Wie man Treibhausgase wirksam reduzieren kann

13.10.2012 | 17:11 |  von Martin Kugler (Die Presse)

Maßnahmen der Klimapolitik haben auch unliebsame Nebenwirkungen, die sogar größer sein können als bisher gedacht. Es gibt aber Ideen zur Abhilfe. Dazu zählen etwa „Spill-over“-Effekte von „grünen“ Technologien.

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Ein unhandlicher Begriff spielt derzeit eine Hauptrolle in der Klimapolitik: „Carbon leakage“. Darunter versteht man die Tatsache, dass Industriebetriebe aus Ländern, in denen strenge Klimaschutzauflagen gelten, in Regionen abwandern, wo es laxere Vorschriften gibt. Für den weltweiten Klimaschutz ist das kontraproduktiv: Denn in Ländern ohne strenge Umweltauflagen ist der Treibhausgasausstoß deutlich höher als in den optimierten Fabriken in Europa.

Durch „Carbon leakage“ sinkt jedenfalls die Effektivität der EU-Klimapolitik. Laut Berechnungen werden 29 Prozent des CO2-Einsparungseffektes in Europa durch einen Mehrausstoß in anderen Regionen konterkariert. Diese Zahl sage aber nur die halbe Wahrheit, argumentiert der Grazer Umweltökonom Karl Steininger. Denn die bisherigen Berechnungen würden nur die CO2-Emissionen aus dem Energieverbrauch – also der Verbrennung fossiler Energieträger – berücksichtigen. Diese machen rund 90 Prozent des Gesamtausstoßes aus. Die restlichen zehn Prozent sind sogenannte „Prozessemissionen“, die bei der Produktion gewisser Produkte unvermeidlich sind und auch nicht durch Energiesparen oder Umstellung auf erneuerbare Energieträger gesenkt werden können. In der Eisen- und Stahlindustrie muss z. B. das Eisenerz zum Metall reduziert werden, bei der chemischen Reaktion wird CO2 frei. Gleiches gilt für die Zementindustrie, wo das Gas beim Brennen des Kalkes abgespalten wird.

Druck zur Verlagerung.
Diese Industriezweige zählen zu jenen Sektoren, in denen „Carbon leakage“ und Verlagerungsdruck am höchsten sind. Steiningers Team am Wegener Zentrum für Klima und Globalen Wandel – das sich vielen Aspekten rund um das Klimathema widmet (siehe Artikel unten) – hat die Prozessemissionen nun in die Berechnungen miteinbezogen. Das Ergebnis: Die Wirksamkeit der EU-Klimapolitik sinkt um 40 Prozent, weil noch viel mehr Produktion aus der EU abwandert. „Die Größenordnung dieser Rückwirkung wurde bei globalen Modellen bisher unterschätzt“, so Steininger. Dieser Befund ist im Grunde erschütternd, denn ein globales Klimaabkommen ist unrealistisch, Europa aber hält an seinen Zielen (minus 20 Prozent CO2 bis 2020) fest.

Ist die EU-Klimapolitik daher sinnlos? Steininger verneint diese Frage. Denn es gebe sehr wohl Wege und Möglichkeiten, dass auch einseitige Klimaschutzmaßnahmen globale Wirkung entfalten können. Dazu zählen etwa „Spill-over“-Effekte von „grünen“ Technologien, die unter dem Druck von Umweltvorschriften in Europa entwickelt und dann in die ganze Welt exportiert werden – sie werden nicht zuletzt deshalb eingesetzt, weil sie energieeffizienter und daher billiger sind.

Es sind aber auch spezielle Auflagen denkbar, mit denen „Carbon leakage“ gesenkt werden könnte. So werden in Brüssel derzeit sogenannte „Grenzausgleichszölle“ diskutiert, also Importzölle auf CO2-intensive Güter, die quasi einen Ausgleich dafür schaffen, dass die Produzenten in Europa CO2-Zertifikate zukaufen müssen, andere aber nicht. In dem vom Österreichischen Klimaforschungsprogramm ACRP geförderten Projekt „Response“ wurde deren Wirkung nun exakt berechnet (Energy Economics, online, 6. Sept. 2012): Wenn nur energiebedingte Emissionen berücksichtigt werden, dann sinkt das „Carbon leakage“ um 24 Prozent. Bezieht man zusätzlich die Prozessemissionen mit ein, dann liegt der Effekt aber bei 63 Prozent. „Diese Maßnahme ist mehr als doppelt so wirksam und kann den Großteil der Mehremissionen anderswo verhindern“, kommentiert Steininger. 

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.10.2012)

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14 Kommentare
Gast: Lecter
17.10.2012 07:56
1

Emissionshandel

Man hatt viele schöne neue Posten geschaffen wo hochbezahlte Bürokraten viel Papier produzieren....

Ich les hier nur CO2

Das Treibhausgaspotential von Methan ist 25mal höher. Methan entsteht im großen Rahmen beim Reisanbau und bei der Rinderhaltung und dann gibts in Sibirien noch eine Permafrostfläche größer als die USA die mit Methan gefüllten Hölräumen versehen ist. Das Methan dort wurde von Bakterien erzeugt. wenn wir dort also das Eis abtauen brauchen wir uns keine Sorgen mehr um das CO2 zu machen, weil dann gibts uns bald eh nicht mehr.
http://de.wikipedia.org/wiki/Permafrostboden#Der_R.C3.BCckgang_der_Permafrostb.C3.B6den

Re: Ich les hier nur CO2

Wie die vom Weltklimarat beauftragten Wissenschaftler in "The Physical Science Basis" im AR4 schreiben, ist Methan zwar 20-mal so wirksam wie CO2, aber in der Atmosphäre weniger häufig. Deshalb ist das CO2 in der Atmosphäre für den Treibhauseffekt rund 3,5- mal so wirksam wie Methan.
Der weitaus größte Teil des Treibhauseffekts kommt von der Wolkendecke, am Rest hat das Methan nur einen Anteil von knapp einem halben Prozent, das ist sehr wenig!

Re: Re: Ich les hier nur CO2

trotzdem ist keiner daran interessiert den Methanausstuss zu reduzieren.
In den USA gibt es zB nur Reaktordeponien.
Auf der ganzen Welt werden Wälder gerodet um Weiden für Vieh zu schaffen, doppelter Effekt, mehr Methanausstoß und weniger Wald um CO2 zu reduzieren.
Von FCKW redet auch keiner mehr, die jungen Leute wissen net einmal mehr was das ist!
Ich finde das man auf alle Faktoren schauen sollte und nicht nur auf einzelne.

Antworten Gast: Niemand...
16.10.2012 12:54
0

Re: Ich les hier nur CO2

das mit dem Methan ist halb so schlimm - Methan existiert in der Athmosphäre nicht sehr lange - es wir zu Wasser und CO2 agebaut...

Da hat er eh lange gebraucht,

der Herr Umweltökonom. Dass Betriebe bei unleistbaren und unsinnigen Restriktionen abwandern werden, ist nämlich auch dem letzten Dorfdeppen schon eine Zeit lang (und ganz ohne Berechnungen) völlig klar... ;-)

Gast: Eyjafjallajoekul
14.10.2012 15:13
0

Wie man Treibhausgase wirksam reduzieren kann

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Gast: helo
14.10.2012 13:17
7

Co2 Phobie

In diesem Artikel sieht man wieder wozu die CO2 Phobie fuehrt---zu neuen Steuern und Zoellen.
Wird dieser Schwachsinn jemals zuende gehen??

Auch Verbrennung ist ein chemischer Prozess und auch dort gibt es nur "Prozessemissionen"!

Es gibt einfach keine andere Möglichkeit um aus Kohlenstoff Wärme zu gewinnen, als ihn mit Sauerstoff reagieren zu lassen, wobei eben CO2 entsteht! Hier einen Unterschied zu anderen CO2-Emissionen zu machen, soll wohl nur vortäuschen, dass man bei der Verbrennung CO2 einsparen könnte!

Der technische Fortschritt spart durch mehr "Energieeffizienz" zwar CO2, das geht aber nur sehr langsam und die Wirkung wird weit überschätzt, denn ein thermischer Wirkungsgrad von z. B. 40 Prozent bedeutet keineswegs, dass hier noch 60 Prozent zu holen wären. Das wäre nur möglich, wenn wir alle bei minus 273°C leben würden und es da auch noch Wasser geben könnte. Von dem, was auf dieser Erde möglich ist, haben wir praktisch überall schon über 90 Prozent erreicht, viel ist da nicht mehr drinnen!

Bei der Verwendung von Wärme spart man CO2 durch Wärmeisolierung, was die Industrie, für die Energiekosten immer schon ein wesentlicher Faktor waren, auch ohne staatliche Vorschriften macht. Nur bei Gebäuden kann man noch mehr isolieren, was aber zu total eintönigen Fassaden führt und damit unsere Lebensqualität beeinträchtigt!

Erneuerbare Energien liefern keine Hochtemperaturwärme und haben noch nirgends ein konventionelles Kraftwerk ersetzen können.

Energiesteuern führen zu weniger CO2-Ausstoß durch weniger Konsum und damit zu mehr Armut. Wollen wir so etwas wirklich?

Für die Behauptung, dass der Mensch die Erderwärmung beeinflusst, gibt es keinen Beweis. Wozu also will die Politik CO2 sparen?

Antworten Gast: Niemand...
16.10.2012 13:02
0

Re: Auch Verbrennung ist ein chemischer Prozess und auch dort gibt es nur "Prozessemissionen"!

na-ja. Es geht ja nicht nur um die CO2 Problematik, es geht auch um die Verfügbarkeit von Resourcen - und Öl haben wir ja leider nicht ewig.

Das die Wirkungsgradverbesserung nur wenig bringt, ist eine gewaltige Fehleinschätzung. Alte Kohlekraftwerke haben einen elektrischen Wirkungsgrad von 23%, 10 Jahre alte Kohlekraftwerke liegen bei ca. 32% und die neuen BOA-Anlagen liegen bei 40-45%. Dass bedeutet die doppelte Menge Strom aus der gleichen Menge Kohle (siehe Ruhrgebiet).

Re: Re: Auch Verbrennung ist ein chemischer Prozess und auch dort gibt es nur "Prozessemissionen"!

Dass die CO2-Vermeidung die Verfügbarkeit von fossilen Brennstoffen verlängern soll, hört man in der öffentlichen Debatte nie.
Nach uns wird es unzählige Generationen geben, die ohne diese Brennstoffe auskommen müssen. Ob es Sinn hat, sich einzuschränken, damit das um eine Generation weniger wird, müsste erst diskutiert werden.

Der Wirkungsgrad von Wärmekraftwerken wurde früher nach dem Carnot-Prozess, heute meist nach dem Ackeret-Keller- oder dem Clausius-Rankine-Prozess berechnet. Auch der Joule-Prozess kommt vor. Prozentangaben für Wirkungsgrade sind eigentlich nicht vergleichbar, wenn man nicht weiß, wie er berechnet wurde.

Tatsache ist, dass es in den letzten Jahrzehnten eindrucksvolle Wirkungsgradverbesserungen durch Erhöhung der Dampftemperatur gegeben hat. Jetzt ist man schon bei Temperaturen, wo Wasser anfängt, sich in Wasserstoff und Sauerstoff zu spalten. Auch bei der Temperaturbeständigkeit des Materials sieht es nicht nach mehr aus. Es scheint, dass da nicht mehr viel drinnen ist!

"Das Ergebnis: Die Wirksamkeit der EU-Klimapolitik sinkt um 40 Prozent, weil noch viel mehr Produktion aus der EU abwandert"

eine hinterfragenswerte behauptung:

die 'prozessemissionen' sind für 10% des co2 verantwortlich.
weil einige verursachende betriebe in andere länder auswandern, sinkt die wirksamkeit der eu-klimapolitik um 40%?

hat da jemand das komma falsch gesetzt?

erste lektion: "unliebsame Nebenwirkungen, die sogar größer sein können als bisher gedacht. "

ist eines der wichtigsten argumente gegen jede art von vermeintlich gut gemeinten staatlichen zwangseingriffen. Die zweite lektion: es kann jahre dauern bis sich hysterie legt und sich vermeintliche gewissheiten signifikant relativieren oder ins gegenteil verkehren...ohne dass das je veroeffentlicht wird und wenn, dann kleingedruckt.

Gast: zylmurbafi
13.10.2012 19:41
2

mit pellets heizen.

na ja, vielleicht wird der schwachsinn noch vertieft.

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