Wie man Treibhausgase wirksam reduzieren kann

Maßnahmen der Klimapolitik haben auch unliebsame Nebenwirkungen, die sogar größer sein können als bisher gedacht. Es gibt aber Ideen zur Abhilfe. Dazu zählen etwa „Spill-over“-Effekte von „grünen“ Technologien.

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Symbolbild – (c) Www.BilderBox.com (Www.BilderBox.com)

Ein unhandlicher Begriff spielt derzeit eine Hauptrolle in der Klimapolitik: „Carbon leakage“. Darunter versteht man die Tatsache, dass Industriebetriebe aus Ländern, in denen strenge Klimaschutzauflagen gelten, in Regionen abwandern, wo es laxere Vorschriften gibt. Für den weltweiten Klimaschutz ist das kontraproduktiv: Denn in Ländern ohne strenge Umweltauflagen ist der Treibhausgasausstoß deutlich höher als in den optimierten Fabriken in Europa.

Durch „Carbon leakage“ sinkt jedenfalls die Effektivität der EU-Klimapolitik. Laut Berechnungen werden 29 Prozent des CO2-Einsparungseffektes in Europa durch einen Mehrausstoß in anderen Regionen konterkariert. Diese Zahl sage aber nur die halbe Wahrheit, argumentiert der Grazer Umweltökonom Karl Steininger. Denn die bisherigen Berechnungen würden nur die CO2-Emissionen aus dem Energieverbrauch – also der Verbrennung fossiler Energieträger – berücksichtigen. Diese machen rund 90 Prozent des Gesamtausstoßes aus. Die restlichen zehn Prozent sind sogenannte „Prozessemissionen“, die bei der Produktion gewisser Produkte unvermeidlich sind und auch nicht durch Energiesparen oder Umstellung auf erneuerbare Energieträger gesenkt werden können. In der Eisen- und Stahlindustrie muss z. B. das Eisenerz zum Metall reduziert werden, bei der chemischen Reaktion wird CO2 frei. Gleiches gilt für die Zementindustrie, wo das Gas beim Brennen des Kalkes abgespalten wird.

Druck zur Verlagerung.
Diese Industriezweige zählen zu jenen Sektoren, in denen „Carbon leakage“ und Verlagerungsdruck am höchsten sind. Steiningers Team am Wegener Zentrum für Klima und Globalen Wandel – das sich vielen Aspekten rund um das Klimathema widmet (siehe Artikel unten) – hat die Prozessemissionen nun in die Berechnungen miteinbezogen. Das Ergebnis: Die Wirksamkeit der EU-Klimapolitik sinkt um 40 Prozent, weil noch viel mehr Produktion aus der EU abwandert. „Die Größenordnung dieser Rückwirkung wurde bei globalen Modellen bisher unterschätzt“, so Steininger. Dieser Befund ist im Grunde erschütternd, denn ein globales Klimaabkommen ist unrealistisch, Europa aber hält an seinen Zielen (minus 20 Prozent CO2 bis 2020) fest.

Ist die EU-Klimapolitik daher sinnlos? Steininger verneint diese Frage. Denn es gebe sehr wohl Wege und Möglichkeiten, dass auch einseitige Klimaschutzmaßnahmen globale Wirkung entfalten können. Dazu zählen etwa „Spill-over“-Effekte von „grünen“ Technologien, die unter dem Druck von Umweltvorschriften in Europa entwickelt und dann in die ganze Welt exportiert werden – sie werden nicht zuletzt deshalb eingesetzt, weil sie energieeffizienter und daher billiger sind.

Es sind aber auch spezielle Auflagen denkbar, mit denen „Carbon leakage“ gesenkt werden könnte. So werden in Brüssel derzeit sogenannte „Grenzausgleichszölle“ diskutiert, also Importzölle auf CO2-intensive Güter, die quasi einen Ausgleich dafür schaffen, dass die Produzenten in Europa CO2-Zertifikate zukaufen müssen, andere aber nicht. In dem vom Österreichischen Klimaforschungsprogramm ACRP geförderten Projekt „Response“ wurde deren Wirkung nun exakt berechnet (Energy Economics, online, 6. Sept. 2012): Wenn nur energiebedingte Emissionen berücksichtigt werden, dann sinkt das „Carbon leakage“ um 24 Prozent. Bezieht man zusätzlich die Prozessemissionen mit ein, dann liegt der Effekt aber bei 63 Prozent. „Diese Maßnahme ist mehr als doppelt so wirksam und kann den Großteil der Mehremissionen anderswo verhindern“, kommentiert Steininger. 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.10.2012)

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