21.05.2013 19:19 Merkliste 0

Fall Kampusch: Gegenoffensive der Staatsanwälte

16.07.2012 | 15:52 |  Von MANFRED SEEH (Die Presse)

Die Staatsanwälte weisen Kritik an ihrer Arbeit im Fall Kampusch als „unbegründet" zurück. Ein Kommuniqué stellt das Resultat des parlamentarischen Unterausschusses infrage.

Artikel drucken Drucken Artikel versenden Senden Merken AAA Textgröße Artikel kommentieren Kommentieren

Wien/Innsbruck. 28. Juni im Parlament: Die Fraktionsführer aller fünf Parteien tragen vor einem Großaufgebot an Pressevertretern in seltener Einmütigkeit ihr Kommuniqué zum Entführungsfall „Natascha Kampusch" vor. Dabei üben sie harte Kritik an der Tätigkeit der Staatsanwaltschaft und fordern eine neue Evaluierung des Falles. Diese ist, wie berichtet, mittlerweile - sogar unter Mithilfe des FBI - im Gang. Doch die Staatsanwälte nehmen das Kommuniqué des Unterausschusses nicht schweigend hin. Sie sandten eine Art „Gegen-Kommuniqué" an die fünf Fraktionen.

In diesem Papier wird das Unterausschuss-Kommuniqué zurückgewiesen. Denn: „Dieses Kommunikee (sic) enthält leider kein Tatsachensubstrat. Es wartet einerseits mit Erkenntnissen und Feststellungen auf, die unbegründet bleiben, andererseits werden den Staatsanwälten Versäumnisse und Untätigkeiten vorgeworfen, ohne ein Alternativverhalten aufzuzeigen [. . .]."

Verfasst wurde diese - sechs Seiten starke - Gegenoffensive von jemandem, der über durchaus ausgeprägte Kenntnisse in Sachen Kampusch verfügt - handelt es sich doch um den Leiter der Oberstaatsanwaltschaft Innsbruck, Kurt Spitzer. Also um jenen hohen Anklagevertreter, in dessen Zuständigkeit das - längst eingestellte - Amtsmissbrauchsverfahren gegen fünf ehemalige Kampusch-Staatsanwälte fiel. So wird auch verständlich, dass Spitzer in seinem (übrigens schon seit voriger Woche in den Parlamentsklubs kursierenden) Schreiben eine diesbezügliche Rüge parat hat: Die Einstellung des Innsbrucker Verfahrens wird von der Staatsanwaltschaft Innsbruck auf zirka 400 Seiten ausführlich begründet. Dabei sei „eine Reihe von Verfahrensabläufen thematisiert" worden, „die sich sehr wohl für eine Gesamtevaluierung hätte eignen können".

Doch damit befasse sich das Parlamentskommuniqué „mit keinem einzigen Satz". Tatsächlich hat sich Innsbruck nicht nur mit etwaigen Versäumnissen der beschuldigten Ankläger auseinandergesetzt, sondern ist auch detailreich auf die Kampusch-Ermittlungen selbst eingegangen.
Auch sonst bekommt der Unterausschuss, der unter der Leitung des ÖVP-Abgeordneten Werner Amon getagt hatte, die Rechnung präsentiert: „Eine ganze Reihe von Feststellungen in diesem Kommunikee" stünde nämlich „im Widerspruch zum tatsächlichen Verfahrensablauf".

Ein Beispiel: Die Kampusch-Ermittlungen ab der Entführung im März 1998 (Flucht des Opfers: August 2006) bis Anfang 2008, der Zeit des Inkrafttretens der neuen Strafprozessordnung, seien unter Leitung der Polizei gestanden. Und nicht unter jener der Anklage. Schon seit der ersten Evaluierungskommission (Adamovich-Kommission) habe gegolten: „Immerhin war das Justizministerium ab Einsatz der Evaluierungskommission im Feber 2008 in alle Entscheidungsprozesse eingebunden [. . .]." Also: Der Unterausschuss unter ÖVP-Vorsitz kritisiert das ebenfalls seit Jahren unter ÖVP-Führung stehende Justizressort.

Auch auf Parlamentskritik im Konnex mit der Aussage der Zeugin A. geht das Schreiben ein. A. ist jene junge Frau, die angibt, zwei Täter bei der Entführung von Natascha Kampusch gesehen zu haben. Eine Aussage, die freilich der offiziellen Ein-Täter-These widerspricht (einziger Entführer Wolfgang Priklopil, er beging nach der Flucht seines Opfers Suizid).

Zunächst galt Mehr-Täter-These

In der Stellungnahme bekräftigt Spitzer, dass die Staatsanwaltschaft einst aufgrund der (schon 1998 protokollierten) Aussage des Mädchens A. „natürlich davon ausgegangen war, es mit mehreren Tätern zu tun zu haben". „Erst nach der Selbstbefreiung der Natascha Kampusch entstanden aufgrund der dezidierten Angaben des Opfers, die auch Zeugin ist, Zweifel, ob tatsächlich zwei Täter an der Entführung beteiligt waren."

Wie der Widerspruch zwischen den beiden Aussagen auszuräumen sei, habe der Unterausschuss offengelassen. Aber: „Ungelöste Fragen sind keine Ermittlungsansätze." Dass nun Cold-Case-Spezialisten (inklusive FBI und dem deutschen Bundeskriminalamt) am Werk seien, zeige nur, dass es auch dem Unterausschuss „nicht gelungen ist, konkrete Ermittlungsansätze zu finden".

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17. Juli 2012)

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo

Mehr aus dem Web

51 Kommentare
 
12
Gast: Gast: Biggi
10.09.2012 02:42
0 0

Das Leben ist kein Film

Und die "Angaben des Opfers" dürfen natürlich nicht angezweifelt werden. Genau so ist es,denn wenn sie alles gesagt hat, hat sie alles gesagt.Wer eigentlich sollte es besser wissen als sie selbst? Wie kann man so dumm sein das zu bezweifeln. Ihr schaut zuviel Fernsehen, eindeutig. Das Leben läuft aber nun mal nicht ab wie im Film, auch wenn euch das zu langweilig ist und die Gespenster, die ihr an jeder Ecke seht, sind nur in euren Köpfen.Sucht euch lieber ein Hobby zur Abwechslung-vom Fernsehschaun verblödet man nur oder haltet einfach die Klappe. Was eure schlaue "Deutungsweise" angeht vonwegen "nicht besonders überzeugend" und ihr "doch recht seltsames Verhalten" : Davon lasst mal besser die Finger , überlasst das lieber anderen und schaut euch eure Filme weiter an. Wenn man keine Ahnung hat sollte man sich einfach geschlossen halten!

Gast: Franz Kepplinger
17.07.2012 15:44
5 19

"Angaben des Opfers"

Und die "Angaben des Opfers" dürfen natürlich nicht angezweifelt werden.

Darum geht es jedoch! Frau K. ist nicht besonders überzeugend und ihr doch recht seltsames Verhalten sollte rückhaltlos hinterfragt werden. Aber genau an dieser Stelle bleibt der Staatsanwalt stehen und tut nichts mehr. Möglicherweise aus Gefälligkeit gegenüber bereits gemutmaßten Seilschaften.

Gast: gumpolds
17.07.2012 14:42
3 0

Die gelenkten Staatsanwälte sind bereits ein Staat im Staat, der kein Rechtsstaat mehr ist. Politjustitz und Networking sind an der Tagesordnung!


18 6

Für das Opfer ein nie enden wollender Albtraum ...


Eine gestohlene Kindheit und Jugend.
Ein Lebens-und Entwicklungsabschnitt, der nie mehr eingeholt werden kann.

Danach sofort kalt in den Öffentlichkeit gezerrt ohne zu wissen, wie man agiert und sich schützt.

Grausam.


Re: Für das Opfer ein nie enden wollender Albtraum ...

Mir schaut es eher nach einer nie enden wollenden Geschäftemacherei aus. Wer hat eigentlich die Rechte an der Verwertung?

Antworten Gast: Franz Kepplinger
17.07.2012 15:47
5 3

Re: Für das Opfer ein nie enden wollender Albtraum ...

Wir wissen noch gar nicht was wirklich war. Es gibt starke Indizien in die Richtung, demnach der Opferstatus differenziert zu betrachten ist.

Warum hält sie uns zum Narren? Eine Liebesgeschichte machte sich natürlich nicht so gut.

Antworten Antworten Gast: Herbert Fux
18.07.2012 23:07
0 0

Re: Re: Für das Opfer ein nie enden wollender Albtraum ...

lasssen wir einmal alle Verschwörungstheorien ausser Acht:
was bleibt?
a.NK wurde entführt(vermutlich mit einem Mitwisser) und sukzessive gefügig gemacht-mit Drohungen,Versprechungen,Zuneigung
b.in dieser Beziehung gab es offensichtlich auch eine sexuelle,ev. hörige Komponente
c. es könnte zu einer Fehlgeburt oder Abtreibung gekommen sein
d.NK hat mit ihrer Flucht trotz aller Umstände bis zu ihrem 18.Geb gewartet
e.eine Rückkehr in ihr Elternhaus war für NK nicht gewünscht
f.alle persönlichen Unterlagen wurden voreilig Frau NK zurückgegben,sodass Fotos,Videos,Tagebücher als Beweismittel nicht mehr verfügbar sind
(diese wird sie sicher nicht mehr herausrücken)
g. demnächst wird auch eine Verfilmung kommen,sodass der Medienrummel sicher nicht kleiner wird
h.das ist eine realistische Erklärung...
wäre für die neue Kommission durchaus plausibel und ein Schlussakt

Antworten Gast: starisborn
17.07.2012 14:53
6 2

Re: Für das Opfer ein nie enden wollender Albtraum ...


glauben nicht, dass sie das so empfindet,
sonst gäbe es wohl keine verfilmung !

Antworten Gast: ungeliebter Heike
17.07.2012 14:51
24 6

ja, aber sie erfüllt jetzt eine wichtige Funktion

Wir alle hätten von ihr viel lernen können.

Inzwischen ist SIE sogar noch wichtiger für uns, weil sie unserer Politik, unserer Justiz und unserer desaströsen POLIZEI den Arsch aufreißt und uns diese Bagage als unprofessionelle rechte Trolle vorführt, ganz OHNE selber etwas zu tun. Die zerfleischen sich ihretwegen schon ganz von alleine. Und nach dem politischen Willen wird das noch lange weitergehen.

Ihre bloße Existenz wurde zu einem FANAL für die inkompetente Brut von Versagern und Vertuschern, die nicht weiß, wann man sich zu entschuldigen hat, weil sie selber nicht im Keller, sondern hinter den Mistkübeln aufgewachsen sind.

*rofl*

Gast: unsinnig
17.07.2012 09:16
7 8

wozu das alles?

kostet der republik nur geld, weil einige verschwörungsprofis und sonstige nichtkönner (amon) und es wird nix neues herauskommen. und in diesem fall gebe ich den staatsanwälten recht, wenn sie gegen die komiker aus dem parlament vorgehen. was soll der fbi bei uns? der bringt doch im eigenen land nix gscheites zusammen.

Re: wozu das alles?

Panik ?

Gast: timeo
17.07.2012 08:29
12 5

Angst der Staatsanwälte

Die Staatsanwälte währen sich.
Wogegen ?
Oder haben sie anscheinend doch Angst, dass etwas herauskommen könnte, dass sie schlecht da stehen ?
Denn wenn ihre Arbeit 1oo% in Ordnung ist -wie sie ja immer wieder behaupten- , dann können sie sich doch ruhig zurücklehnen.

Gast: egi
16.07.2012 23:06
5 6

Wenn man bedenkt,

wie die Staatsanwaltschaft in Kärnten gegen Politverbrecher vorgeht, ist es nur natürlich, dass für diese Personen nicht mehr die Unschuldsvermutung für ihre Loyalität gegenüber dem Staat gilt, sondern der Generalverdacht mit Kriminellen und PolitikerInnen in einem Bett zu liegen, - sie könnten sich daher jede Äußerung sparen!

Gast: Nick Knatterton
16.07.2012 21:31
11 4

Oberstaatsanwalt Spitzer findet keine Ermittlungsansätze ??


Ja wofür haben wir ihn denn so lange studieren lassen ?

Antworten Gast: ungeliebter Heike
16.07.2012 22:15
27 3

Bildungslücken?

Das FBI war im Fall Priklopil bereits beratend tätig und hat Platters amtliche Kasperl-Kommission bei der Fallanalyse unterstützt ...

Selbstverfreilich kann man auch immer wieder das Gleiche erkunden.
Und die EIGENEN Ergebnisse von 2008 – 2010 negieren: Da wurden von der Kasperlkommission ALLE Polizeifehler auftragsgemäß kleingeredet bis zur Unkenntlichkeit.

So wird es wieder sein, das ist der politische Wille.

11 0

Staatsanwalt Kurt Spitzer beklagt: ".. andererseits werden den Staatsanwälten Versäumnisse und Untätigkeiten vorgeworfen, ohne ein Alternativverhalten aufzuzeigen."


Interessanter Standpunkt!

Die Folgerung, das beschriebene Unterlassene und Verabsäumte als Alternative getan zu haben, ist einem Juristen also unzumutbar. So macht sich halt jeder auf die im genehme Art lächerlich.

Gast: Garst
16.07.2012 19:25
24 5

Na da geht ja ein paar Personen ganz schön der "Reis"


Antworten Gast: Franz Kepplinger
17.07.2012 15:50
1 1

Re: Na da geht ja ein paar Personen ganz schön der "Reis"

Der Reiß!

'Reis' ist was zum Essen.

Gast: Brennstein
16.07.2012 19:16
16 5

Mit Broda begann es so richtig.

"Unsere Justiz ist total verkommen".
Das hat schon der weiland Jörg Haider vor Jahren festgestellt und leider ist es seitdem nur noch schlimmer geworden.

Re: Mit Broda begann es so richtig.

Das war doch als Böhmdorfer Justizministerin wurde, oder?

Re: Mit Broda begann es so richtig.

Haider anno dazumal: "Die Justiz ist total verkommen. Buberln, auf gehts. Das ist unsere Chance!"
Ja, und sie haben sie genutzt.

Gast: Leser
16.07.2012 18:50
20 5

Sollte das jemals vollständig aufgeklärt werden krachts im Gebälk der Republik!

Angefangen von der Justiz bis rauf zur Politik!
Wer hätte sonst die Macht so etwas im Sand verlaufen zu lassen?
Und die Kampusch selbst schweigt.
Dubios ist ein Hilfsausdruck zu diesem "eigenartigen" Fall.

Hat sich Frau Kampusch auch zur Mitarbeit bereiterklärt?

Oder gibt sie nur Betroffenheitsjournalisten zu ihr genehmen Fragen Auskunft bzw. gibt ein Buch heraus? Wieviel verlangt sie für die Beantwortung offener Fragen?

Antworten Gast: Silke Edda
17.07.2012 15:56
3 2

Re: Hat sich Frau Kampusch auch zur Mitarbeit bereiterklärt?

Es wurde da und dort schon geäußert (u.a. in der Wiener Zeitung), dass der Wunsch, es möge nicht ermittelt werden, von IHR ausgehe. Also das ganze Desaster bei ihr seinen Ursprung hat. Und die Staatsanwaltschaft hat sich diesem Wunsch zuvorkommend gebeugt.


Antworten Gast: pfefferle
17.07.2012 08:38
1 1

Re: Hat sich Frau Kampusch auch zur Mitarbeit bereiterklärt?

korrekt wäre: "..bzw. gibt sie ein Buch heraus?"


Re: Re: Hat sich Frau Kampusch auch zur Mitarbeit bereiterklärt?

"Korrekt", nicht "korrekt", da Satzanfang.
Aber vielen Dank für die Korrektur, da haben Sie recht.

 
12