Brüssel. Sie schaffen das strahlende Material einfach außer Landes. Statt selbst teure Lagerstätten zu errichten, suchen Europas Atomkraftwerkbetreiber nach immer neuen Möglichkeiten, sich des nuklearen Abfalls zu entledigen. Die EU-Kommission fürchtet einen internationalen Handel mit hochradioaktivem Atommüll und will dieser Entwicklung rechtzeitig einen Riegel vorschieben. EU-Energiekommissar Günther Oettinger bezeichnete in einem Interview mit der „Financial Times Deutschland“ den Export des strahlenden Materials als „anstößig und gefährlich“. Er warnte auch davor, auf gemeinsame Lagerstätten oder gar auf eine Lagerung hochradioaktiver Abfälle außerhalb der EU zu setzen. „Es ist Aufgabe der nationalen Politik, ihre Hausaufgaben zu machen“, so Oettinger.
Der Vorstoß ist kein Zufall. Denn zuletzt berieten mehrere EU-Länder über eine gemeinsame Lagerstätte in Osteuropa. Im Gespräch war unter anderem Polen, das gegen Geld den strahlenden Abfall übernehmen sollte. Auch Rumänien wurde genannt, doch die Führung in Bukarest dementierte umgehend. Fest steht, dass sich acht EU-Länder in einer Arbeitsgruppe mit der Gründung einer europäischen Organisation zur Endlagerentwicklung zusammengeschlossen haben: Italien, Niederlande, Bulgarien, Polen, Litauen, Rumänien, Slowakei und Slowenien. Sie suchen nach einer gemeinsamen Entsorgung, da ihnen die Errichtung nationaler Lagerstätten hohe Kosten und politische Probleme verursachen würde. So haben beispielsweise die Niederlande gerade ein AKW, das im Jahr rund 30 Kubikmeter radioaktiven Abfall produziert. Die Errichtung eines eigenen Endlagers würde laut einem Bericht der britischen „Times“ rund zwei Milliarden Euro kosten.
Schon bisher tauchte europäischer Atommüll in anderen Ländern auf. Mehrfach gab es Berichte über den Export nach Russland. Im vergangenen Herbst wurde vor der Küste Süditaliens das Wrack eines Frachters mit 120 Behältern Atommüll entdeckt – Herkunft ungeklärt. Die EU-Kommission sieht im Export ein hohes Sicherheitsrisiko. Oettinger betont, dass die Kontrollfunktion der Union an der Außengrenze ende. Die EU-Kommission will deshalb noch bis Jahresende neue Regeln für Atommüll vorschlagen.
Schwierige Suche nach Lagerstätten
Für die Endlagerung von hochradioaktivem Material gibt es weltweit bisher nur unbefriedigende Lösungen. Aufgrund der langen Halbwertszeit ist eine sichere Lagerung über viele Jahrtausende notwendig. Allein die Suche nach geeigneten unterirdischen Lagerstätten gestaltet sich schwierig. Und das nicht nur wegen des Widerstands aus der Bevölkerung. Die Lager müssen tektonisch absolut sicher sein und weder Feuchtigkeit noch andere negativen Einflussfaktoren aufweisen. Da die Entsorgung nicht gelöst ist, lagern in Europa laut Expertenschätzungen rund 8000 Kubikmeter hochradioaktives Material in Zwischenlagern. Jährlich kommen weitere 300 Kubikmeter hinzu. Zudem muss auch das restliche, niedrig- bis mittelradioaktive Material entsorgt werden.
Derzeit betreiben 15 der 27 EU-Mitgliedstaaten Atomkraftwerke. Wobei Frankreich mit 59 Reaktoren nicht nur den meisten Atomstrom, sondern auch die größte Menge nuklearen Abfalls produziert.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.03.2010)

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