Die wissenschaftliche Evidenz war zwingend, die Schlussfolgerung eindeutig: Dieselabgase verursachen Lungenkrebs beim Menschen.“ Mit dieser Erklärung beendete Christopher Portier, Chef der für Krebs zuständigen Arbeitsgruppe der Weltgesundheitsorganisation WHO, am Dienstag ein einwöchiges Expertentreffen in Lyon.
Damit hat die WHO bestätigt, was andere Forscher schon lange aufzeigen wollten: 1955 lieferten Tierversuche erste Hinweise, dass Kohlenwasserstoffe in Dieselabgasen – Benzo(a)pyren etwa, das auch das Tabakrauchen so gefährlich macht – Lungenkrebs verursachen. 1988 wusste man dann auch so viel über den Menschen, dass die WHO diese Abgase als „wahrscheinlich krebserregend“ einstufte. Seit Mittwoch herrscht diesbezüglich Sicherheit: Dieselabgase liegen hinsichtlich des Krebsrisikos in einer Klasse mit Asbest.
8,5 Cent weniger Steuer pro Liter
Eine Erkenntnis, die weitreichende Folgen haben könnte, nicht zuletzt in Österreich: 2,5 der 4,5 Millionen Pkw auf den heimischen Straßen werden mit Diesel angetrieben (siehe Grafik), ebenso wie praktisch alle Nutzfahrzeuge. Der Siegeszug über Benzinmotoren, den der Diesel in den vergangenen Jahrzehnten angetreten hat, ist vor allem Verdienst steuerlicher Vergünstigungen, die er – wie in ganz Westeuropa – genießt: Während man für einen Liter Eurosuper 48,2Cent pro Liter an den Staat abführt, sind es für einen Liter Diesel „nur“ 39,7 Cent. Diese geringere Besteuerung hat ihren Ursprung in der Nachkriegszeit, als es galt, Kleingewerbetreibende, Landwirte und den gewerblichen Güterverkehr beim Wiederaufbau der Infrastruktur zu entlasten – damals waren das praktisch die einzigen Nutzer von Dieselfahrzeugen.
Seit zwei Jahrzehnten gibt es jedoch eine weitere Lobby, die großes Interesse an günstigerem Dieselkraftstoff hat: Die europäischen Autobauer, allen voran Volkswagen, aber auch PSA (Peugeot-Citroen) in Frankreich, die ab 1990 massiv auf diese Technologie gesetzt hatten („VW mit TDI“). Damals erschien der Umstieg auf Diesel als bester Weg, den bereits absehbaren Zwängen zur Verbrauchsreduzierung zu begegnen – und ganz nebenbei die japanischen Hersteller aus dem europäischen Markt zu drängen. In einem Liter Dieselkraftstoff ist mehr Energie gebunden als in einem Liter Benzin, in der Folge wird beim Verbrennen eines Liters Diesel auch mehr CO2 freigesetzt als beim Verbrauch der gleichen Menge Benzin. Um diese Tatsache kreisen die Pläne der EU, die Energiesteuer bald einmal ihrem Namen gerecht werden zu lassen und Energieträger künftig auf Basis ihres Energiegehalts zu besteuern.
EU überlegt Anpassung an Benzin
Neben Problemen mit Feinstpartikeln, wie im WHO-Bericht aufgezeigt, haben Dieselmotoren einen dramatisch höheren Ausstoß an Stickoxiden (NOx), speziell der Gruppe der Stickstoffdioxide (NO2) – supergiftig und im Abgas stetig zunehmend, je mehr der Motor auf Sparsamkeit getrimmt ist.
Ein Anlauf der EU-Kommission, die bevorzugte Besteuerung des Diesels aus diesen Gründen an jene des Benzins heranzuführen, scheiterte im April am Widerstand des Parlaments in Straßburg – vor allem die Europäische Volkspartei verteidigte damals die Dieselprivilegien. Derzeit liegt das Vorhaben wieder beim Rat der zuständigen Minister. Die grüne EU-Abgeordnete Ulrike Lunacek will die WHO-Studie nun nutzen, um wieder Schwung in das Thema zu bringen: In der nächsten Fraktionssitzung der EU-Grünen wolle sie einen Antrag einbringen, dem Rat eine Anfrage zu den gesundheitsschädlichen Wirkungen von Diesel vorzulegen, sagt Lunacek. Ein Vorschlag, der unter Experten Zuspruch finden dürfte.
So sieht der Vorstand der Internen Lungenabteilung im Otto-Wagner-Spital, Otto Burghuber, in der aktuellen WHO-Studie einen „gewissen Auftrag an die Politik“. Das müsse kein Verbot bedeuten: „Ich bin überzeugt, dass die Autoindustrie die Technologie bei Dieselfahrzeugen verbessern wird“, so Burghuber: Schon die Partikelfilter hätten eine große Verbesserung hinsichtlich der Gesundheitsgefährdung gebracht. Der Schönheitsfehler: Dem VCÖ zufolge hätte nur rund ein Drittel der 2,5 Millionen Diesel-Pkw in Österreich einen solchen Filter eingebaut.
Starke Exponierung, hohes Risiko
Auch Burghuber vergleicht die schädliche Wirkung von Dieselgasen mit jener der (verbotenen) Asbestfasern. Die WHO-Studie zeigt, dass wie bei Asbest ein „abgestuftes Risiko“ besteht: Besonders betroffen sind Menschen, die in geschlossenen Räumen mit laufenden Dieselmotoren arbeiten, etwa in Schiffen und Bergwerken.
Dort hatte schon eine deutsche Studie eine Verdoppelung des Lungenkrebsrisikos gefunden, anderswo war ähnliches bei Lkw-Fahrern und Straßenarbeitern aufgefallen. Den Ausschlag für die Hinaufstufung der Gefahr gab nun eine Untersuchung von 12.315 Bergleuten in den USA, die über viele Jahre im Dieselqualm arbeiten mussten: Bei ihnen zeigte sich ein klarer Zusammenhang mit Lungenkrebs – das Risiko stieg mit der Dosis, bei exponierten Bergleuten lag es drei Mal so hoch. Zudem deutete vieles auch auf Blasenkrebs, bei ihm gilt Dieselabgas als „wahrscheinliche“ Ursache.
„Aber wir haben von anderen Karzinogenen gelernt – etwa von Radon –, dass sich später auch in der breiten Bevölkerung fand, was zunächst nur bei hoch Exponierten aufgefallen war“, erklärt Kurt Straif (WHO): „Für die breite Bevölkerung liegt das Risiko in der gleichen Größenordnung wie das des Passivrauchens. Deshalb sollten Aktivitäten zur Reduzierung der Exposition sowohl Arbeiter wie die ganze Bevölkerung betreffen.“
Ganz so schnell wird das aber nicht passieren. Umweltminister Nikolaus Berlakovich (VP) will die Studie zunächst „ganz genau anschauen“. Der Verkehr müsse umweltfreundlicher werden, es ginge aber nicht darum, Mobilität zu verbieten, so Berlakovich zur „Presse“. Er wolle stattdessen „Alternativen wie Elektromobilität, öffentlichen Verkehr, Radfahren oder zu Fuß gehen aufzeigen“.
Eine aktuelle Studie der Krebsabteilung der WHO belegt, dass Dieselabgase genauso krebserregend sind wie Kontakt mit Asbest oder Passivrauch. Bei stark exponierten Menschen verdreifacht sich das Lungenkrebsrisiko, auch ein Zusammenhang mit Blasenkrebs wird vermutet. Das Risiko für die „breite Bevölkerung“ sei aber geringer.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.06.2012)

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