Strom ohne CO2 – bis 2050 ohne Mehrkosten möglich

Klimaneutraler Strom rechnet sich in Europa, so eine Studie der europäischen Klimastiftung. Eine Komplettumstellung auf CO2-neutrale Energiequellen bedeutet für den Stromkunden nur geringfügig höhere Preise.

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(c) APA (DPA)

Wien (gau). Lange Zeit war die Diskussion über eine „grüne“ Stromzukunft für Europa von Skepsis und pessimistischen Annahmen getragen. Ohne technologische Durchbrüche, auf die man nur hoffen kann, werde eine CO2-neutrale Stromproduktion nicht möglich sein. Die Schwankungen bei der Einspeisung von Wind- oder Solarenergie würden die Netze instabil machen. Und überhaupt käme ein echter Ökokraftakt den Verbraucher so teuer, dass er politisch gar nicht durchzusetzen sei.

Doch seit Kurzem macht sich Optimismus breit. Dass eine Umstellung innerhalb von 40Jahren machbar ist und durch „intelligente Stromnetze“ mit dezentraler Einspeisung auch zuverlässig sein kann, hat eine Untersuchung des IIASA in Laxenburg gezeigt – die „Presse am Sonntag“ berichtete.

Nun nimmt eine Studie der europäischen Klimastiftung, an der die Unternehmensberatung McKinsey federführend beteiligt ist, auch der Skepsis über die Wirtschaftlichkeit einer ökologischen Stromrevolution viel Wind aus den Segeln.

Eine Komplettumstellung auf CO2-neutrale Energiequellen bedeutet für den Stromkunden der Zukunft nämlich nur geringfügig höhere Preise – als für den Fall, dass Politik und Stromkonzerne die Hände in den Schoß legen. 8,3Cent würde die Produktion einer Kilowattstunde beim empfohlenen Entwicklungspfad im Jahr 2050 kosten statt fünf Cent heute. Bleibt hingegen alles beim Alten, steigen die Kosten für eine Kilowattstunde dennoch auf 7,7Cent. Dabei wird ein mittleres Szenario für die Ölpreisentwicklung zugrunde gelegt.

Zudem ist auch bei Kohle- und Gaskraftwerken die Infrastruktur zu erneuern, was vor allem gegen Ende des betrachteten Zeitraums stark ins Gewicht fallen würde.

 

Vier Fünftel aus grüner Energie

Im Gegensatz dazu fallen bei einer „aktiven“ Strategie schon in den nächsten zehn Jahren hohe Kosten an. Denn mit Ausnahme der Wasserkraftwerke ist fast die gesamte Kapazität für die Ökostromproduktion erst aufzubauen. Wenn die Kraftwerke aber erst einmal stünden, sind die laufenden Kosten der Stromerzeugung niedriger und fallen bis zum Jahr 2050 immer weiter. Schon ab 2020 könnte die Gesamtrechnung sinken – vorausgesetzt, die notwendigen Investitionen werden rasch getätigt.

Einen Haken hat die Sache: Vollständig „grün“ ist das empfohlene Szenario nicht. Der Strom würde nämlich nur zu 80Prozent aus erneuerbaren Energiequellen wie Wind, Sonne und Biomasse kommen. Für zehn Prozent müssten weiter fossile Kraftwerke sorgen, bei denen das Kohlendioxid aber unterirdisch zu bunkern wäre – eine Technik, die noch am Anfang steht. Zehn Prozent bleiben schließlich immer noch für die Atomkraft, die heute noch ein knappes Drittel des europäischen Bedarfs abdeckt.

Keinen Kostenvorteil sehen die Studienautoren in weniger ehrgeizigen Strategien, mit einem Anteil erneuerbarer Energien von nur 60 oder 40Prozent. Umgekehrt wagen sie sich nicht über ein Szenario mit 100 Prozent Ökostrom.

Denn dafür müssten sie aus ihrer Sicht zu starke Annahmen treffen: große Fortschritte bei der Nutzung geothermischer Energie und die Verfügbarkeit von Solarstrom aus Nordafrika.

Auf einen Blick

Eine Studie der Europäischen Klimastiftung und von McKinsey rechnet vor, dass eine Umstellung auf klimaneutralen Strom bis 2050 nur zu geringen Mehrkosten führt. Zehn Prozent Anteil von Atomstrom dürfte aber unvermeidlich sein.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.04.2010)

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