Bad aussee. Noch ist von dem 26-Millionen-Euro-Projekt wenig zu sehen. Einzig eine unfertige Abzweigung, die rund 30 Meter von der Bad Ausseer Ortsumfahrung wegführt, deutet an, dass hier bald einiges anders sein wird. Hier auf dem Lerchenreither Plateau soll in wenigen Wochen der Spatenstich erfolgen. Hier am Rande der Gemeinde will die Kurstadt Bad Aussee gemeinsam mit privaten Investoren ihr neues Wahrzeichen, ihre touristische Zukunft bauen: ein Kurbad samt Apartmenthotel, das nach seiner geplanten Fertigstellung Ende 2013 jährlich 100.000 Menschen anlocken soll.
Heute, Donnerstag, sollen die Gemeinderäte den Bebauungsplan beschließen und den Weg für die Realisierung frei machen. Doch in der Bevölkerung ist die Ablehnung von Bad und Hotel groß. Anfang der Woche gab es einen öffentlichen Diskussionsabend, bei dem das Kurhaus mit rund 450 Menschen fast komplett gefüllt war. Organisiert hatte die Veranstaltung nicht die Gemeinde, sondern Matthias Grill, ein besorgter Anrainer: „Da wird ein Projekt hergestellt und wir konnten nicht einmal darüber diskutieren.“
„Landschaft kaputt gemacht“
Anfang Mai sei das Projekt präsentiert worden, Tage später erfuhr er, dass es sich nicht, wie bei der Präsentation behauptet, um drei Baukörper mit rund 50 Apartments handle, sondern dass 14 Gebäudeblöcke errichtet werden sollen. Dass nicht sichtbar war, wie viel genau verbaut wird, sei daran gelegen, dass mehrere Baustufen mit mehreren Teilbebauungsplänen vorgesehen sind. Für Grill war das der Anlass, selbst initiativ zu werden.
„Im Gemeinderat wird zurzeit die Zukunft von Aussee verspielt“, sagt die grüne Gemeinderätin Elisabeth Welzig. „Das, worauf die Ausseer immer stolz waren und was ihre wichtigste Ressource ist, nämlich die Landschaft, wird verschleudert und kaputt gemacht.“ Wie so oft bei Infrastrukturprojekten geht es auch in Bad Aussee um die Frage, wie die wirtschaftliche Notwendigkeit nachhaltig mit der Umwelt in Einklang zu bringen ist. Denn dass ein neues Bad nötig ist, ist in der Bevölkerung weitgehend unbestritten. Das „Vitalbad“ im Zentrum, dessen Wasser mit Salz aus den nahen Salinenwerken angereichert wurde, ist in die Jahre gekommen. Ende des Monats wird es geschlossen. Doch bei der Frage, wie und wo das neue Bad gebaut werden soll, fühlt sich die Bevölkerung nicht ausreichend informiert und ernst genommen.
„Als mit dem Bau der Abzweigung begonnen wurde, begann sich Widerstand zu regen“, sagt Otto Marl, „denn da ist erstmals sichtbar geworden, dass sich etwas tut.“ Seit zwölf Jahren ist Marl SP-Bürgermeister in Bad Aussee. Fast genauso lange begleitet ihn die Idee, ein neues Kurbad zu bauen. Schon 2001 hatten die Gemeinderäte einstimmig den Entschluss dazu gefasst. Nicht im Zentrum, sondern an der Peripherie. Nur dort, so das Argument, ließe sich das ursprünglich geplante Investitionsvolumen von rund 50 Millionen Euro verwirklichen. Grundstücke wurden gekauft und umgewidmet, Verhandlungen mit dem Land Steiermark über Konditionen und Förderhöhe geführt, private Investoren ins Boot geholt, Verträge abgeschlossen – und es wurde geplant. 2006 wählte eine Jury ein Siegerprojekt aus. Zu dessen Umsetzung kam es nie: Das Investitionsvolumen war zu groß, Investoren sprangen ab, auch die Finanz- und Wirtschaftskrise setzte ein.
Kaufleute sammeln Unterschriften
Erstmals wurden Stimmen laut, das Projekt in abgespeckter Form wieder in die Ortsmitte zu verlegen. Bad Ausseer Kaufleute organisierten eine Unterschriftenaktion, da sie Geschäftsrückgänge befürchteten, wenn das neue Bad nicht im Stadtzentrum errichtet wird. Doch Bürgermeister Marl blieb bei seinem Plan. Mit Reinhard Hohenberg, Rechtsanwalt und Immobilientycoon aus Graz, war ein potenter Investor an Bord geholt worden. Einen Diskussionsprozess mit der Bevölkerung, wie und wo das neue Bad entstehen soll, gab es nicht.
Genau deshalb regt sich nun Kritik. Man will, dass Bedenken über den Eingriff in die sensible Landschaft ernst genommen werden. Will wissen, ob das Projekt tatsächlich gewinnbringend laufen kann. Die Informationspolitik der Gemeindeführung wird bei der Veranstaltung, die Matthias Grill organisiert hatte, deutlich: Trotz Einladung zur Diskussion bleiben SP-Bürgermeister Otto Marl und sein Vize dem Podium fern und saßen zum Unmut einiger der Anwesenden nur im Publikum. „Es ist meine Devise, unter dem Volk zu sein und nicht abgehoben auf einem Podium zu sitzen“, erklärt Marl sein Vorgehen im Gespräch mit der „Presse“. Zudem, meint er, hätten manche gerne eine Hinrichtung der politischen Verantwortlichen erlebt. Und er sei nicht bereit, „sich zehn Sekunden vor Zwölf bei einem Projekt, das Aussee dringend braucht, dem zu stellen.“
("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.07.2012)
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