Klimaforscher: „Vahrenholt schießt aus der Hüfte“

Mojib Latif, Klimatologe in Kiel, nimmt zu den Attacken Stellung: Es gebe beim UNO-Klimabeirat IPCC Grauzonen, aber nicht in der Wissenschaft. Die bleibt bei Erwärmung – mit vorübergehender Pause.

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(c) IMF GEOMAR

Die Presse: Herr Vahrenholt fährt einen Angriff auf den UNO-Klimabeirat IPCC. In seiner Konzentration auf CO2 wische der alles Missliebige vom Tisch, etwa, dass es seit 1998 nicht wärmer wurde.

Mojib Latif: Nichts wird vom Tisch gewischt. Ich habe selbst 2008 prognostiziert, dass bis 2015 keine Erwärmung kommt. Es liegt am Schwanken von Meeresströmungen.

Aber Sie sind nicht der IPCC.

Im eigentlichen Sinn gibt es den nicht. Das sind Wissenschaftler, die Berichte schreiben.

 

Vahrenholts Vorwurf geht dahin, dass es neben Forschern auch Abteilungen für die Öffentlichkeitsarbeit gibt und dort etwa Greenpeace mitschreibt.

Da hat er teilweise recht, es gibt Grauzonen beim IPCC. Aber nicht in der Wissenschaft. Die beruht auf Physik, und da sitzen nicht irgendwelche Leute von Greenpeace am Tisch. Vahrenholt verwischt das sehr geschickt. Er nimmt die Grauzonen zum Anlass, die naturwissenschaftliche Arbeit niederzumachen.

Aber er liest ja die wissenschaftlichen Arbeiten und kommt deshalb auf die Sonne als Klimakraft.

Schauen Sie einfach die Kurven an! Bei der Temperatur gab es in den letzten 40 Jahren eine massive Erwärmung, etwa 0,4 Grad. Das CO2 ist kontinuierlich gestiegen. Und die Sonne? Sie ist schwächer geworden. Wie soll denn das eine massive Erwärmung bringen?

Vahrenholt erklärt es so: Der abgeflaute Sonnenwind lässt mehr kosmische Strahlung zur Erde, die bildet Kondensationskerne für Wolken.

An denen gibt es aber keinerlei Mangel. Es gibt so viele Kondensationskerne, dass es völlig irrelevant ist, ob durch die kosmische Strahlung ein paar dazukommen.

Zurück zur bisherigen Erwärmung, 0,8 Grad seit 100 Jahren. Für Vahrenholt kommt die Hälfte von der Sonne. Und beim IPCC kommt alles vom CO2?

Nein, das hat der IPCC nie gesagt, er ist sehr vorsichtig und sagt, dass etwa die Hälfte der Erwärmung anthropogen ist.

Dann sagt er das Gleiche wie Vahrenholt?

Ja, das ist es ja, was mich wahnsinnig macht: Da wird ein Popanz aufgebaut und dann genüsslich zerrissen.

Was halten Sie von Vahrenholts Prognose: Abkühlung bis 2035 um 0,2, 0,3 Grad?

Das ist aus der hohlen Hand, und Papier ist geduldig. Aber man kann es jetzt auch nicht widerlegen. Es muss jeder selbst entscheiden, wem er glaubt. Herrn Vahrenholt, der als RWE-Mitarbeiter auch nicht uneigennützig ist und dessen Kernbotschaft für die Energiewirtschaft maßgeschneidert ist: Wir haben Zeit, können weitermachen wie bisher.

Aber er zeigt doch, dass wir Zeit haben.

Nein, er rechnet ja keine Klimamodelle, er schießt aus der Hüfte, macht Plausibilitätsberechnungen – gewissermaßen auf dem Bierdeckel. Will man damit aufwiegen, was tausende Wissenschaftler seit 40 Jahren rechnen? Das sind ja keine Scharlatane. jl

Auf einen Blick

Mojib Latif, 1954 in Hamburg als Sohn pakistanischer Einwanderer geboren, ist Meteorologe und Ozeanograf am Leibniz-Institut für Meereswissenschaften der Universität Kiel. Bekannt wurde er der breiten Öffentlichkeit als Klimaforscher. 2008 fand er eine Erklärung dafür, warum die Erwärmung seit 1998 Pause macht: Es liege an periodisch schwankenden Meeresströmungen. [IFM-Geomar]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.02.2012)

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