Klima: „Sonne schenkt uns Zeit“

Das Buch "Die kalte Sonne", das vom Umweltaktivisten und RWE-Manager Fritz Vahrenholt mit verfasst wurde, belebt die Debatte.

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(c) Dapd (Lennart Preiss)

Unter Berücksichtigung der wichtigsten natürlichen und anthropogenen Klimafaktoren ist um das Jahr 2035 mit einer leichten globalen Abkühlung von etwa 0,2 bis 0,3 Grad Celsius gegenüber heute zu rechnen.“ Abkühlung. Das ist die Kernpassage in einem Buch, das die Klimadebatte in Bewegung bringt wie kein anderes – „Die kalte Sonne“ –, und dessen Hauptverfasser eine solche Provokation vor drei Jahren noch in den Müll geworfen hätte, oder an die Wand. Der Autor heißt Fritz Vahrenholt, er war vehementer Verfechter des Schreckbildes der globalen Erwärmung. Aber dann reiste er als Gutachter der deutschen Regierung zu einem Treffen des Uno-Klimabeirats IPCC und sah, wie es dort zuging: Ein Bericht über das Potenzial erneuerbarer Energien wurde federführend von einem Greenpeace-Mitarbeiter verfasst, der sich zudem auf eine von ihm selbst erarbeitete Studie stützte.

Damaskus IPCC: Vom Saulus zum Paulus

Das war das eine Damaskus-Erlebnis für Vahrenholt, das zweite hatte er in seinem Beruf. Vahrenholt ist ein alter Umweltaktivist, er legte sich 1978 – beim Dioxin-Unfall in Seveso – mit der Chemieindustrie an, wurde später als SPD-Mitglied Umweltsenator in Hamburg. Schließlich wechselte er zum Energieriesen RWE und baute die Abteilung für alternative Energien auf. Er ließ Milliarden in Sonne, Wasser und Wind investieren – und musste lernen, dass der Wind nicht mitspielte, er wurde immer schwächer.

Das lenkte Vahrenholts Blick auf natürliche Klimaschwankungen, auf die irdischen und, vor allem, die möglicherweise von der Sonne kommenden. Die konnten in seinen Augen erklären, was der IPCC selbst nicht erklären kann (wofür manche Klimaforscher aber gute Hypothesen haben, s. Interview unten): Seit 1998 haben sich die globalen Temperaturen nicht erhöht. Vorher waren sie, seit den 70er-Jahren und vor allem in den 90ern, steil nach oben geschossen. Aber nun blieben sie konstant, obgleich sich die Ausstöße des Treibhausgases CO2 durch die Entwicklung Indiens und Chinas stark erhöhten.

Das lenkte Vahrenholts Aufmerksamkeit auf die Sonne, er sieht in ihren Schwankungen eine gute Erklärung für die Entwicklung der letzten hundert Jahre – plus 0,8 Grad –, aber auch für das Einhalten seit 1998. „Mindestens die Hälfte“ der 0,8 Grad rechnet Vahrenholt der Sonne und der irdischen Natur zu. Und die natürlichen Zyklen beider treffen sich derzeit so günstig, dass bis 2035 eine Abkühlung ins Haus steht (dann geht es hinauf, bis 2100 um 0,6 bis ein Grad).

Schwächere Sonne, stärkere Wolken?

Dabei stört ihn nicht, dass die Sonne schwächer geworden ist, er sieht gerade darin einen möglichen Mechanismus: Weil die schwächelnde Sonne weniger Sonnenwind zur Erde schickt, kann der nicht mehr so viel kosmische Strahlung abfangen – und die sorgt ihrerseits dafür, dass sich in der Atmosphäre Kondensationskerne für Wasser und mit ihnen kühlende Wolken bilden, auch das ist umstritten (s.u.). – Wie auch immer: „Die Klimakatastrophe findet nicht statt – Das Wichtigste in Kürze.“ So fasst Vahrenholt Befunde der Klimatologen zusammen, durchaus auf der Höhe der Zeit; aber er lehnt sich auch weit aus dem Fenster, zum einen mit dem Vorwurf an den IPCC, er sei blind für alles außer CO2. Und zum anderen mit der vorgeblichen Präzision seiner Prognosen. Exakt 0,2 bis 0,3 Grad weniger anno 2035? „Wer die festgefahrene Debatte beleben will, muss schon den Mut haben, eine Zahl zu nennen“, erklärte er im „Spiegel“, und wenn er irre, werde er später gerne widerrufen.

Aber die Zeit bis dahin will er nutzen. Auch er will weg von fossilen Energien und hin zu erneuerbaren, nur nicht überstürzt und überteuert (und im eher finsteren Deutschland nicht just zu Sonnenenergie): „Wir haben Zeit gewonnen, kostbare Zeit.“

F.Vahrenholt/S.Lühning, „Die kalte Sonne“, Hoffmann und Campe, 2012

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.02.2012)

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