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Volkskrankheit Sucht: 1,4 Millionen betroffen

11.02.2007 | 19:48 |  ANDREAS WETZ (Die Presse)

20 Prozent der Erwachsenen sind suchtkrank. Nur 20.000 davon entfallen auf Konsumenten illegaler Drogen. "Sucht ist eine schwere Krankheit, und nicht bloß ein schlechtes Verhalten.¿

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Wien. Experten schlagen Alarm: Sucht ist nicht länger das Stigma von Randgruppen, sondern Volkskrankheit geworden. Das Ausmaß zeigt eine aktuelle Berechnung des renommierten Wiener Anton Proksch Instituts (API). 20 Prozent der Bevölkerung über 16 Jahre, das sind 1,4 Millionen Menschen, sind suchtkrank. „Nur“ 20.000 davon entfallen auf Konsumenten illegaler Drogen.

Wird die Gefahr unterschätzt? „Was die Wissenschaft seit Jahrzehnten weiß, hat sich in der Bevölkerung noch nicht herumgesprochen: Sucht ist eine schwere Krankheit, und nicht bloß ein schlechtes Verhalten“, sagt Michael Musalek, Leiter des API. Es gibt also eine Sucht abseits der Drogen.

Der Vergleich mit anderen chronischen Erkrankungen zeigt die Dimension. Die letzte Gesundheitsbefragung der Statistik Austria (1999) wies Bluthochdruck und Wirbelsäulenschäden mit jeweils fünf Prozent Anteil als die am weitesten verbreiteten Krankheiten aus. Suchterkrankungen wurden damals gar nicht erfasst.

Die Binsenweisheit, dass Sucht eine Charakterschwäche sei, löst bei Musalek aus einem weiteren Grund Besorgnis aus. „Der Glaube, dass nur Randgruppen von Sucht bedroht sind, erhöht die Gefahr, selbst zu erkranken.“ Bricht die Erkrankung trotzdem aus, trauen sich nur wenige, das zuzugeben und Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Doch was ist Sucht überhaupt? Die Medizin unterscheidet stoffgebundene und stoffungebundene Süchte. Unter stoffgebundener Sucht versteht man die Abhängigkeit von Substanzen (Alkohol, Nikotin, Heroin). Bei stoffungebundenen Süchten besteht Abhängigkeit gegenüber einem Verhalten (Glücksspiel, Konsum, Sex). Laut aktuellem Forschungsstand liegt eine Erkrankung dann vor, wenn zumindest drei von fünf Kriterien wie Kontrollverlust oder Entzugserscheinungen auftreten.

Damit Sucht ausbricht, genügt es nicht, eine Substanz zu konsumieren oder am Roulette-Tisch zu sitzen. Als Beweis dafür sieht die Wissenschaft das Fakt, dass 98 Prozent der Bevölkerung Kontakt mit Alkohol haben, aber „nur“ fünf Prozent Alkoholiker sind. Fast immer geht mit dem Ausbruch der Sucht schweres psychisches Leid einher (Depressionen, Schicksalsschläge, etc.). Der Teufelskreis schließt sich erst dann, wenn der Patient mit Hilfe einer Substanz oder Verhaltensweise mit Suchtpotenzial versucht, den Problemen zu entfliehen.


Sucht-Suche im Gehirn

Im Gehirn geschieht der Ausbruch stoffgebundener und stoffungebundener Süchte übrigens ähnlich. Vergangenes Jahr entdeckte ein Forscherteam rund um den Innsbrucker Pharmakologen Gerald Zernig-Grubinger, dass dabei jene Bereiche des Hirns stimuliert werden, die für das positive Empfinden für Nahrungsaufnahme, Geborgenheit und Sexualität verantwortlich sind.

Der zweite Teil der „Presse“-Sucht-Serie erscheint am Dienstag. Thema: Harte Drogen.

www. suchtforschung.at

SUCHT-SELBSTCHECK

Eine Suchterkrankung liegt vor, wenn zumindest drei der fünf folgenden Kriterien erfüllt sind:

•Kontrollverlust über das eigene Handeln.

•Um die gleiche Wirkung zu erzielen, muss die Dosis mit der Zeit gesteigert werden.

•Starkes Verlangen, der Sucht nachzukommen („Craving“).

•Ausrichtung des gesamten Tagesablaufs auf das Suchtverhalten.

•Bei stoffgebundenen Süchten: schwere Entzugserscheinungen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.02.2007)

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3 Kommentare
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Sucht ist KEINE Krankheit

Eine Sucht als Krankheit zu bezeichnen sorgt leider dafuer, dass den von einer Sucht betroffenen jede Eigenverantwortung genommen wird. Jeder Ex-Raucher weiss wie schwierig es ist eine Sucht zu ueberwinden; aber er weiss auch, dass es keine Krankheit ist. Diejenigen die eine Sucht Krankheit nennen haben sehr oft ein Eigeninteresse. Entweder sie wollen Dienstleistungen zur Ueberwindung der Krankheit anbieten, oder sie wollen sich - falls selbst betroffen - ihrer eigenen Schwaeche nicht stellen. Dabei sollte jeder Mensch begreifen, dass er/sie fuer seine Handlungen und sein Verhalten verantwortlich ist.

Antworten freeman
13.02.2007 12:34
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Vernünftig,

aber in einer Zeit, in der jeder bestrebt ist, möglichst jedwede Verantwortung für das eigene Leben in fremde Hände zu legen leider eine Minderheitsmeinung.
Bei jeder Sucht gibt es genau eine Person, die sie beenden kann - der Süchtige selbst, aber kein Arzt und kein Medikament.

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seltsame therapieform

und schizophrenie-kranke müssen ihre erkrankung künftig auch selbst aussitzen?
das ist genau das problem der suchterkrankung: leute wie sie sagen, es ist die schuld des individuums, erkrankt zu sein. sucht übterträgt sich jedoch nicht durch viren oder keime, sondern ist ein prozess, bei dem unterschiedliche faktoren zusammenspielen.
auf dorgenabhängige suchtkranke wird gern hingedroschen, dür magersüchte upper-class-mädchen bringt man dann aber plötzlich verständnis auf. es ist schon sehr einfach, sich einfach an leidenden abzuputzen. :-(