Wie. Wie. Österreich ist bisher vom Klimawandel stärker betroffen als andere Teile der Welt: Seit Mitte des 19. Jahrhunderts ist die Jahresdurchschnittstemperatur um rund zwei Grad gestiegen – im globalen Schnitt waren es knapp 0,8 Grad. Forscher erwarten, dass es in den nächsten Jahrzehnten um weitere 1,5 bis 2,5 Grad wärmer wird. Zugleich werden sich die Niederschläge vermutlich vom Sommer- in das Winterhalbjahr verschieben. Und: Die Variabilität des Wetters wird durch den Klimawandel größer.
Selbst wenn man von heute auf morgen den Ausstoß von Treibhausgasen radikal absenken würde– was bekanntlich nicht einfach ist –, wirken die bereits in der Atmosphäre befindlichen Gase noch Jahrzehnte weiter. Daher sind klimatische Veränderungen unvermeidbar. Der Mensch muss sich wohl oder übel daran anpassen.
Allergene Pflanzen verbreiten sich
Das Umweltministerium hat daher nun nach dem Vorbild der EU und anderer Staaten wie Großbritannien oder Deutschland eine nationale Anpassungsstrategie an den Klimawandel erarbeitet. Darin enthalten sind 127 Einzelmaßnahmen aus 14 Bereichen – von Land- und Forstwirtschaft über Naturgefahren, Energiesicherheit und Gesundheitswesen bis zu Tourismus und Raum- bzw. Stadtplanung. Der Grundgedanke: Die möglichen Folgen des Klimawandels sollen in allen Planungs- und Entscheidungsprozessen rechtzeitig mitüberlegt werden. Viele Punkte, die unter Einbeziehung von rund 100 Organisationen erarbeitet wurden, sind nicht überraschend: Trockenere und heißere Sommer erfordern zum Beispiel einen gezielteren Umgang mit Wasserressourcen. Die angebauten Pflanzen müssen den veränderten Bedingungen besser entsprechen, Gleiches gilt für die Baumarten. Um den Wald widerstandsfähiger zu machen, müsse die Naturverjüngung gestärkt und die Wildschäden müssten verringert werden. Waldbrände werden ein wichtigeres Thema, ebenso vermehrte Überschwemmungen, die in der Raumplanung und bei neuen Katastrophenversicherungen berücksichtigt werden müssen.
Erwartete Veränderungen der Biodiversität sollen durch besseren Schutz des Bodens und von bestehenden Rückzugsgebieten minimiert werden. Eng damit verbunden ist die Ausbreitung neuer giftiger und allergener Pflanzenarten – letztere sind ja jetzt schon ein zunehmendes Problem. Auch der Tourismus soll sich systematisch auf die neuen Zeiten vorbereiten.
In der umfassenden Maßnahmenliste finden sich auch Bereiche, an die man nicht unmittelbar denken würde. In der Energiewirtschaft z. B. sind bessere Prognosen des künftigen Strom- und Wärmebedarfs notwendig, für die Energiespeicherung müssen effizientere Methoden erforscht werden.
Mehr Grün in den Städten
In den Bauordnungen muss der sommerlichen Überhitzung größeres Augenmerk eingeräumt werden. Die Hitzetage sind auch für das Gesundheitswesen wesentlich: Da die Sterblichkeit vor allem älterer Menschen in Städten dramatisch zunimmt, muss das Kleinklima verbessert werden – etwa durch Anpassung von Grünräumen sowie durch die Sicherung von Frisch- und Kaltluftentstehungsgebieten und sogenannter „Ventilationsbahnen“ in Siedlungsgebieten.
Aus all diesen Beispielen wird ein Grundproblem sichtbar: Bei der Anpassungen an den Klimawandel sind unzählige Akteure beteiligt, das Thema sprengt bisherige Zuständigkeiten. Dennoch solle die Umsetzung „im Rahmen der bestehenden Zuständigkeiten erfolgen“, heißt es in dem 524 Seiten starken Papier. Die verbindende Brücke soll eben die Strategie bilden – die in gewisser Weise eine Selbstverpflichtung der Politik ist. Vorgesehen ist, dass alle zwei Jahre ein Umsetzungsbericht veröffentlicht wird, der erste ist für Ende 2014 vorgesehen.
Berlakovich: „Nicht bezifferbar“
Und was kostet die Umsetzung? Das sei derzeit nicht bezifferbar. „Eines lässt sich aber schon jetzt sagen“, kommentiert Umweltminister Niki Berlakovich: „Die Kosten zur Bewältigung des Klimawandels werden auf jeden Fall viel niedriger sein als die langfristigen Kosten des Nichthandelns.“
Zusätzliches Geld aus dem Budget ist für die Umsetzung nicht vorgesehen: So weit als möglich sollen die Maßnahmen durch Umschichtungen finanziert werden. Und wenn sich das nicht ausgeht, dann „wären (innovative) Finanzierungsinstrumente zu prüfen“. Was immer das heißen soll.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.02.2012)
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