São Paulo. Bioethanol aus Zuckerrohr wird von den brasilianischen Industrievertretern als Klimaretter angepriesen. Bei der Produktion und dem Verfeuern von Alkohol entstehen zwischen 55 und 90 Prozent weniger Treibhausgase als bei der Verwendung von Benzin. Aber es gibt auch Skepsis – gerade von Seiten der Umweltschützer.
Der Abgeordnete Marco Antonio Mróz, nach Eigendefinition ein „Dinosaurier“ der brasilianischen Grünen „Partido Verde“, beurteilt zwar das brasilianische Pro Álcool-Programm als Erfolg, andererseits sieht er viele Probleme, die der Ethanol-Boom ans Licht gebracht hat. „Die Pestizide sind ein großes Problem, denn die Insektenvernichtungsmittel haben bereits einen großen Teil des Guarani-Grundwasser-Reservoirs von São Paulo vergiftet“, sagt er.
Von Feind und Feindes Feind
In der Ethanol-Raffinerie Usina Santa Adélia stößt Mróz mit seinem Urteil auf Unverständnis: Hier rückt man dem gefährlichsten Feind, dem Insekt mit dem Namen Zuckerrohrbohrer mit biologischen Mitteln zu Leibe, indem man wiederum seinen Feind, die Cotesia Flavipes-Fliege, züchtet und gegen den Zuckerrohrbohrer ins Feld schickt. Dank dieser umweltschonenden Pflanzenschutztechnologien könne man auf den Einsatz von Pestiziden weitgehend verzichten, wird von Seiten der Zuckerrohr-Anbauer betont.
„Es gibt zwei wichtige Punkte die für den Einsatz von Bioethanol sprechen“, erklärt Marcos Jank, Präsident der União da Indústria de Cana-De-Açúcar (UNICA), der Dachverband der größten Ethanolproduzenten im Bundesstaat São Paulo. „Erstens ist die Ära des billigen Erdöls vorbei, daher sucht die Welt nach Alternativen – Ethanol kann eine davon sein. Zweitens sucht die Welt nach Wegen die Treibhausgas-Emissionen zu reduzieren, und auch in diesem Bereich ist Ethanol dem Erdöl bei weitem überlegen“, lautet die Botschaft des Ethanol-Lobbyisten mit libanesisch-deutschen Wurzeln.
„Bauen nicht im Amazonas“
Das grüne Image von Bioethanol hat aber jüngst Risse bekommen: Umweltschützer argumentieren, dass der gesteigerte Anbau von Zuckerrohr den Amazonas-Regenwald zerstöre. Ein Argument, das Jank nicht gelten lässt: „Brasilien ist 850 Millionen Hektar groß, von diesen werden nur 60 Millionen landwirtschaftlich genutzt. Zuckerrohr wird auf sieben Millionen Hektar angebaut. Die Behauptung, dass die Ethanol-Industrie zu viel Land brauche ist daher einfach falsch“, erklärt der UNICA-Präsident. „Wir wollen die Zuckerrohrfelder nicht in den Amazonas oder in die brasilianischen Feuchtgebiete ausdehnen, uns reicht der Bundesstaat São Paulo. Und der ist über 2000 Kilometer vom Amazonas entfernt, das müssen wir Europa klar machen.“
Die Ethanolproduzenten haben in der Regionalregierung in São Paulo einen Verbündeten. Für den Umweltminister des Bundesstaates, Francisco Graziano von den Sozialdemokraten, überwiegen die Vorteile klar: „In São Paulo Stadt hat sich die Luftqualität wegen dem erhöhten Einsatz von Ethanol massiv verbessert.“
Der Grün-Abgeordnete Mróz bleibt aber skeptisch. Biotreibstoffe könnten nicht die einzige Alternative zum Erdöl sein. „Brasilien kann nicht Ethanol für die ganze Welt erzeugen“, meint Mróz. Die Grünen fordern von der Regierung rigide Gesetze gegen Umweltzerstörung und Ausbeutung von Zuckerrohrarbeitern, die von der Wirtschaft auch eingehalten werden müssen.
Von Brasiliens 850 Mio. Hektar werden 60 Mio. landwirtschaftlich genutzt. Zuckerrohr wird auf sieben Mio. Hektar angebaut.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.02.2008)

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