"Das Klima wird nicht verrückter"

14.11.2009 | 17:56 |  von Martin Kugler (Die Presse)

Anhand der Klimadatenbank Histalp lassen sich viele Märchen über den Klimawandel widerlegen.

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Wenn Klimaforscher Medienberichte über ihr Forschungsgebiet lesen, dann geht ihnen manchmal die Galle über. „Die Schere zwischen wissenschaftlich haltbaren Tatsachen und der öffentlichen Meinung ist sehr weit offen“, meint Reinhard Böhm, Klimatologe an der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (ZAMG) ärgerlich. Es gebe genügend harte, wissenschaftlich gut fundierte Fakten. „Vieles, vor allem viele Geschichten über die Zunahme von Extremwerten, gehört aber zu den weichen Fakten.“ Und gerade diese weichen Fakten – wie die Zunahme von Stürmen oder Starkregen – würden in der Öffentlichkeit als „Bibel“ angesehen. Nach dem Motto: Davon redet ja jeder, also muss es stimmen.

Böhm kämpft dagegen an. Und zwar mit harten Fakten, die in den letzten 15 Jahren am ZAMG, einer Dienststelle des Wissenschaftsministeriums (BMWF), erarbeitet wurden. Etwa mit der Datenbank „Histalp“, in der Messreihen von 242 Wetterstationen aus dem größeren Alpenraum versammelt sind. Am vollständigsten sind sie über Temperatur, Niederschlag und Luftdruck. Weniger vollständig sind sie bei Bewölkung, Sonnenschein und Luftfeuchtigkeit. Teilweise reichen die Daten zurück bis ins Jahr 1760, sie wurden in aufwendiger Kleinarbeit „homogenisiert“, also vergleichbar gemacht und sind seit Kurzem für jedermann unter www.zamg.ac.at/histalp zugänglich.

Anhand dieser Daten können die Klimatologen z.B. zeigen, dass es zwischen 1870 und 2006 zu keiner Zunahme von Stürmen im Alpenraum gekommen ist. „Entgegen den oft gehörten Behauptungen gibt es bei Stürmen keinen Trend“, so Böhm. Gleiches gilt für Starkregen: „Der Langzeittrend von exzessiven Niederschlagsmonaten ist nicht steigend.“ Und auch dass das Klima immer „verrückter“ wird – wie oft behauptet wird – lässt sich widerlegen. Die ZAMG-Experten haben die Streuung der Daten für Temperatur, Niederschlag und Luftdruck systematisch analysiert – und bei allen drei Faktoren ist keine Zunahme der Variabilität festgestellt. Bei der Temperatur hat sie sogar etwas abgenommen. Böhm: „Die Verrücktheit des Klimas im Alpenraum ist zurückgegangen.“

Aus Histalp lassen sich allerdings auch harte Fakten zum Klimawandel ableiten. Etwa jenes Phänomen, dass die Erwärmung im Alpenraum in den letzten 200 Jahren doppelt so groß war als in anderen Regionen: nämlich um zwei Grad. Auch die Gründe dafür sind aus den Daten ablesbar: Die Temperaturkurve verläuft parallel zur Entwicklung des Luftdruckes. Es gab also mehr Hochdruckgebiete – in denen es auch mehr Sonnenschein gab. „Das heißt, dass ein schöneres Wetter für den höheren Temperaturanstieg in den Alpen verantwortlich ist.“ Anders ist das bei Regen: Hier gibt es keinen Trend, der für den gesamten Alpenraum gilt. Allerdings lassen sich vier Regionen definieren, in denen es sehr wohl Regelmäßigkeiten gibt: Im Nordwesten gab es seit 1869 eine Zunahme der Niederschläge um zehn Prozent, im Südosten hingegen eine deutliche Abnahme.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.11.2009)

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11 Kommentare
Gast: G1220
21.11.2009 09:31
1

schon in der Schule ...

Schon vor mehr als 40 Jahren haben wir in der Schule gelernt, dass wir am ENDE einer ZWISCHENEISZEIT uns befinden. Das heißt, dass es einen stetigen Temperaturanstieg seit 1000en Jahren gegeben hat. Und dies wurde sicher nicht durch Treibhausgase und Umweltverschmutzung hervorgerufen!

Es ist schon richtig, dass wir Menschen nicht die Umwelt mit unserem Müll vergewaltigen sollen, andererseits ist eine deratige Panikmache und Manipulation ebenso unverantwortlich.

Schöneres Wetter ist für den Temperaturanstieg verantwortlich

Dazu ist auch die Abb. 2 in Reinhard Böhms Buch interessant, die eine deutliche Korrelation zwischen der Temperatur und der Anzahl der Sonnenstunden in den Messdaten des Sonnblick-Observatoriums zeigt. Wenn aber die Temperatur stark mit der Bewölkung zusammenhängt, was bleibt da für die Erwärmung durch CO2 übrig?

Antworten Gast: Argus
22.11.2009 19:19
0

Re: Schöneres Wetter ist für den Temperaturanstieg verantwortlich

Schöneres Wetter = weniger Wolken = Abkühlung (Wasserdampf ist ein Treibhausgas!) - das wäre zu erwarten, jeder weiß, wie stark es in klaren Nächten abkühlt. Wenn's trotzdem wärmer wurde, dann ist es wahrscheinlich, dass für den geringeren Gehalt an Wasserdampf ein anderes Treibhausgas einspringt, z.B. CO2.

Re: Re: Schöneres Wetter ist für den Temperaturanstieg verantwortlich

Der IPCC sagt aber in seinem letzten Bericht, dass der Wasserdampf in der Atmosphäre zugenommen hat und dass grob die Hälfte der Erwärmung von dieser Wasserdampfzunahme kommt!
Er sagt aber auch, dass es praktisch unmöglich ist, die Wolkendecke zu modellieren, weshalb die Vermutung, dass die Erwärmung einfach durch mehr Sonnenstunden verursacht wird, nicht verworfen werden kann!

Antworten Antworten Antworten Gast: Argus
23.11.2009 21:01
0

Re: Re: Re: Schöneres Wetter ist für den Temperaturanstieg verantwortlich

Festgestellt wurde eine Korrelation von höherem Luftdruck mit höherer Temperatur. Über die Kausalität im Detail kann offensichtlich nur "qualifiziert spekuliert" werden. Höherer Luftdruck ist ja auch stets gleichbedeutend mit einer "Verdickung" oder "Ausbeulung" der Luftschichten, womit im Hochdruckbereich auch entsprechend mehr CO2 (oder jedes andere Gas) wirken kann. Das Mehr an Sonnenstunden gibt es jedenfalls nur tagsüber, die nächliche Entsprechung wäre ein Mehr an Abstrahlung!

Gast: Gast4455
17.11.2009 19:55
0

Der Alpenraum...

... hat allerdings einen nahezu verschwindend geringen Anteil an der Gesamtfläche der Erde. Schon klar, dass hier nicht vom Weltklima, sondern eben nur vom Alpenraum geschrieben wurde, aber genau hier greift schon wieder die psychologische Bestätigungsmaschinerie, nach dem Motto: "Also ich hab unlängst gelesen, dass das mit dem Klimawandel eh alles nicht so schlimm ist."

Wetten, dass 80% der Leser diese Botschaft so wie im obigen Satz in ihrem Langzeitgedächtnis behalten werden?

Antworten Gast: patera65
18.11.2009 07:58
1

Re: Der Alpenraum...

Ja, ich bin einer der 80%. Weil: wenn jemand auf einer zerbröckelnden Koralleninsel nasse Füße kriegt, ist das ein unwiderlegbarer Beweis für die Erderwärmung, der 99% der gutgläubigen Lesern in Erinnerung bleibt. Das Klima und die Erde waren immer im Wandel. Von welchem "natürlichen Urzustand" träumen diese Leute eigentlich? Stand 1860, 953, 3000 vor Christus? Zudem ist¿s ganz lustig, die Entwicklung von Temperatur und CO2-Gehalt der Luft genau anzusehen: erst steigt die Temperatur, dann der CO2-Gehalt, also Ursache und Wirkung in Gegensatz zu der wüsten Theorie der großen Panik - und Geschäftemacher.

Re: Re: Der Alpenraum...

Zur Klarstellung: der IPCC sagt, die Wasserdampfzunahme ist auch für die Erwärmung verantwortlich, dass die These von den Sonnenstunden nicht verworfen werden kann, steht nicht im Bericht.

Gast: gepoppter
17.11.2009 18:59
0

Kann ein Wetterfrosch das Wetter vorhersagen.

Diese Frage beschäftigt mich seit ich cogitoe. Zwar kann der Frosch rundumgucken. Aber was sich in einiger Entfernung abspielt, das sieht er nur verschwommen. Auch kann er keine Nabelschau betreiben. Das ist auch gewiss. Alles in allem. Er kann zwar das ausmachen, was in seinem Nahbereich geschieht, aber Weitblick, Weitblick liebe Forumschreiber, Weitblick hat er nicht. Noch Fragen?

5

Widerwärtig,

nichts als Fakten!

Wie soll man da seine Vorurteile pflegen und die vorgefasste Meinung vertreten?

Noch besser als ins Internet zu gehen, ist es, gleich das Buch "Heisse Luft" von Reinhard Böhm, Klimatologe an der Hohen Warte, zu lesen!


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