Rekordhitze in den USA ändert nichts am Stillstand der globalen Erwärmung

Der einflussreiche britische Wetterdienst revidiert seine Fünf-Jahresprognose nach unten. Dass die Temperaturen, global gesehen, seit 1998 nicht gestiegen sind, ist seit Jahren bekannt,

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Schon der letzte Winter war außergewöhnlich mild und schneearm in Nordamerika, es folgte eine Hitzewelle im März, im Sommer wurde es noch ärger – der Juli war der wärmste je in den USA registrierte. So ging es weiter, nur der Herbst blieb halbwegs im Rahmen. Aber der Rest summierte sich: „Das Jahr 2012 war das wärmste Jahr seit Beginn der Aufzeichnungen in den USA, es war ein Grad Fahrenheit (etwa 0,55Grad Celsius) wärmer als das bisher wärmste Jahr, 1998“, bilanzierte die für Wetter und Klima zuständige Behörde NOAA am 7.1., „und es war ein historisches Jahr für extremes Wetter mit Dürre, Waldbränden, Hurrikans und Stürmen; lediglich die Tornadoaktivität lag unter dem Durchschnitt.“

Das alles stand gut sichtbar auf der NOAA-Homepage, die Presse nahm es breit auf. Allerdings erwähnte etwa die NewYork Times auch, dass global – also für das ganze Erdenrund – das Jahr 2012 aller Wahrscheinlichkeit nach keinen neuen Rekord gebracht hat. Das legen wieder die Daten der NOAA nahe – sie führt auch weltweit Bilanz, hat allerdings den Dezember noch nicht verfügbar: Bis dahin lag 2012 bei den Temperaturen auf Rang acht oder neun.

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Publikation am Heiligen Abend

Ganz Ähnliches legen auch andere Klimakundige nahe: „Die globale Durchschnittstemperatur während der Periode von 2013 bis 2017 wird zwischen 0,28 und 0,59 Grad Celsius über dem Langzeitdurchschnitt (1971–2000) liegen, mit einem wahrscheinlichsten Wert von 0,43 Grad.“ Das ist die jüngste Prognose des britischen Wetterdienstes (UK Met Office), einer der Autoritäten des Weltklimas mit großem Einfluss im UNO-Klimabeirat IPCC. Allerdings kam die scheinbar harmlose Prognose nicht so auffallend daher wie die Bilanz der NOAA. Im Gegenteil, das Met Office platzierte sie zu Weihnachten auf seiner Homepage – am 24.12. –, und zwar so versteckt, dass selbst die überwache britische Presse erst am 8.Jänner davon Wind bekam.

Der steigerte sich allerdings rasch, denn gar so harmlos ist die Wortmeldung des britischen Wetterdienstes nicht. Die Prognose bedeutet nicht weniger als eine Revision der früheren Prognosen des Met Office, und zwar eine Revision nach unten: Im Jahr zuvor ist man – für die Prognose von 2012 bis 2016 – von einem Plus von 0,8 Grad Celsius ausgegangen. Nun fährt man in der Prognose 2013–2017 zurück auf 0,43 (siehe Infografik).

Und damit auf fast nichts: Die 0,43 Grad sind kaum höher als der Wert des bisherigen (auch globalen) Spitzenreiters, des Jahres 1998: Damals lagen die Temperaturen 0,40Grad über dem Durchschnitt. Seit damals sind sie auf hohem Niveau – aber sie sind nicht gestiegen, anders als vom IPCC und vom Met Office und anderen Autoritäten prognostiziert, und ganz anders, als in der berühmten Grafik dargestellt, in der die Werte hochschnellen wie der steil nach oben strebende Stock eines Hockeyschlägers.

Dass die Temperaturen – global – seit 1998 nicht gestiegen sind, ist seit Jahren bekannt, aber nur vereinzelte Klimaforscher suchen Erklärungen für den Halt der Erwärmung. Eine legte etwa Mojib Latif (Uni Kiel) 2007 vor: Er sah veränderte Meeresströmungen am Werk und prognostizierte, dass sie die Temperaturen bis 2016 stabil halten würden, erst dann gehe es wieder hinauf.

Auch das Met Office erwägt nun zur Erklärung der „als bleibend erwarteten“ Temperatur „natürliche Variabilitäten des Klimasystems – zum Beispiel im Zustand der Meeresströmungen“. Und es geht in seiner Stillstandsprognose (mindestens) ein Jahr weiter als Latif: Bis 2017 wird sich kaum etwas ändern (für die Zeit danach sagt die Fünf-Jahresprognose naturgemäß nichts).

 

Klimawandel: 20 Jahre Stillstand?

Das wären dann seit 1998 insgesamt 20 Jahre Stillstand des Klimawandels; das ist ein Zeitraum, der in einigem Kontrast zu den gängigen Erwärmungsszenarien steht. Entsprechend heftig fielen die ersten Reaktionen aus. „Sie (die Klimatologen des Met Office) haben mit ihren Modellen das Abflachen der globalen Erwärmung völlig verfehlt“, erklärte etwa der Labour-Abgeordnete Graham Stringer: „Und ich glaube, sie haben einfach versucht, die schlechte Nachricht, dass ihre mittel- und langfristigen Prognosen ziemlich armselig sind, irgendwo zu vergraben.“ Will heißen: sie justament am Heiligen Abend auf die Homepage zu stellen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.01.2013)

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