Die Grenzen der Ökosysteme

29.12.2012 | 18:03 |  von Martin Kugler (Die Presse)

Rund ein Viertel der globalen Biomasseproduktion wird vom Menschen genutzt. Die noch ungenutzten Reserven sind überschaubar, die Grenze ist aber nicht starr.

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Das Buch die „Grenzen des Wachstums“ scheuchte vor genau 40 Jahren die Welt auf. Mittlerweile ist der Kerngedanke, dass das Wachstum irgendwann an natürliche Grenzen stößt, weithin akzeptiert. Zur Beschreibung der Situation wurden in den vergangenen Jahrzehnten Indikatoren entwickelt, die unter dem Schlagwort „gesellschaftlicher Stoffwechsel“ firmieren – eine der Vordenkerinnen ist Marina Fischer-Kowalski, Forscherin an der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt. Solche Maßzahlen gibt es etwa für den Ressourcen-, Energie-, Wasser- und Landverbrauch oder die CO2-Emissionen. Eine beliebte Zahl ist der „ökologische Fußabdruck“, der viele der genannten Faktoren zusammenfasst – wie berichtet lebt die Menschheit derzeit so, wie wenn sie eineinhalb Erden zur Verfügung hätte.

Allerdings ist fraglich, wo die Grenzen des Wachstums genau liegen. Bei Energiequellen z.B. werden sie mit jedem neuen Fund in die Zukunft geschoben (derzeit etwa durch die Erschließung von Schiefergas). Ähnliches gilt für CO2: Derzeit kann niemand mit Gewissheit sagen, wie weit der CO2-Gehalt der Atmosphäre steigen kann, ohne dass katastrophale Zustände eintreten. Bei einer grundlegenden Grenze, die die Basis allen Lebens auf der Erde ist, wurden in letzter Zeit Fortschritte gemacht: bei der globalen Biomasseproduktion. Man schätzt, dass die „Nettoprimärproduktion“ (NPP) – also die Produktion von Biomasse aus Lichtenergie, Wasser, Sauerstoff und CO2 – bei rund 59 Petagramm (Pg; Milliarden Tonnen) Kohlenstoff pro Jahr liegt. Davon befindet sich rund die Hälfte unterirdisch im Boden.

Der Mensch nutzt laut einer Berechnung von Helmut Haberl und Karl-Heinz Erb, Forscher am Institut für Soziale Ökologie der Uni Klagenfurt, rund 15,6 Pg – also ein Viertel der weltweiten Biomasseproduktion. Das sei ein „bemerkenswerter Einfluss auf die Biosphäre, der von nur einer Spezies verursacht wird“, merken die Experten an. In der Fachwelt wird die Nutzung von Biomasse durch den Menschen mit dem Kürzel HANPP („human appropriation of NPP“; übersetzt: „menschliche Aneignung der NPP“) bezeichnet.

Um die wachsende Menschheit bei steigendem Lebensstandard mit Nahrung zu versorgen, müsste HANPP um zumindest zwei Pg wachsen; wenn zudem die Energieversorgung durch Biomasse verdoppelt werden soll (was in vielen Staaten politisches Ziel ist), dann würde das eine Zunahme von HANPP um vier bis sieben Pg pro Jahr bedeuten. Es gibt Reserven: Derzeit werden drei Viertel der Biomasse nicht vom Menschen genutzt – aber nur ein kleiner Teil davon, nämlich rund fünf Pg Kohlenstoff, sind nutzbar.

Man sollte daher meinen, dass die genannten Steigerungsraten kaum machbar sind. Allerdings: NPP ist keine naturgegebene Konstante, der Mensch redet bei der Produktivität der Biosphäre ein gewichtiges Wörtchen mit. Durch Ausweitung von Ackerflächen und bessere Agrartechnologien (Düngung, Sortenzucht oder Bewässerung) hat der Mensch die „natürliche“ NPP bereits um 6,3 Pg gesteigert – das ist mehr als ein Zehntel der gesamten Biomasseproduktion! Diese Ausweitung hat natürlich ihren Preis, so werden die Wasserressourcen knapper.

Die Folge ist eine Veränderung der Landnutzung, und diese steht derzeit auch im Zentrum der Forschung – Haberl und Erb arbeiten daran etwa in FWF-Projekten, im EU-Projekt „Volante“ oder dem „Global Land Project“. Kürzlich haben die Forscher eine Berechnung über die Veränderungen von HANPP als Konsequenz von internationalen Handelsströmen und die Folgen veröffentlicht (Ecological Economics, 84, 66). Österreich ist demnach Nettoimporteur von Biomasse: Es werden um 16 Prozent mehr Ackerfrüchte verbraucht als hierzulande produziert werden; bei Erzeugnissen aus Weideland (etwa Milch) produziert Österreich um elf Prozent mehr als benötigt werden; bei Holz halten sich Importe und Exporte die Waage.

Das Problem an der Sache: Die Handelsströme wachsen derzeit exponentiell – global um jährlich vier Prozent. Dadurch steigt auch der Druck auf Änderungen der Landnutzung.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.12.2012)

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