Michael Braungart: Was verbrannt wird, ist verloren

"Weniger schlecht ist nicht gut", sagt der Umweltaktivist und Greenpeace-Vater Michael Braungart. Wir sollen nicht Belastung für den Planeten sein, sondern nützlich.

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(c) APA (HERBERT PFARRHOFER)

Müllverbrennungsanlage. Ein starkes Reizwort für den deutschen Chemiker Michael Braungart, der morgen das Eröffnungsreferat der GLOBArt Academy halten wird. „Ich habe mit Friedensreich Hundertwasser lange Diskussionen geführt, warum er ausgerechnet Anlagen wie die Spittelau, die Leben wegnehmen, behübschen will mit schönen Türmchen. Er ist auf die Illusion hereingefallen, dass man mit der Fernheizung etwas Gutes tut.“

In Braungarts Denkkonzept existiert Müll nicht. „Schreiben Sie nicht, ich will eine Welt ,ohne Abfall‘. Ich denke in Nährstoffen“, sagt er: „Die Natur kennt keinen Abfall. Wir sind die einzigen Lebewesen, die Abfall machen.“ Das von ihm und dem amerikanischen Architekten William McDonough entwickelte „Cradle to cradle“-Prinzip beruht auf Kreisläufen. „In Österreichs Müllverbrennungsanlagen wird Kupfer im Wert von 15 Millionen Euro verbrannt. Dieser Rohstoff ist viel seltener als Öl! Und es wird als ,thermisches Recycling‘ dargestellt – obwohl alle Materialien darin verloren gehen und man für die Neuherstellung viel mehr Energie braucht.“

 

Philosophisches Gedankenkonzept

Dramatischstes Beispiel ist für Braungart der Phosphor-Kreislauf: „In Österreich gilt es als Umweltschutz à la ,erneuerbare Energien‘, wenn man Klärschlamm verbrennt. Auch Phosphor ist selten, und im Klärschlamm stecken all die Phosphate, die wir abgeben. Aber wir sind zu dumm, um unsere eigenen Stoffwechselprodukte der Natur zurückzugeben. Dabei wird beim Phosphat-Bergbau mehr Radioaktivität in die Umwelt gebracht, als in allen Atomanlagen weltweit genutzt wird.“

„Cradle to cradle“ ist ein philosophisches Gedankenkonzept, bei dem man nicht vom Schlechten weniger tun soll, sondern Nützliches. „Wenn man sagt: ,Fahr für den Umweltschutz weniger Auto‘, dann ist es, als ob Sie sagen: ,Schlagen Sie Ihr Kind nur mehr dreimal statt fünfmal.‘“ Es geht nicht um Verzicht und Vermeiden. Stattdessen bietet das Prinzip, das in Holland, China und den USA begeistert aufgenommen wird, Lösungsansätze, wie man durch Konsum der Umwelt Gutes tun kann: Verschleißbare Materialien wie Schuhsohlen, Autoreifen, Nahrungs- und Waschmittel müssen biologisch verwertbar sein (ungiftig, essbar, kompostierbar). Das ist der biologische Kreislauf.

„Alles andere soll im technischen Kreislauf wiederverwendet werden“, sagt Braungart: „Das hat mit normalem Recycling nix zu tun.“ Hersteller sollen zu Rohmaterial-Banken werden, die nur die Nutzung ihrer Produkte verkaufen. Nach Jahren privater Nutzung eines Fensters soll das Material wieder in den Produktionszyklus einfließen und das neueste Modell daraus erstellt werden. Technische Nährstoffe nennt Braungart das: „Dadurch kann man alles neu erfinden!“

Der Mensch dürfe sich selbst nicht als Belastung für die Erde sehen: „Alle Ameisen der Erde wiegen viermal so viel wie wir Menschen. Doch die sind kein Umweltproblem. Die Bäume auch nicht, obwohl es von denen viel mehr gibt als von uns Menschen. Das „Schuldigfühlen“ hat ausgedient, nun heißt es „nützlich sein“.

Ausgangspunkt war für Braungart die Tätigkeit bei Greenpeace in den 1980er-Jahren: „Ich war einer der Ersten, der einen wissenschaftlichen Hintergrund hatte, und trotzdem auf Schornsteine kletterte und mit Schlauchbooten fuhr.“ Doch nach all den Protesten wollte er Lösungen entwickeln. Unterstützung erhielt er von einem Vorstandsvorsitzenden der chemischen Industrie, gegen die er protestiert hatte. „Wir wollten nicht Nachhaltigkeit, denn das ist ja das Mindeste. Wir wollen neue Qualität.“

So konfrontierte Braungart Alexander Krauer, Chef des Chemiekonzerns Ciba-Geigy, mit dem Zitat von Albert Einstein: „Kein Problem kann gelöst werden durch dieselbe Denkweise, durch die es verursacht wurde.“ Daraufhin gab ihm der Chemie-Boss zwei Millionen Dollar und ermöglichte ihm Treffen mit „allen gescheiten und weisen Menschen der Welt“. Er sprach u.a. mit dem Dalai-Lama, mit Michail Gorbatschow und Naturvölkern, bis „Cradle to cradle“ entstand.

 

Besser als Effizienz ist Effektivität

Heute bauen viele Firmen auf dieses Prinzip: Es gibt kompostierbare Bezüge von Flugzeugsesseln, das heimische Unternehmen Backhausen bietet Returnity-Textilien mit 100-prozentiger Wiederverwertbarkeit usw.

Das Schlagwort „Ökoeffizienz“ drückt für Braungart aber nichts aus: „Wenn man bereits etwas falsch macht, und das perfektioniert, dann macht man es perfekt falsch.“ Besser als Effizienz ist demnach Effektivität. „In Österreich versteht man den Unterschied zwar sehr gut: Kaffeehäuser sind ja ein völlig ineffizienter Ort. Und doch schließt man dort effektive Geschäfte.“ Herausragend sei in Österreich auch das Know-how, das durch „die militanteste Umweltdiskussion in den letzten 30 Jahren“ hier entstanden sei: „Die ,Fabrik der Zukunft‘ und Ähnliches wurde hier erfunden. Aber bei der Umsetzung der Konzepte ist man hier lausig.“

Zur Person

Michael Braungart,studierter Chemiker, ist Gründungsmitglied der Grünen in Deutschland und von Greenpeace in Österreich und Schweiz.

„Cradle to cradle“(„Von der Wiege zur Wiege“) ist ein Konzept, bei dem alle Stoffe wieder dem biologischen oder technischen Kreislauf zugeführt werden.

Bücher von Michael Braungart und William McDonough: „Einfach intelligent produzieren“ (Berliner Taschenbuch Verlag), „Die nächste industrielle Revolution“ (Europäische Verlagsanstalt). [Speakers Academy/Enith Stenhuys]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.08.2010)

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