Windkraftausbau spaltet das Land

580 neue Windkraftanlagen will Niederösterreich bis 2030 bauen. In der Bevölkerung regt sich Widerstand. Unterdessen teilen Altbekannte das lukrative Geschäft untereinander auf.

Windraeder
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Windraeder – dpa/Christian Charisius

Wien. Schöngrabern ist ein schöner Ort. Um das zu wissen, reicht es, den Blick vom Ende der Kellergasse über das Weinviertler Hügelland schweifen zu lassen. „Damit ist es bald vorbei“, warnt Leopold Dungl. Denn bald sollen hier acht Windräder der 3-Megawatt-Klasse stehen. Jedes von ihnen bis zu 200 Meter hoch – fünf Mal höher als Hochspannungsmasten. Die acht Windräder sind nur ein winziger Teil der geplanten Wind-Großoffensive im Wein- und Waldviertel. 2030 sollen gut 950 Windräder die Hälfte des Stroms in Niederösterreich liefern. Dengl ist die Speerspitze der Gegner. Als 20-Jähriger hat der Architekt gegen Zwentendorf mobil gemacht, heute kämpft der 55-Jährige gegen den „Wildwuchs“ der Windräder. Er ist nicht der Einzige, der so denkt. Mitstreiter aus 20 Gemeinden haben sich seiner Initiative angeschlossen. Und am Sonntag in einer Woche stimmen die 1480 Einwohner von Grabern über die Zukunft der Windkraft in ihrem Ort ab.

Während sich Gegner formieren, teilen große Betreiber das lukrative Geschäft mit dem Wald- und Weinviertler Wind untereinander auf. In vielen Gemeinden sind Verträge in Umlauf, die den Unternehmen auf Jahre hinaus Exklusivrechte für den Bau von Windrädern zusichern. „Es gibt einen gut organisierten Widerstand gegen die Windkraft“, räumt die EVN ein. Doch mit dem Vertrag in der Hand können Betreiber seelenruhig warten, bis sich die Stimmung dreht.

 

20 Prozent für Grundeigentümer

Kurz vor Jahreswechsel hat der Gemeinderat in Hollabrunn einen solchen Gestattungsvertrag beschlossen. Die Nutznießer sind keine Unbekannten: Prominente Mitglieder der – noch zu gründenden – „Hollabrunner Energie GmbH“ sind unter anderem die Ökostromtochter des Landesversorgers EVN, die Raiffeisen-Firma Renergie und der größte private Windkraftbetreiber W.E.B. Wird der Vertrag rechtskräftig, darf zehn Jahre lang kein anderer Betreiber ein Windrad in der Klima- und Energie-Modellregion „Land um Hollabrunn“ aufstellen. Bauen die Branchengrößen in den zehn Jahren hier auch nur ein Windrad, verdoppelt sich die Exklusivität auf zwanzig Jahre. Nach ähnlichem Muster sind auch jene Verträge gestrickt, die Waldviertler Bürgermeister zuletzt zu Dutzenden unterzeichnet haben sollen.

Bei den Ortskaisern rennen die Betreiber zumeist offene Türen ein. Denn während ein Großteil der über 40 Windkraftprojektanbieter in Niederösterreich zuerst mit den Grundeigentümern verhandelt und dann Flächenumwidmungen beantragt, wird diesmal die Gemeinde(kasse) zuerst bedient. Das kommt den notorisch überschuldeten Gemeinden freilich zupass. Für die „Aufteilung des Gesamtentgelts“ ist im Hollabrunner Vertrag, der der „Presse“ vorliegt, ein „Verhältnis von 40/40/20 für Gemeinde/Gemeindefonds/Grundeigentümer“ vorgesehen. Pro Windrad sollen im Jahr in Summe 23.000 Euro für „mögliche Beeinträchtigungen“ fließen. Noch vor der ersten Umweltverträglichkeitsprüfung ist das Fell des Bären also schon verteilt. Dafür verpflichtet sich die Gemeinde, den Betreibern alle Steine so gut es geht aus dem Weg zu räumen. Derartige Verträge gebe es „überall“, heißt es von der EVN. Im konkreten Fall sei die Modellregion selbst mit der Bitte an die Betreiber getreten, gemeinsam anzubieten.

 

Förderung garantiert gute Rendite

Die haben freilich dankend angenommen. Denn Windenergie ist in Österreich ein lukratives Geschäft. Dank geförderter Einspeisetarife bringt jede Kilowattstunde Windstrom den Betreibern 13 Jahre lang 9,45 Cent garantiert. Im Normalfall liefert eine Anlage bei 2000 Volllaststunden im Jahr fünf bis acht Prozent Rendite. Kein Wunder, dass das Gerangel um die besten Plätze groß ist. Kritiker in Niederösterreich warnen vor Wildwuchs. Denn St. Pölten regelt zwar über die relativ strenge Raumordnung Mindestabstände zum Wohngebiet. Aber anders als etwa im Burgenland, wo Eignungszonen (Parndorfer Platte) festgelegt wurden, entscheidet jede Gemeinde selbst über Flächenumwidmungen. Das macht auch für Betreiber immer neue Flanken auf.

Niederösterreichs Energielandesrat Stephan Pernkopf weist den Vorwurf, dass ein unkontrollierter Ausbau drohe, „entschieden zurück.“ Vom Land gebe es „grünes Licht für alle Projekte“, aber „keine Zwangsbeglückung“. Die Einwohner müssten selbst entscheiden.

Ob das Modell Burgenland besser ist, sei dahingestellt. Die meisten Windräder baut dort Landesversorger Bewag. Immerhin: Große Widerstände von Bürgern und Behörden sind seither Geschichte.

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.01.2013)

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