuletzt die deutsche Autoindustrie, deren Produkte sich in China oder den USA größter Beliebtheit erfreuen. Und gerade rund um dieses wichtige Standbein der Deutschen Industrie bahnt sich der nächste Konflikt zwischen den drei Ländern an.
Grund dafür ist der Vorschlag über verpflichtende CO2-Grenzen für Neuwagen ab dem Jahr 2020, den EU-Klimakommissarin Connie Hedegaard in der Vorwoche vorgelegt hat, „Die Presse“ berichtete. Demnach soll der Ausstoß von Kohlendioxid pro gefahrenem Kilometer in den nächsten acht Jahren auf 95 Gramm fallen. Im Vorjahr waren noch 135,7 Gramm erlaubt, bis zum Jahr 2015 soll dieser Wert laut derzeit gültiger Regelung auf 130 Gramm fallen.
3,7 Liter auf 100 Kilometer
Dies bedeutet jedoch nicht, dass ab 2020 jedes Auto weniger als 95 Gramm pro Kilometer emittieren muss. Denn dieser Kohlendioxid-Ausstoß entspricht einem durchschnittlichen Verbrauch von 3,7 Litern auf 100 Kilometer. Ein Wert, mit dem Sportwagen oder große und schwere Limousinen auch bei großem technischem Fortschritt in der heutigen Form technisch nicht mehr machbar sind. Für Unternehmen wie Porsche würde dies also de facto ein Verbot der Geschäftstätigkeit bedeuten.
Um dies zu vermeiden, wurde schon bei der – ebenfalls heftig umkämpften – Einführung der derzeitigen Regelung im Jahr 2007 festgelegt, dass die Grenze nur als Durchschnitt der gesamten Produktion eines Herstellers gilt. Mit genügend hergestellten Kleinwagen kann so also rechnerisch der Ausstoß eines großen Spritschluckers wieder ausgeglichen werden. Dies ist auch einer der strategischen Gründe für die Eingliederung von Porsche in den VW-Konzern. Denn nur mit genügend verkauften Lupo und Polo ist auch in Zukunft die Existenz von 911 und Cayenne gesichert.
Zusätzlich wird die Last auch unterschiedlich zwischen den Herstellern aufgeteilt. Dank einer komplizierten Formel dürfen jene Produzenten, die vor allem große und schwere Autos im Programm haben, in Summe über dem Grenzwert liegen. Dies betrifft vor allem die deutschen Konzerne VW, Daimler und BMW. Im Gegenzug müssen jene Hersteller, die vornehmlich Kleinwagen produzieren, mit ihrem Flottenausstoß noch unter der Grenze liegen. Dies gilt etwa für Fiat oder Peugeot.
„Dickere sollen mehr abnehmen“
Diese Regelung gab es schon bisher, im neuen Vorschlag für 2020 wurde jedoch ein Wert geändert, wonach große Autos in Relation stärker an Effizienz zulegen müssen als kleinere. „Dickere Menschen sollen ja auch mehr abnehmen als dünnere“, wurde diese Änderung bei der Präsentation des Vorschlages in der Vorwoche kommentiert.
Eine ursprünglich geplante noch stärkere Verschärfung hat der mächtige Verband der deutschen Automobilindustrie zwar bereits „weglobbyiert“. Dennoch wollen die Deutschen auch die übrig gebliebene Änderung nicht kampflos hinnehmen. Vor allem, da es auch Gründe abseits der Umweltpolitik dafür gibt: So soll sich etwa der französische Binnenmarktkommissar Michel Barnier für diese Verschärfung starkgemacht haben. Nach Ansicht der Deutschen, um der französischen Autoindustrie das Leben zu erleichtern.
Widerstand im EU-Parlament
Innerhalb der Kommission sind die Verhandlungen mit der Präsentation des Vorschlages zwar weitgehend abgeschlossen. Um endgültig Realität zu werden, muss die Regelung jedoch noch im Europäischen Parlament und im Rat der Fachminister beschlossen werden. Und dort zeichnet sich bereits jetzt an, dass Vertreter Deutschlands das Paket noch einmal aufschnüren und die bisher gültigen Werte beibehalten wollen.
Sollte dies nicht der Fall sein, müssten die Deutschen ihren Flottenverbrauch stärker als bisher geplant absenken. Laut Branchenexperten ginge dies vor allem über einen Ausbau der Modellpalette am unteren Spektrum – also mehr Kleinwagen von BMW, Daimler und Audi. Eine Strategie, die von den deutschen Herstellern in den vergangenen Jahren bereits kräftig forciert wurde. Gelitten haben darunter nicht zuletzt die italienischen und französischen Hersteller, die so neue Konkurrenten in ihrem Segment erhielten.
Ab 2020 sollen Neuwagen laut einem Vorschlag der EU-Kommission im Schnitt maximal 95 Gramm CO2 je Kilometer emittieren dürfen. Dieser Schnitt ergibt sich, indem größere Autos mehr und kleinere Autos weniger Kohlendioxid ausstoßen. Die EU will nun aber, dass größere in Relation zu kleineren stärker an Effizienz zulegen. Aus Deutschland regt sich Widerstand dagegen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.07.2012)
Der American Dream platzt an der Grenze
Liu Bolin Der ''unsichtbare Künstler''
WienDie Votivkirche, eine ewige Baustelle
SpeiseplanErobern Würmer die Teller Europas?