Den österreichischen Polizeibehörden ist der bis dato größte Schlag gegen Kinderpornographie in Österreich gelungen. In der von luxemburgischen Behörden eingeleiteten und vom Bundeskriminalamt koordinierten Operation "Carole" stellten die Polizeibehörden in Österreich bei 272 Personen kinderpornografisches Material sicher. Bei ihnen handelt großteils um Konsumenten, allerdings wurden im Zuge der Operation auch zwei Fälle von massivem Kindesmissbrauch geklärt.
Durch den Betreiber eines luxemburgischen Rootservers wurde festgestellt, dass über zwei Webseiten Kindesmissbrauchs-Bilder verbreitet wurden. Die Datenverkehrs-Protokolle (Logfiles) der beiden Webseiten wurden von der Polizei beschlagnahmt und an alle involvierten Länder weitergeleitet. Weltweit waren 141 Länder an der Operation "Carole" beteiligt. Die Ermittlungen dauerten wegen der Fülle an kinderpornographischem Material über ein Jahr.
Hausdurchsuchungen erfolgreich
In Österreich übernahm das Bundeskriminalamt die Logfiles und forschte 272 Verdächtige in allen Bundesländern aus. Die Hausdurchsuchungen übernahmen die Landeskriminalämter und stellten Material, teilweise im Terabyte-Bereich, sicher. Die mit Abstand meisten Verdächtigen lebten in Wien mit 68, gefolgt von der Steiermark mit 44, Niederösterreich mit 40, Oberösterreich mit 35, Kärnten mit 25, Salzburg mit 20, Vorarlberg und Tirol mit jeweils 14 sowie dem Burgenland mit zwölf. Gremel zufolge kamen die Ausgeforschten aus nahezu allen Berufssparten, auch Lehrer und Kindergärtner waren darunter. Alle 272 Verdächtige sind männlich. Geistliche von Religionsgemeinschaften waren nicht betroffen.
"Der Schutz der Kinder vor sexueller Gewalt ist eine der wichtigsten kriminalistischen und gesellschaftlichen Herausforderungen unserer Zeit", wird Innenministerin Johanna Mikl-Leitner (ÖVP) in einer Aussendung des Innenministeriums zu den Ermittlungsergebnissen zitiert. "Wir müssen die Täter rasch erkennen und aus dem Verkehr ziehen. Mit dieser Operation ist uns das gelungen."
"Pyramide des sexuellen Missbrauchs"
Die Experten im Bundeskriminalamt sprechen in diesem Zusammenhang von der sogenannten "Pyramide des sexuellen Missbrauchs". "Der Einstieg beginnt mit der Betrachtung kinderpornographischer Bilder und Videos im Netz. In einem nächsten Schritt kommt es dann zur Verbreitung und schlussendlich zur direkten Kontaktaufnahme mit den Opfern. Die Spitze der Pyramide ist der sexuelle Missbrauch", erklärt Ewald Ebner, Leiter des Büros für Allgemeine Kriminalität, die Vorgehensweise. "Unsere Arbeit ist es, bereits die Konsumenten auszuforschen und potenzielle Täter festzunehmen, ehe es zur Verbreitung kinderpornographischer Inhalte und im schlimmsten Fall zum sexuellen Missbrauch kommt." Ebner stellte auch klar, dass man nicht zufällig zum Kinderpornokonsumenten wird: "Auf solche Bilder stößt man nicht, die muss man schon suchen."
Bei manchem Pädophilen kann der Konsum zur regelrechten Sucht führen. Bei einer Hausdurchsuchung lebte ein Verdächtiger in einer sogenannten Messie-Wohnung. Er hatte hunderttausende Missbrauchsfotos gespeichert und war den ganzen Tag damit beschäftigt, diese zu kategorisieren und zu ordnen. Soziale Kontakte hatte der Mann nicht mehr, berichtete Ebner.
99 Prozent der Server, über die kinderpornographisches Material über das Internet angeboten wird, befinden sich im Ausland, vor allem in den USA, in Deutschland und den Niederlanden. "Wir sind daher im ständigen Kontakt mit den europäischen und den internationalen Behörden, wie Europol und Interpol", sagte Chefinspektor Harald Gremel.
"Taten werden immer brutaler"
Weltweit dürften etwa zwischen 200 bis 250 unterschiedliche Webseiten existieren, die über etwa 700 bis 900 Internetadressen aufgerufen werden können. "Dabei nehmen Filesharing-Netzwerke, Newsgroups, Foren und Chatrooms bei der Verbreitung von Kinderpornographie eine immer größere Bedeutung ein. Zusätzlich ist feststellbar, dass die Opfer immer jünger und die Taten zunehmend brutaler werden", sagte Gremel. Bei der Operation "Carole" fanden Erhebungen in allen Bundesländern statt. Bei den Verdächtigen handelt es sich um Männer im Alter von 17 bis 70 Jahren aus allen sozialen Schichten. Darunter auch Berufsgruppen, die direkt mit Kindern arbeiten.
Im Zuge der Operation "Carole" klärte die österreichische Polizei bisher zwei Fälle von Kindesmissbrauch auf. In einem Fall hat ein 61-jähriger Salzburger die Tochter seiner Lebensgefährtin sowohl zu Hause als auch an gemeinsamen Urlaubsdestinationen wiederholt schwerst missbraucht. In einem zweiten Fall hat ein Wiener seine drei Taufkinder missbraucht. Er hat bereits gestanden, Gremel zufolge laufen die Untersuchungen noch.
Gefahr durch "Groomer"
Ebner warnte auch vor sogenannten Groomern, also Pädophile, die sich in Social Networks oder Chatrooms an ihre Opfer heranmachen. Eine Variante ist, sich als Gleichaltriger auszugeben und so an ein Treffen zu gelangen. Die andere Variante ist, ganz offen als väterlicher Freund aufzutreten und sich so das Vertrauen des Opfers zu erschleichen. Die Minderjährigen werden überredet, Nacktfotos von sich zu verschicken, und dann damit unter Druck gesetzt, dass sie sich mit dem Täter treffen. Die Meldestelle "Kinderpornographie und Kindersextourismus" verzeichne immer mehr Fälle von "Grooming", so Ebner.
Eltern müssten ihren Kindern klarmachen, dass sie sich nur in Begleitung eines Freundes mit einer Internetbekanntschaft treffen sollten. Auch sollten sie dem Getroffenen sofort mitteilen, dass ihre Eltern von dem Treffen wissen, empfahl der BK-Experte. Nicht zuletzt sollten sich Eltern nach dem Motto "Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser" hin und wieder den Verlauf ansehen, nachdem ihre Kinder am Computer agiert haben.
Erfolge der letzten Jahre
Nach der Operation "Ghostrider", bei der im letzten Jahr 197 Tatverdächtige weltweit ausgeforscht werden konnten und der großen internationalen Operation "Charly" 2010, der ebenfalls luxemburgische Ermittlungen zugrunde lagen und bei der 163 österreichische Tatverdächtige ausgeforscht werden konnten, handelt sich bei der Operation "Carole" um die bislang umfangreichsten Ermittlungen gegen Konsumenten von Kinderpornographie in Österreich.
1998 wurde die Meldestelle "Kinderpornographie" im Bundeskriminalamt eingerichtet, 2010 wurde sie um das Themenfeld "Kindersextourismus" erweitert. Im Jahr 2011 wurden 2.589 Hinweise gemeldet, davon 1.532 als illegal verifiziert. Der Trend zeigt, dass die Anzahl kinderpornographischer Websites leicht zurückgeht, stattdessen wird kinderpornographisches Material verstärkt auf versteckten Foren und Chats ausgetauscht.
(APA/Red.)
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