Locker-lässig lässt sich Gerhard Zoubek in einen Sessel an seinem Besprechungstisch fallen. Um ihn herum wuselt es; hier im Büro im ersten Stock seines Betriebes laufen die Fäden für sein Hauptgeschäft zusammen. Rund 6000 Bestellungen für die längst etablierten „Bio-Kistln“ werden von hier aus jede Woche an das Lager weitergegeben und von dort verschickt. Sie bringen Zoubek mehr als fünf Millionen Euro Umsatz im Jahr, und es wird immer mehr. Denn das „Millionenpublikum vor der Haustür“ – Zoubeks Hof „Adamah“ liegt in Glinzendorf, nur wenige Kilometer von der Wiener Stadtgrenze entfernt – verlangt danach, sagt er.
Sein Betrieb wächst und wächst. Und Gerhard Zoubek fühlt sich ganz und gar nicht unwohl dabei. Wenn er, wie er erzählt, in „Diskussionen mit Linken“ auf seine zunehmende Größe angesprochen wird, dann sagt er: „Größe ist nichts Schlechtes, sie bedeutet auch Professionalität. Wenn die Kunden das wollen, wäre es doch feig zu sagen, wir bleiben lieber klein und wachsen nicht.“
Globalisierungsgegner? Gar nicht. Dabei hat er ziemlich klein angefangen. 1997 übernahm er mit seiner Frau Sigrid den schwiegerelterlichen Hof: 70 Hektar Landwirtschaft, ein geschätzter Jahresumsatz von damals rund 600.000 Schilling, umgerechnet keine 44.000 Euro. Die Bio-Idee kam von seiner Frau, „der Erde wegen“ eine glühende Verfechterin des biologischen Anbaus. Ihr Mann war schnell im Boot– und überzeugte sie von „seinem“ Geschäftsmodell: Vom oberösterreichischen Hof Achleitner, dem Kistl-Pionier, holten sie sich die Idee – und stürzten sich auf den Wiener Markt.
Anfangs waren es 60 Kisten, die Zoubek jede Woche eigenhändig auslieferte. Heute sind es hundertmal so viele, und die Auswahl ist deutlich größer. Man kann zwischen verschiedenen Größen wählen und sich die Kisten selbst zusammenstellen. Im Standardprogramm gibt es ein Obst-Kistl, eines für stillende Mütter und Kleinkinder, eines fürs Büro, eines für Singles. Eines zum Saftpressen und eines, in dem nur Wurst oder Käse ist. Was Zoubek nicht selbst erzeugt, kauft er zu – auch aus Übersee. Ein Globalisierungsgegner ist er nämlich „überhaupt nicht“. Solange alles „fair“ und „bio“ ist.
Lange lief das Geschäft ohne Plan, erst vor Kurzem kamen der Kassasturz und eine Art Geschäftsplan. „Ich habe sehr lange Zeit mit meinem Bauchgefühl gearbeitet. Aber wie man sieht, bin ich damit gar nicht so falsch gelegen.“
Der „klassische Kapitalist“. Zoubek redet gern, holt aus, verliert sich laut in seinen Gedanken. Aber wenn es darum geht, seine Einstellung zu Leben und Arbeit in eine sprachliche Form zu bringen, wird er schnell ganz klar: „Schauen Sie, ich bin eigentlich der klassische Kapitalist. Ich habe Grund und Boden, den ich verpachten könnte, und könnte ganz leicht sagen, ich will nix hackeln. Ich könnte dasitzen und mich darüber beschweren, wie schlecht alles ist, und die großen Konzerne kritisieren. Aber das will ich alles nicht. Weil ich überzeugt bin, dass man mit betriebswirtschaftlichen Mitteln in die Welt eingreifen und sie anders gestalten kann.“
Er möchte zeigen, dass es auch auf andere Art geht, sagt Zoubek. Dass man trotz zunehmender Größe in direktem Kontakt mit den Kunden bleiben kann. Darum schickt er ihnen wöchentlich Kochrezepte, informiert sie darüber, wie es seinem Hof geht. Den Gewinn will er optimieren, nicht unbedingt maximieren.
Gerhard Zoubek hat 90 Hektar biologisch bewirtschaftetes Land, fast 80 Mitarbeiter – und jede Menge Pläne.
Heuer werden ihm „realistisch betrachtet“ 150.000 Euro Gewinn übrig bleiben. Den und das Geld, das er sich immer noch von der Bank holt, gibt Zoubek wieder aus – „und zwar nicht für schnelle Autos, sondern für sinnvolle Investitionen“. Wie zum Beispiel für die Tankstelle für Elektroautos, die gerade auf dem Hof entsteht. Für seinen eigenen Bedarf will er komplett auf erneuerbare Energien umstellen. Dafür hat er 2007 sogar eine Art Kapitalerhöhung auf Schiene gebracht – und die Investoren sind seine Kistl-Kunden.
Sie kaufen „Bausteine“ à 100 Euro, das Geld investiert Zoubek in Lebensmittel, Solarstrom und -wärme, Windenergie oder regionale soziale Projekte. „Produkte und Dienstleistungen, die unsere Lebensqualität verbessern und fair verteilten Wohlstand in der gesamten Region mit sich bringen“, wirbt er auf seiner Homepage. Für jeden Baustein erhält der Anleger zehn Lebensmittelgutscheine im Wert von je 15 Euro, von denen einer pro Jahr eingelöst werden kann – inflationsangepasst. Zoubek nennt das ein „ethisches, wertgesichertes und rentables Investment“.
Dass die Baustein-Idee mehr als nur ein Hirngespinst ist, zeigen die Zahlen: Bereits 600 Menschen haben Gerhard Zoubek Geld anvertraut – im Gesamtwert von 74.000 Euro.
In seinem Kopf geht der Plan viel weiter. Zoubek träumt von einer „Bürgeraktiengesellschaft“, wie es sie im deutschen Freiburg schon gibt. Dort kauft die „Regionalwert AG“ landwirtschaftliche Betriebe und Grund, den sie wiederum verpachtet. Die Pächter verpflichten sich, gewisse Kriterien einzuhalten – dass etwa gezielt sozial Schwache beschäftigt, junge Menschen ausgebildet oder die Fläche ökologisch bewirtschaftet werden. Außerdem muss den Aktionären – überwiegend Bürger aus der Region – nicht nur über die Finanzlage Bericht erstattet werden, sondern auch darüber, ob die Nachhaltigkeitsauflagen erfüllt werden. So ähnlich stellt sich das Zoubek auch vor. Bislang ist er damit aber an den strengen Auflagen der österreichischen Aufsichtsbehörden gescheitert. Aber sein Traum bleibt ein „alternatives Kapital“. Deshalb hat er auch eine Arbeitsgruppe eingesetzt, die an einer mit Lebensmitteln gedeckten Währung für die Region – am besten auch Wien – arbeitet. Er möchte schon die Welt verändern, sagt Zoubek, aber eben dort, wo es realistisch ist. Also die Welt in der Umgebung, in der er lebt.
Zu Förderungen „verführt“. Was er sich noch wünschen würde: Dass Bauern wieder mehr als Nahrungsmittelproduzenten wahrgenommen werden und auch ihre Produkte vermehrt selbst vermarkten – so wie er. Die Landwirte seien zu Fördernehmern degradiert worden. Das sei schade. Deswegen, und weil es ein so großer bürokratischer Aufwand ist, hat er sogar schon darüber nachgedacht, auf die 50.000 Euro zu verzichten, die er jedes Jahr aus den Fördertöpfen Österreichs und der EU bekommt. Aber da ist er dann doch ganz Realist: „50.000 Euro sind 50.000 Euro. Da habe ich mich einfach verführen lassen.“
Gemeinsam mit seiner Frau Sigrid übernahm Gerhard Zoubek 1997 die schwiegerelterliche Landwirtschaft im bei Wien gelegenen Glinzendorf. Daraus wurde der Biohof „Adamah“ (hebräisch für „Ackerboden, lebendige Erde“).
Mit den Bio-Kistln setzen die Zoubeks mittlerweile fast sechs Millionen Euro im Jahr um. Heuer werden 150.000 Euro Gewinn übrig bleiben. Seit Kurzem können sich Kunden mit „Bausteinen“ am Betrieb beteiligen. 600 haben das bereits getan.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.08.2011)
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