Die Ferien sind da, die Fußball-EM ist (fast) vorbei und die Meteorologen versprechen freilufttaugliches Wetter. Kurz: Die Voraussetzungen für die Wiener Sommerkinos, die ab morgen, Freitag, nach und nach ihre Leinwände unter freiem Himmel anwerfen, sind nicht die schlechtesten.
Zudem hat man sich die eine oder andere Neuerung überlegt: Das Film Festival am Rathausplatz, mit bis zu 700.000 Besuchern pro Saison das größte (und kostenlose) Freiluftkino Wiens, geht in seiner 22. Saison in die Breite. Und das gleich mehrfach: Zum einen gibt es heuer eine noch größere Leinwand (300 statt 230 m2), auch die Akustik soll mit zwei weiteren Beschallungstürmen verbessert werden.
Zum anderen wurde das Film Festival heuer inhaltlich merklich für ein breiteres – und jüngeres – Publikum konzipiert: Zeigte man bisher vor allem Aufzeichnungen von Opern und Operetten, gibt es heuer deutlich mehr Mainstream: Mehr Pop, mehr Musical, oder böse formuliert: Ein bisschen weniger Anspruch.
Das zeigt sich schon am Eröffnungsabend übermorgen, Samstag: Den bestreitet die Grammy-prämierte Sängerin Adele („Someone like you“), deren Konzert aus der Londoner Royal Albert Hall gezeigt wird (21.40 Uhr). Einmal die Woche steht künftig ein Popkonzert (Anastacia, Katie Melua, oder, nicht ganz frisch, Elton John) auf dem Programm. Unter die bewährten Opern wie Anna Bolena (mit, erraten, Anna Netrebko) mischen sich heuer auch Musicals („Phantom der Oper“). Keine Frage: Wiewohl schon bisher viele Menschen auf den Rathausplatz kamen, die eher kein Dauerabo in der Staatsoper haben, will sich das Film Festival mit der neuen Ausrichtung jünger und moderner geben. Weiters zeigt man heuer einige Konzertfilm-Klassiker („La Strada“), in Kooperation mit dem österreichischen Filmfestival Viennale, das heuer sein 50-jähriges Bestehen feiert.
Schon ab morgen, Freitag, dient der Karlsplatz als Film-Vorführ-Kulisse und wird mehr als drei Wochen lang vom „Kino unter Sternen“ okkupiert. Wie immer widmet man sich hier dem österreichischen Film. Heuer hat man sich dem Motto „Böse, böse“ verschrieben, zu dem das heimische Kino – vom „Knochenmann“ bis „Michael“ – bekanntlich ausreichend Ware liefert. Wie gehabt gibt es vor den Filmvorführungen (21.30 Uhr, auch hier: Eintritt frei) Diskussionen mit Filmschaffenden. Mit dem Zulauf am Karlsplatz – davor war das „Kino unter Sternen“ im Augarten – ist man in den vergangenen Jahren „sehr sehr zufrieden“, sagt Festivalleiterin Judith Wieser-Huber. Die zahlreichen anderen Sommerkinos sieht sie nicht als Konkurrenz. „In einer Großstadt ist dafür Platz genug“, sagt sie. „Sommerkino funktioniert an den verschiedensten Plätzen der Stadt.“
Wie etwa ganz oben. Mit dem „Kino am Dach“ (auf der Hauptbibliothek, Ticket: 7,50 €) startet nächsten Freitag (5.7.) eine kleine Institution in die Saison. „Keine andere europäische Stadt“, sagt Veranstalter Berndt Anwander, „hat so viele Open Air Kinos wie Wien.“ Die sich, da sie alle unterschiedliche Schwerpunkte setzen, nicht im Weg seien. So könne man sich Blockbuster à la „American Pie“ ebenso unter freiem Himmel ansehen (im „Kino im Schloss“ im Schloss Neugebäude, das bereits läuft) wie auch anspruchsvollere Kost. Unter dem Motto „Good vibrations“ will das „Kino am Dach“ angesichts der allgegenwärtigen Krise „gute, positive Filme in schöner Umgebung“ zeigen.
Mit dem „Volxkino“ war Anwander 1990 zudem einer der Pioniere der Freiluftkinos. „Damals hieß es: So etwas kann man in Wien nicht machen, das wird nicht funktionieren.“ Das Gegenteil war der Fall, zahlreiche Nachahmer die Folge. Bis heute hat sich das „Volxkino“ der Mission verschrieben, kulturell benachteiligte Ecken der Stadt mit (gehobenen) Filmen zu versorgen und tingelt den Sommer über durch die Außenbezirke.
Nächste Woche (5.7.) wird auch der Augartenspitz zum Open-Air-Kinosaal: Das „Kino wie noch nie“, von Filmarchiv und Viennale ausgerichtet, widmet sich heuer ganz der Viennale: An 50 Abenden werden 50 Filme (Chabrol, Fassbinder) gezeigt, die in 50 Jahren auf der Viennale zu sehen waren.
Ebenfalls kommende Woche (6. Juli) startet „espressofilm“, das ausschließlich Kurzfilme zeigt. Mit teils sehr spezifischen Schwerpunkten, wie Knetanimationsfilmen aus Osteuropa. Mit diesen sowie mit dem Rahmenprogramm (Töpferwerkstatt) nähert man sich thematisch der Schau „Mit dem Gefühl der Hände“ im Volkskundemuseum, in dessen Garten „espressofilm“ sein (kostenloses) Open-Air-Festival ausrichtet: Im wenig bekannten Gartenpalais Schönborn (8., Laudongasse) – und mit echten Kinosesseln. Auch hier versteht man die anderen Sommerkinos nicht als Konkurrenz. „Unser Problem sind nicht die anderen“, sagt Leiterin Doris Bauer, „sondern das Wetter“. Das zumindest zum Auftakt mitspielen dürfte.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.06.2012)
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