Studie: Konsum plündert die Erde aus

Exzessiver Verbrauch führe zum Kollaps der Zivilisation, kritisiert Worldwatch. Würden alle Menschen so leben wie US-Amerikaner, könnte die Erde nur 1,4 Milliarden Menschen versorgen.

Schließen
(c) AP (Kent Gilbert)

Berlin/Wien (cim). 43 Kilo fossile Brennstoffe, Metalle, Mineralien oder Holz verbraucht der Durchschnitts-Europäer jeden Tag, ein US-Amerikaner schafft 88 Kilo an natürlichen Ressourcen täglich. Jeden Tag ziehen die Menschen Rohstoffe im Gegenwert von 112 Wolkenkratzern wie dem Empire State Building aus der Erde. Zu diesem Ergebnis kommt der Bericht „Zur Lage der Welt 2010“ des US-Instituts Worldwatch. Demnach bräuchte die Menschheit derzeit 1,3 Erdbälle, um ihren Lebensstil zu erhalten.

Würden alle Menschen so leben wie US-Amerikaner, könnte die Erde nur 1,4 Milliarden Menschen versorgen. Selbst wenn alle Bewohner unseres Planeten vom globalen Durchschnittseinkommen (das entspricht dem eines Thais oder Jordaniers) lebten, die Erde könnte nicht alle derzeit lebenden 6,8 Milliarden Menschen erhalten. Schätzungen zufolge werden schon 2050 etwa neun Milliarden Menschen auf der Erde leben.

Schuld daran sei der exzessive Konsum nach westlichem Muster, kritisierten die Experten. Dieser ist innerhalb einer Generation enorm gewachsen: Binnen zehn Jahren (von 1996 bis 2006) ist der globale Konsum um 28 Prozent gestiegen. Seit 1960 hat er sich sogar verdreifacht (unter Berücksichtigung des Bevölkerungswachstums). Die Hauptverantwortung für den Raubbau liege nach wie vor in den hoch industrialisierten Ländern, heißt es.

 

Neue Technologien reichen nicht

Umweltfreundliche Technologien und staatliche Maßnahmen würden nicht mehr ausreichen, um einen Zusammenbruch der menschlichen Zivilisation zu verhindern, heißt es in dem 300-Seiten-Bericht. Eric Assadourian, einer der Direktoren des Worldwatch-Instituts und Hauptautor, fordert nicht weniger als einen kompletten kulturellen Wandel, um „den Kollaps zu vermeiden“. Noch sei der Konsumismus das kulturelle Leitbild, so Assadourian. Die Menschen suchen nach Sinn, Zufriedenheit und gesellschaftliche Akzeptanz in dem, was sie konsumieren. Ziel sei, dass man den Wert und Sinn des Lebens nicht über Verbrauch definiert, sondern über den Beitrag, den man zur Regeneration der Welt leistet.

 

Weniger Arbeit, der Umwelt zuliebe?

„Wir brauchen eine Umwälzung der kulturellen Muster“, meint Assadourian. Als Beispiel nennt er eine Verkürzung der Arbeitszeit auf eine Viertagewoche. „Wer weniger arbeitet, hat mehr Zeit für sich, seine Familie oder ein Ehrenamt und weniger Geld, das er für Dinge ausgibt, die er vielleicht gar nicht braucht“, meint der Hauptautor bei der Präsentation der deutschen Version des Buches in Berlin (Mitherausgeber sind die grünennahe Heinrich-Böll-Stiftung sowie die Organisation Germanwatch).

Geht es um den geforderten radikalen Umbruch, geben sich die Wissenschaftler wenig Illusionen hin: Ein Wandel werde Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte dauern. „Die Menschen werden diesen nicht gern vollziehen – weil beträchtliche Veränderungen nötig sind. Vielleicht auch der Verzicht auf bestimmte Güter – Autos oder Flugzeuge zum Beispiel. Pilotprojekte, die zeigen, wie das funktionieren könnte, gibt es bereits.“

Vorerst fordert Worldwatch ein Handeln in konkreten Punkten: Der Konsum schädlicher Produkte wie Tabak, Junk Food oder von Wegwerfprodukten müsse aktiv bekämpft werden. Außerdem müsse man der Zersiedelung (die lange Pendelstrecken mit sich bringt) entgegenwirken. Zudem soll der Transport umorganisiert werden – so viele Wege wie möglich sollten zu Fuß, per Rad oder mittels öffentlichem Verkehr zurückgelegt werden. Unentbehrliche Produkte sollten so produziert werden, dass sie eine möglichst lange Lebensdauer haben.

Die gute Nachricht, so die Einschätzung der 60 beteiligten Wissenschaftler, sei, dass ein kultureller Wandel möglich und bereits in Gang sei. Ralf Fücks, Vorstand der Heinrich-Böll-Stiftung, fordert konzertiertes Handeln von Konsumenten, Wirtschaft und Politik.

„Verantwortlicher Konsum, schärfere Standards für Industrie und Landwirtschaft sowie Lenkungsinstrumente – wie die Ökosteuer – gehören zusammen.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.03.2010)

Kommentar zu Artikel:

Studie: Konsum plündert die Erde aus

Schließen

Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.

Meistgelesen