Martin Novák: "Das Leben ist voller Risiko"

06.10.2012 | 17:53 |  von Matthias Auer und Jakob Zirm (Die Presse)

Tschechiens Atomkraftwerke seien absolut sicher, sagt der Finanzvorstand des tschechischen Energieversorgers ČEZ. Ein Unglück wie im japanischen Fukushima könne in Mitteleuropa "nie passieren". Ein "Presse"-Interview.

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Im März 2011 gab es im japanischen AKW Fukushima einen der größten Atomunfälle der Geschichte. Was dachten Sie, als Sie die Bilder im Fernsehen sahen?

Martin Novák: Ich dachte wahrscheinlich dasselbe wie Millionen andere Menschen. Ich interessierte mich dafür, was genau passiert war und wie sich die Dinge entwickelten. Eines ist aber klar: Was in Fukushima geschah, kann in Mitteleuropa keinesfalls passieren. Es gibt hier kein Meer, und unsere Kraftwerke stehen auch nicht in einer seismisch aktiven Gegend, sondern in einer der stabilsten Europas. Fukushima war zwar einer der ernstesten Zwischenfälle in einem Atomkraftwerk seit Jahren. Wenn man sich jedoch ansieht, wie stark der Tsunami die gesamte Gegend verwüstet hat, dann muss man auch feststellen, dass das Kraftwerk diese gigantischen Naturgewalten verhältnismäßig gut überstanden hat.

Hat in Ihren Augen Fukushima also sogar gezeigt, dass Atomkraft sicher ist?

Fukushima hat gezeigt, dass ein Atomkraftwerk eine Naturkatastrophe überstanden hat, die sonst von nichts überstanden wurde. Das Kraftwerk stand nach dem Tsunami – zwar beschädigt – immer noch da, während sonst nichts mehr stand. Ich möchte das Ganze jetzt nicht kleinreden. Es war ein schwerwiegender Unfall, und es gab einen Austritt von Radioaktivität. Aber man darf nicht vergessen, was für eine ungeheure Naturgewalt das Kraftwerk überstehen musste. In Mitteleuropa gibt es keine so starke Naturgewalt.

Sie hatten also nie Zweifel an der Sicherheit Ihrer eigenen AKW?

Unsere AKW wurden im Rahmen des EU-Stresstests überprüft, der ergeben hat, dass sowohl Temelín als auch Dukovany sichere Kraftwerke sind, bei denen bis auf ein paar kleine Adaptionen keine Änderungen notwendig sind.

 

Kritiker sehen die Ergebnisse von Temelín und Dukovany im Stresstest als vernichtend an. So sollen Filtersysteme und Notfallpläne fehlen.

Ich bin jetzt kein Experte für nukleare Sicherheit. Aber ich kann mich auf die Aussagen der tschechischen Atomsicherheitsbehörde beziehen. Und demnach sind unsere Kraftwerke absolut sicher.

 

Verstehen Sie die Sorgen der Österreicher, die in der Nähe der AKW an der tschechischen Grenze wohnen?

Wir verstehen die Sorgen. Wir sehen das Thema halt aus einem anderen Blickwinkel. Wir haben viel mehr Daten und wissen, dass der Sicherheitsstandard in den Kraftwerken sehr hoch ist. Und es sind ja nicht nur Österreicher, die in der Nähe unserer Kraftwerke leben. Wir leben selbst auch in der Nähe von ihnen.

 

Warum stehen Atomkraftwerke dann aber fast immer in der Nähe von Landesgrenzen? Das trifft ja nicht nur auf Tschechien zu. Es wirkt so, als ob die Länder ihre eigenen AKW möglichst weit von sich wegschieben wollten.

Das ist ein interessanter Punkt, der mir so noch nie aufgefallen ist. Die Entscheidung für die Lage unserer zwei AKW wurde jedoch bereits vor Jahrzehnten getroffen, weshalb es schwer ist, das jetzt zu kommentieren. Tschechien ist zudem auch so klein, dass so gut wie jeder Punkt nahe an einer Grenze ist.

Atomkraft steht ja vor allem wegen der Sicherheitsthematik in der Kritik. Interessant sind aber auch die wirtschaftlichen Zahlen. So gilt Atomkraft als besonders günstige Energiequelle. Laut der Internationalen Energieagentur (IEA) wird die globale Nuklearindustrie jedoch pro Jahr mit 45 Milliarden Dollar doppelt so hoch subventioniert wie erneuerbare Energien. Ist Atomkraft überhaupt so billig, wie sie scheint?

Die Zahlen der IEA kann ich nicht kommentieren. Ich kenne aber die Zahlen unseres Unternehmens. Und ČEZ ist nicht nur der profitabelste, sondern auch einer der finanziell gesündesten Energiekonzerne Europas. Der Grund dafür ist, dass wir zwei Atomkraftwerke betreiben. Diese produzieren bei geringen Kosten gleichmäßig sehr viel Elektrizität und stoßen dabei – was ja immer wichtiger wird – auch keinerlei CO2 aus. Es ist also auch eine sehr saubere Technologie.

 

Tschechien ist eines von drei Ländern in der EU, die Atomkraft als CO2-freie Technologie anerkannt haben wollen. Dies würde dann – wie bei Erneuerbaren – fixe Einspeistarife ermöglichen. Ist das nicht eine noch stärkere Verlagerung von Marktrisken von den Unternehmen auf den Staat?

Neubauten von Atomkraftwerken erhalten weltweit staatliche Unterstützung, wenn es um die Reduktion von Risken geht. Und bei der Diskussion, die sie angesprochen haben, geht es um die Erweiterung von Temelín. Den Bau finanzieren wir ohne Probleme selbst. Aber danach hätten wir gern das britische Modell. Dabei gibt es wie bei den Erneuerbaren fixe Einspeistarife. Denn gerade die massive Förderung der Erneuerbaren hat ja erst das Preisgefüge auf den internationalen Strommärkten zerstört. Obwohl die Stromkunden immer mehr für ihre Stromrechnung zahlen müssen, sind die Großhandelspreise für Strom stark gefallen. Der Energieanteil an der Rechnung wird also immer kleiner, jener für grüne Subventionen größer.

 

Würden Sie ein AKW auch ohne staatliche Hilfe bauen?

Wenn man ein Atomkraftwerk errichtet, muss man rund 60 Jahre in die Zukunft rechnen. Daher ist man natürlich bestrebt, die Risken zu verringern. Bisher waren schließlich jedoch alle AKW profitabel.

Eine wichtige Kostenfrage ist die Endlagerung des radioaktiven Mülls. Diese muss laut Kritikern für hunderttausende Jahre gewährleistet sein, die Haftung dafür übernimmt nach einigen Jahrzehnten der Staat. Laut Kritikern ist Atomkraft nur wegen dieser Haftungsübernahme rentabel.

In Tschechien zahlen die Atomkraftbetreiber in einen Fonds ein, mit dem ein Endlager gebaut und über Jahrzehnte betrieben werden kann. Und wenn Kritiker sagen, man müsse für hunderttausende Jahre vorausplanen, dann frage ich mich: Wie lange gibt es unsere Zivilisation? Etwas mehr als zweitausend Jahre. Ich würde mich daher auf die kommenden Jahrzehnte konzentrieren. Und für diese können wir die Kosten ziemlich genau vorhersagen.

 

Vor ein paar Jahren gab es auch in Großbritannien oder Finnland eine Renaissance der Atomkraft. Diese Länder sind inzwischen wieder wesentlich zurückhaltender. Tschechien will bis 2030 den Anteil des Atomstromes von einem Drittel auf die Hälfte anheben. Warum sind Sie so optimistisch beim Thema Atomkraft?

Wir sind technisch versierte und rational denkende Menschen. Und wir halten in dieser Frage vor allem die Emotionen heraus. So sollten Risken auch bei der Atomkraft rationell und realistisch eingeschätzt werden. Das Leben ist voller Risiko. Bei der Atomkraft werden Entscheidungen oft viel stärker von Emotionen als von Fakten bestimmt. Nehmen wir als Beispiel den deutschen Atomausstieg. Laut diesem wurden die deutschen AKW von einer Woche auf die nächste von sicheren zu unsicheren Kraftwerken, weil inzwischen der Unfall von Fukushima passierte. Rational betrachtet ist Atomkraft eine zuverlässige, profitable und von Energieimporten weitgehend unabhängige Energiequelle. Wenn die Menschen in Europa nicht mehr nur zwei Stunden am Tag Elektrizität haben wollen, dann müssen sie eine stabile Stromversorgung wählen. Und das sind derzeit nur Atomkraft, Kohle oder Gas.

Kritiker sagen, dass der Ausbau der tschechischen Atomkraft nur für den Export geschehe, weil etwa Länder wie Deutschland künftig mehr importieren müssen. Stimmt das?

Nein. Wir haben ein ganze Reihe von alten Kohlekraftwerken, die in den nächsten Jahren ersetzt werden müssen. Diese müssen entweder durch Atomkraftwerke oder Gaskraftwerke ersetzt werden. Und wir entscheiden uns da vor allem für Ersteres. Aber natürlich braucht Deutschland künftig – vor allem in Bayern – in den Spitzenzeiten auch immer wieder Strom aus Tschechien. Das war aber schon in der Vergangenheit so. Wir als ČEZ exportieren jedoch gar nichts. Wir verkaufen unseren Überschussstrom an der Strombörse in Prag. Wer ihn dort kauft und wohin er ihn verkauft, können wir nicht sagen.

 

Österreich fordert gemeinsam mit anderen EU-Staaten, dass Strom nach seiner Erzeugung gekennzeichnet wird und Atomstrom nicht mehr importiert werden darf. Bereitet Ihnen das Sorgen?

Der freie Güterverkehr war einer der Gründe, warum die EU einst gegründet wurde. Wenn nun zwischen den Mitgliedsländern gegen einzelne Güter Importverbote verhängt werden, dann ist das auf jeden Fall abzulehnen. Zudem kann man nicht sagen, dass tschechischer Strom automatisch Atomstrom ist. Wir sind vielmehr nach Deutschland das Land mit der zweithöchsten installierten Kapazität von Erneuerbaren je Einwohner. So haben wir etwa 2000 Megawatt Fotovoltaik installiert, das ist gleich viel Kapazität wie beim AKW Temelín. Allerdings gibt Letzteres sieben Mal so viel Strom, weil es ständig produziert und nicht nur, wenn die Sonne scheint. Was wir kaum haben, ist Windenergie. Tschechien ist aber auch nicht sehr windig.

In Österreich sieht man das anders. Denn sobald man über die Grenze fährt, sieht man sehr viele Windräder, obwohl die Voraussetzungen nicht viel anders als in Tschechien sind.

Der Ausbau der Erneuerbaren hängt vor allem von der finanziellen Unterstützung durch den Staat ab. In Tschechien gab es diese vor allem für Fotovoltaik, obwohl es auch nicht ein übertrieben sonniges Land ist. Bei der Windenergie gibt es zudem viel Widerstand aus der Bevölkerung. Vielen Menschen ist das Landschaftsbild einfach wichtiger. Und nicht vergessen sollte man auch, dass auch Erneuerbare Umweltprobleme bereiten: So sind etwa in den Fotovoltaik-Paneelen viele giftige Inhaltsstoffe enthalten. Was geschieht mit diesen, wenn die Paneele in 20 Jahren am Ende ihrer Lebensdauer sind?

 

Die deutsche Kanzlerin Angela Merkel sagte einst, Atomkraft sei nur eine Brückentechnologie hin zu den Erneuerbaren. Sehen Sie das auch so, oder ist Atomkraft für Sie noch eine Zukunftstechnologie?

Heutzutage hätten wir in Europa ohne Atomkraft ein großes Problem. Länder wie Frankreich hätten so gut wie überhaupt keine Elektrizität. Und ich glaube, dass Erneuerbare ohne technologischen Durchbruch auch auf absehbare Zeit nicht in der Lage sein werden, Atomkraft, Gas oder Kohle zu ersetzen. Und es wird sehr schwer werden, sowohl frei von CO2 als auch von Atomkraft zu werden.

(c) Die Presse / HR

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Martin Novák (Jahrgang 1971) schloss sein Wirtschaftsstudium an der Universität Prag im Jahr 1994 ab und begann seine Karriere beim Wirtschaftsprüfer und Unternehmensberater PriceWaterhouse. Danach arbeitete er mehrere Jahre auch für Česká rafinérská und danach für Conoco in den USA und Großbritannien.

2006 trat Novák in die ČEZ ein, wo er seit 2008 die Finanzabteilung leitet. Seit dem Oktober 2011 ist Novák stellvertretender Vorstandsvorsitzender des Energiekonzerns.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.10.2012)

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9 Kommentare

"Das Leben ist voller Risiko"

Wui, das haben wir nicht geahnt!
"...absolut sicher." ist nur der Tod, lieber von der Atomlobby gekaufter Banalitätenschleuderer Martin Novák.
Aber der Novák , der lässt uns verkommen!

Gegen die Hexenverfolgung!

Schön zu wissen, dass es auch technisch versierte und rational denkende Menschen gibt, die wissen wie Marktwirtschaft funtkioniert und dass Fakten den Vorrang vor Emotionen haben sollten.
Schön zu wissen, dass es noch Backup-Resourcen in Europa gibt, sodass die planwirtschaftlich organisierten Energiewende uns nicht ins totale Aus steuern kann.
Schön zu wissen, dass es keinen Meinungs-Einheitsbrei in Europa gibt, sondern Gegensätze. Durch Gegensätze gibt es echten geistigen Fortschritt - auch wenn dies manchmal lange dauert.


Herr Novak

würde nicht so souverän mit der österreichischen Presse reden, wenn der österreichischen Öffentlichkeit alle Pannen bekannt wären, die je auf den Anlagen in Temelin und Dukovany vorgekommen sind.
Das krasseste daran ist, dulden zu müssen einen Nachbaren zu haben von dem man weiss dass er lügt und zwar immer wenn er weiss dass er sich es leisten kann.

Gast: rotgipfler
06.10.2012 22:17
2

Zynismus pur

Absolute Sicherheit ist eine Illusion, wie man in Tschernobyl und Fukushima gesehen hat.

wenn unsere

Altvorderen ebensolche Hysteriker wie wir Heutigen gewesen wären, wäre das Feuer längst geächtet, verboten, abgeschafft ;-)

Nach Betrachtung seines Bildes

konnte ich auch eine gewiße Verfressenheit feststellen.Hedonismus hat sich ja nie Sorgen um Mitmenschen und die Zukunft gemacht.

Es gibt nirgendswo

stabile seismische Lagen.In solchen(0) Zeiträumen zu denken wie Novak kann einzig und allein nur dem Geld geschuldet sein.Der SUV ist wichtiger als die angenehme Zukunft seiner Nachgeborenen.Ethik du bist des Teufels.Geld du bist mein Gott.

Gast: b745
06.10.2012 19:01
5

solche typen sollte man eher einsperren statt sie auf die menschheit loszulassen

es sind solche verbrecher die uns in den abgrund reißen

Antworten Gast: Turbo Toni
06.10.2012 20:13
5

Re: solche typen sollte man eher einsperren statt sie auf die menschheit loszulassen

Sehr geehrter Gast b745,
wenn ich Sie richtig verstehe, ist jeder, der anderer Meinung ist als Sie ein Verbrecher!?!
So eine "Schieflage" hatten wir vor ca. 70 Jahren schon einmal.
Daher ist Ihre Denkweise mit äußerster Vorsicht zu genießen!

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