Kristallklares Wasser, bunte Korallen und schillernde Fische – wer schon einmal im Roten Meer Schnorcheln war, wird diese Eindrücke so schnell nicht vergessen. Bedroht wird die Schönheit der Unterwasserwelt vor der ägyptischen Küste derzeit von einer Ölpest, über deren Ausmaß die Regierung in Kairo schweigt. Wie viel Öl aus einem lecken Bohrturm im Roten Meer ausgetreten ist, darüber hüllen sich die Behörden in Schweigen. Zu nah liegen im Roten Meer die Interessen der Tourismusbranche und der Ölindustrie.
Die ägyptischen Badeorte wie etwa Hurghada, wo rund eine Million Menschen pro Jahr Urlaub machen, liegen an einem der am meisten verschmutzten Meere der Welt. Allein im Golf von Suez betreibt der ägyptische Staat mehr als 180 Ölförderplattformen. Saudi-Arabien hat an der Ostküste einige Raffinerien gebaut, Jordanien Düngemittelfabriken. Umweltschutzorganisationen berichten immer wieder von mehr oder weniger großen Ölteppichen, die auf dem Wasser treiben.
„In allen Meeren gibt es eine latente Ölverschmutzung, die unterschätzt wird“, erklärt Gerhard Herndl, Leiter des Departments für Meeresbiologie der Universität Wien. Denn nicht nur die Förderplattformen würden das Wasser mit Öl verschmutzen, sondern auch der Schiffsverkehr, sagt der Meeresbiologe. Besonders im Roten Meer und via Suezkanal auch im Mittelmeer herrscht reger Betrieb. Zehntausende Hochseeschiffe, die pro Jahr durch den Suezkanal fahren, sorgen für Stau in der Wasserstraße.
Waschen der Tanks. Mit den Konvois Richtung Mittelmeer werden auch Probleme importiert. Kreuzen leere Öltanker die Meere, müssen sie mit Seewasser gefüllt werden, um stabil zu bleiben. „Hochseeschiffe lassen dann dieses Ballastwasser möglichst weit weg von allen Ländern im zentralen Mittelmeer ab und waschen ihre Tanks“, sagt Gerhard Herndl. Laut einer Studie der Weltbank und der Europäischen Investitionsbank gelangen so jährlich 650.000 Tonnen Öl allein ins Mittelmeer.
Mit dem Ballastwasser werden nicht nur Ölreste ins Meer gespült, sondern auch Lebewesen eingeschleppt. „Ein Schiff, das Wasser in Asien aufnimmt und es dann im Mittelmeer ablässt, schleppt Organismen ein, die nicht dort hingehören“, sagt Herndl. Diese würden sich dann oft rasant vermehren und die heimische Fauna verdrängen. In der Nordsee etwa macht sich die Japanische Auster breit und erschwert der Europäischen Auster das Überleben. Heimische Vögel wie der Austernfischer können die harte Schale der „eingewanderten“ Muschelart nicht knacken – somit fehlt ein natürlicher Feind.
Die Internationale Seeschifffahrtsorganisation, die Europäische Union und andere Organisationen beschäftigen sich schon seit Längerem damit, wie Ballastwasser effizient und ökonomisch behandelt werden kann, um die Verschmutzung und die Anzahl gefährlicher Einwanderer zu minimieren. „Durch martialisch anmutende Methoden können Organismen rausgefiltert werden“, sagt Herndl. „Durch die Bestrahlung mit aggressivem UV-Licht werden Organismen abgetötet. Das funktioniert im Prinzip so wie beim Sterilisieren von Milch.“ Oder aber kleine Messer oder Dornen in Mikrometer-Größe, die in den Absaugrohren der Schiffe angebracht sind, könnten „fremde“ Organismen zerkleinern.
Eine der hartnäckigsten Neo-Bewohner des Mittelmeers ist eine Alge, die aus den Tropen stammt. Die Wasserpflanze, bezeichnend auch „Killeralge“ genannt, entschlüpfte einem Aquarium in Monaco und überwuchert seither Seegraswiesen im Mittelmeer. Diese wiederum dienen vielen Fischen als Kinderstuben. Um die wachstumsfreudige, giftige Pflanze einzudämmen, wurden Schnecken ausgesetzt. Allerdings: Diese haben keine natürlichen Feinde – Ausgang des Experiments ungewiss.
Eine weitere Verschmutzungsquelle, die auf das Konto von Hochseeschiffen geht: die aggressiven Lacke, mit denen sie gestrichen sind. So soll verhindert werden, dass sich etwa Muscheln am Schiffsrumpf festsetzen. „Geht der Lack ab, wird das Wasser beeinflusst“, sagt der Meeresbiologe Herndl. „Untersuchungen in der Nordsee zeigen, dass sich unterhalb der Schiffsrouten die Fauna verändert hat.“
Die größte Bedrohung der Meere kommt allerdings vom Land: Rund um die Städte gelangen ungeklärte Abwässer ins Wasser, auch Rückstände von Medikamenten, deren Auswirkung noch ungeklärt ist. Toxische Stoffe kommen auch von Industrieanlagen und der Landwirtschaft. Ausgewaschene Düngemittel gelangen über Flüsse in die Meere.
Im Mittelmeer ist zwar in den letzten Jahrzehnten die Abwasserklärung immer besser geworden. Doch mit der Intensivierung der Landwirtschaft bleiben auch die Mengen an Stickstoff, die letztendlich im Meer landen, hoch. Besonders im Po- und Rhône-Delta sowie rund um Neapel ist diese Belastung sehr hoch. Die Folge sind Algenteppiche und Quallenplagen.
Für immer mehr Kopfzerbrechen sorgt der Plastikmüll. Nicht nur ganze Flaschen, Becher oder Sackerl schwimmen an der Meeresoberfläche. Sie werden durch Sonne, Wind und Wellen in kleine Teilchen zerbrochen und zerrieben. Diese kleinen Fragmente treiben dann wie Konfetti unter der Oberfläche. Viele Meeresbewohner fressen sie und gehen zugrunde. Bisher war nur der „große Müllstrudel“ im Nordpazifikwirbel bekannt, doch der Meeresbiologe Herndl ist davon überzeugt, dass alle Meere mit Plastikpartikeln verseucht sind. Bisher hat sich die Forschung diesem Problem aber nur wenig gewidmet.
Mehr Umweltbewusstsein. Dennoch bekommen die meisten Strände am Mittelmeer jedes Jahr in einer EU-Untersuchung Bestnoten für die Wasserqualität. Wie passt das zusammen? „Im Allgemeinen ist die Qualität zweifellos gut. Es gibt keinen Grund anzunehmen, dass sie sich verschlechtern wird.“ Das Umweltbewusstsein beginne nun auch in Ländern zu greifen, die nicht immer so fortschrittlich waren, meint Herndl.
Hoffentlich bevor die einzigartigen Unterwasserwelten der Erde zerstört sind.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.06.2010)
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