25.05.2013 01:07 Merkliste 0

Wien: Umwidmungen auf Wunsch?

22.07.2012 | 18:16 |  ANDREAS WETZ (Die Presse)

"Die Presse" dokumentierte mehrere Fälle, in denen sich die Flächenwidmung offenbar nach den zu errichtenden Gebäuden richtet - und nicht umgekehrt. Denkmalschützer sprechen von "nachträglicher Legalisierung".

Artikel drucken Drucken Artikel versenden Senden Merken AAA Textgröße Artikel kommentieren Kommentieren

Was nicht passt, wird passend gemacht. So lautet der Titel einer im deutschen Ruhrgebiet spielenden Filmkomödie, die den Alltag von Arbeitern auf dem Bau beschreibt. Auf das Wesentliche reduziert scheint er jedoch auch für so manche Tätigkeit der Wiener MA21 stehen zu können. Die Abteilung ist Hüterin des Flächenwidmungs- und Bebauungsplans der Hauptstadt, eines der wichtigsten und sensibelsten Instrumente der Stadtplanung.

Mehrere von der „Presse“ dokumentierte Fälle zeigen, dass so manches bestehende Gebäude in Wien weder der Widmung, noch dem ihm im Plan zugewiesenen Bauplatz entspricht, also streng genommen am falschen Ort steht. In zwei Verfahren versucht die MA21 derzeit, den Flächenwidmungs- und Bebauungsplan bereits bestehenden oder geplanten Gebäuden anzupassen. Davon betroffen sind Gebiete in Alsergrund und Hietzing. Hinter den Kulissen brodelt bereits der Ärger. Anrainer fühlen sich übergangen, Denkmalschützer sprechen von „nachträglichen Legalisierungen“ sowie Widmung nach Wunsch, und sogar in den Bauausschüssen der Bezirksparlamente kam es zu Streit. Nur der Magistrat bewahrt (noch) die Ruhe: Die (ob ihrer Komplexität nur schwer durchschaubaren) Vorgänge, heißt es, seien ganz normales Prozedere.

 

100 statt 70 Prozent verbaut

Das Epizentrum des aktuellen Planungsbebens befindet sich mitten in Hietzing, zwischen Maxingstraße und dem ORF-Zentrum, einer städtebaulichen Schutzzone rund um die historische Villa Schratt, in der auch von den Architekten Roland Rainer und Carl Auböck gestaltete Anwesen stehen. Streitobjekte: Die bestehende Neubauvilla eines prominenten Agenturbesitzers sowie eine geplante Wohnanlage, die eine Firma des Grazer Unternehmers Hans Roth errichten will. Und tatsächlich: Ein Blick in den Plan der MA21 zeigt, dass die Villa nicht auf dem ausgewiesenen Bauplatz steht, die Wohnanlage in der Höhe, in der sie geplant ist, ebenfalls nicht errichtet werden könnte. Die neue Flächenwidmung soll beide Makel mit einem Schlag beheben.

In Alsergrund zeigt sich ein ähnliches Bild. Im Grätzel nördlich des Schottenrings steht ein Bankgebäude. Laut gültigem Bebauungsplan hätten eigentlich nur 70 Prozent des Grundstücks verbaut werden dürfen, 100 Prozent sind es geworden. Und die 1,5 Mio. Euro teure Gärtnerunterkunft der Stadtgärten im Beserlpark am Schlickplatz steht ebenfalls nicht auf Bauland. Für beide Gebäude sollen nun entsprechende Widmungen erfolgen. Alles nur Zufall?

„Wir hatten echtes Glück, mit Widmung auf Zuruf hat das überhaupt nichts zu tun“, sagt Architekt Christoph Huber, der für die Unternehmerfamilie Roth die Luxuswohnungen in Hietzing plant. Die MA21 überarbeitet in der Region nämlich von sich aus den Flächenwidmungs- und Bebauungsplan. Das ist alle paar Jahre so üblich, schließlich verändern sich Städte permanent. „Diesem Verfahren haben wir uns angeschlossen und unsere Vorschläge eingebracht“, so Huber.

Dabei könnte zumindest die Optik besser sein. Der Vorbesitzer des Grundstücks, auf dem noch eine abgewohnte, von Carl Auböck entworfene Villa steht, wollte dort ebenfalls bauen. Allein: Er erhielt keine Genehmigung dafür. Architekt Huber hingegen sagt heute, dass der Magistrat nun lediglich gleiches Recht für alle schaffe. Widmung auf Zuruf? „Nein.“

Anwohner sehen das anders. Der Maler Georg Thun spricht in seiner schriftlichen Einwendung an die MA21 wörtlich von einer „Gefälligkeitswidmung“. Denn selbst der Magistrat gibt in den Erläuterungen zum Widmungsvorhaben zu, dass es bei vergangenen Planungen immer wieder „Probleme“ mit der Höhe der Dächer gegeben habe. „Nun erhöht man einfach von sechs auf 10,5 Meter und alles ist gut“, ätzt Thun im Gespräch mit der „Presse“.

 

Sondergenehmigung für alles?

Der Verein Initiative Denkmalschutz geht sogar noch einen Schritt weiter. In einem Schreiben an den Magistrat ist von „nachträglichen Legalisierungen“ der Prominentenvilla in Hietzing sowie des Bankbaus in Alsergrund zu lesen. Und selbst die nachträgliche Bauplatzwidmung des Gärtnergebäudes am Schlickplatz sei symptomatisch. „Lästige Stellungnahmen von Bürgern werden bei nachträglichen Widmungen angeblicher Provisorien einfach vermieden“, glaubt Vereinsvorstand Markus Landerer.

Ganz so einfach ist es dann aber doch nicht. Für alle genannten Bauten existieren nämlich rechtsgültige Baubewilligungen der Baupolizei. Und das, obwohl ein Blick in den Widmungsplan eher das Gegenteil vermuten ließe. Trotzdem gibt es schlüssige Erklärungen dafür. Recherchen bei MA37 (Baupolizei) und MA21 ergaben, dass die Hietzinger Prominentenvilla wegen einer im Jahr 2000 erteilten Sondergenehmigung (§69 Wiener Bauordnung) woanders stehen darf, als vorgesehen. Die Alsergrunder Bank behalf sich damit, das Dach des Hauses, das 100 Prozent des Grundstücks überspannt, als „Bau vorübergehenden Bestands“ (§71 Bauordnung) einzureichen. Zusätzlich wurde nach Auskunft der MA37 ebenfalls eine Sondergenehmigung nach §69 erteilt.

Und trotzdem können die beiden Dienststellen des Magistrats (politisch verantwortlich sind Vizebürgermeisterin Maria Vassilakou und Wohnbaustadtrat Michael Ludwig) nicht alle Kritikpunkte entkräften. Die Frage, warum im Fall der Bank eine aus gutem Grund nur zeitlich begrenzt genehmigte Innenhof-Überdachung nachträglich und per Widmung dauerhaft erlaubt wird (künftig 100 statt nur 70 Prozent Bebauung) blieb unbeantwortet.

 

Anrainer enttäuscht

Das Thema Sondergenehmigungen nach §69 ist ein eigenes Kapitel. Weil die Zahl der von Beamten gewährten Ausnahmen seinerzeit Überhand nahm (und bei Kritikern als Einfallstor für Korruption galt), wurde die Bestimmung 2009 deutlich verschärft. Was umgekehrt bedeutet, dass nachträgliche Zu- und Umbauten ebenfalls Sondergenehmigungen brauchen. Und zwar nach den nun strengeren Regeln. MA37-Chef Peter Cech: „Ob diese Ausnahmen in den konkreten Fällen heute noch einmal erteilt würden, kann hinterfragt werden.“ Es sei denn, eine nachträgliche Umwidmung macht die Sondergenehmigung überflüssig.

Recherchen ergaben, dass zumindest für die Hietzinger Villa ein Zubau geplant ist. Was er denn mache, wenn er keine entsprechende Widmung erhalte? „Dann baue ich eben nicht“, sagt der Bauherr. Von einer Widmung auf Wunsch will auch er nichts wissen.

Ob der Gemeinderat die vorgeschlagenen Umwidmungen beschließt, ist noch nicht entschieden. Klar jedoch ist, dass so mancher Anrainer von der Politik enttäuscht ist. Insbesondere von den Grünen. Wie die SPÖ arbeite, sagt IG-Althietzing-Sprecher Christoph Bösch, wisse man. „Aber dass nun ausgerechnet die Grünen, die immer von Bürgerbeteiligung reden, die Interessen von uns ignorieren, hat uns doch überrascht.“

Auf einen Blick

Der Flächenwidmungs- und Bebauungsplan ist das wichtigste Instrument der Wiener Stadtplanung. Er stellt übergeordnete Interessen über Wünsche von Einzelnen, bestimmt, was wie hoch und an welcher Stelle gebaut werden darf.

Bauherren müssen sich an diese Vorgaben halten. Es gab (und gibt) jedoch Ausnahmebestimmungen. Der berüchtigte §69 der Wiener Bauordnung machte vieles möglich, erlaubte „unwesentliche Abweichungen“. So wuchs der Millennium Tower von 140 auf 202 Meter. Weil Kritiker im Paragrafen ein Einfallstor für Korruption vermuteten, wurde er 2009 verschärft.

Gebäude, die nach dem alten §69 errichtet wurden, sind nach dem neuen kaum zu verändern. Es sei denn, man ändert die Widmung. Nachträglich, oder im Voraus.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.07.2012)

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo

Mehr aus dem Web

71 Kommentare
 
12
Gast: justerix
25.07.2012 13:55
1 0

Umwidmungen

Der wiener Korruptionssumpf lässt grüßen.

das ist eben gelebte bürgergesellschaft


mehr direkte mitbestimmung kann man sich doch echt nicht mehr wünschen, als wenn man sich von der angeblich so starren und unflexibelen bürokratie, seine maßgeschneiderte flächenwidmung kaufen kann. wo ist das problem?

das ist eben dienst am kunden, wie ihn "die presse" sonst so schätzt!


gibt doch nix schlimmeres, als starre bürokratien, die mit ihren staatlichen regulierungen die bürger bevormunden.

da lob ich es mir doch, wenn in wien die zeiten dieser obrigkeitsstaatlichen sozialismus vorbei sind, und die bürger sich gefälligkeitswidmungen kaufen können. wer zahlt schafft an, das ist angewandte freie markwirtschaft! weiter so!


Re: das ist eben dienst am kunden, wie ihn "die presse" sonst so schätzt!

ha. du frustierte gestalt hast soeben zu meiner bildung beigetragen: auch auf presse.at kann man user ignorieren!

Re: Re: das ist eben dienst am kunden, wie ihn "die presse" sonst so schätzt!


einerseits freut mich das. anderseits heißt das, dass deine bildungskarriere damit schon wieder vorbei ist. wie schade!

Gast: Langfristig denken!
23.07.2012 18:49
2 0

Alle Gebäude vor 1914 unter Denkmalschutz stellen

Wien hätte dann in 100 Jahren, so wie Florenz und Prag heute, eine einmalige Stadt. Stattdessen macht sich Wien auswechselbar (Wien Mitte, ...). Allerweltsbauten, die überall stehen könnten. Langfristig gesehen ein schwerer Fehler.

Gast: Be-obachter
23.07.2012 18:24
3 0

Aber bitte - das ist doch eh überall gang & gebe

Du willst Grund umwidmen lassen? Das geht aber nicht für Einfamilienhäuser! Nur wenn da wirklich ein großer fetter Klotz hinkommt, wo viele Familien auf engsten Raum unterkommen, dann leiten wir das in die Wege. Weil wir wollen ja schliesslich Bevölkerungszuwachs, wegen der Bedarfszuweisung - weisst eh...

der Dank der Paten

Für das viele bezahlte Schmiergeld ist die nachträgliche Legalisierung eigentlich selbstverständlich, quasi Ehrensache.

Gast: Geldwäscher
23.07.2012 14:56
8 0

Die klebrigsten Finger der Stadt Wien .....

Wieso darf die globlae Investorfirma VAMED mitten im denkmalgeschützten Otto-Wagner-Spital /Steinhof einen grauenhaften riesigen Hotelkomplex samt Wellnessanlage hineinbauen?
Wieso wurde so umgewidmet, daß die gemeindeeigene Gesiba dort Wohnklötze hineinbauen darf?
Wieso darf der gemeindeeigene KAV alles verscherrbeln, verhökern, versilbern?

www.steinhof-erhalten.at

www.aktion21.at

Skandalöse Zustände in Wien, wie in den 3.-Welt-Ländern, wo die Potentaten alles was dem volk gehört für den eigenen Clan verkauft haben - jagen auch wir sie weg!


Gast: Aktion21
23.07.2012 11:37
5 0

Paragrafnix

Buchtipp: "Wer baut Wien?" von Reinhard Seiß
Verlag: Pustet, Salzburg
ISBN-10: 3702505385
ISBN-13: 978-3702505387

Re: Paragrafnix

Danke, hab ich gerade bestellt.

Gast: HWQ2
23.07.2012 11:23
8 0

Die ÖVAG

baut sich, trotz Milliardenschulden, einen Motzo-Protz-Palast in den Neunten - und dann halten sie sich nicht mal an den Bebauungsplan???

Gast: Reflector
23.07.2012 11:16
15 0

Wenn der Hund auf die Wurst aufpasst


Wer schon mit Wr. Behörden wie der MA37 (MA28 und 36 auch sehr empfehlenswert) zu tun hatte und dann auch noch die Gepflogenheiten bei der öffentlichen Auftragsvergabe kennt, der kann über solche 'Lappalien' eigentlich nur mehr schmunzeln.

Alles nichts Neues, aber die, die das eigentlich zu verantworten hätten, nämlich die jeweiligen Politiker, die dem Treiben jahrzehntelang tantenlos zusehen, werden ja in Wien und sonstwo in Ö, immer wieder gewählt.

Na dann, eh alles leiwand.

6 0

Re: Wenn der Hund auf die Wurst aufpasst

Es sind zufällig auch genau diese Abteilungen, wo der Pensionsantritt unter 60 Jahren sehr gerne in Anspruch genommen wird!

Gast: wassolls
23.07.2012 10:56
4 0

die Umwidmungen sind eine Umverteilungsmaschine

zu den Reichen, nicht nur in Wien sollte man massenweise umwidmen oder der Staat sollte die Grundstücke vorher erwerben, es kann nicht sein das ein Federstrich von Beamten ein 1000qm Grundstück um 90.000 Euro erhöht das sich ein privater einstecken darf (wenn er verkauft) und andere Menschen 15 jahre nur für das kleine Fleckchen Grund hackeln und sparen müssen und nebenbei bis 65 ihr Häuschen abbezahlen müssen da sie den Rest alles auf Kredit bezahlen müssen.
Angebot und Nachfrage als Staat sollte man für die Masse dasein und Massenweise umwidmen so das sich die Preise in den Keller verabschieden und wohnen wieder leistbar wird

Schaffen wird die Widmungen ganz ab,

dann gibts auch keine Umwidmungen mehr.

Jedem "Umwidmungsgewinn" geht ein "Umwidmungsverlust" voraus, als das Land von einem Politiker oder Bürokraten per Federstrich entwertet wurde.

8 0

Natürlich wird die Widmung..

...bei bereits vollzogenen Bausünden nachträglich angepaßt.
Das war in Wien immer schon so und wird seit neuestem auch von den Grünen stillschweigend (und damit zustimmend, den Schweigen ist ja Zustimmen) geduldet.

So geht das

bei der Baubehörde vorsprechen (oder Vorspechen lassen).
a)Zufällig ein Kuvertscherl vergessen
b) Parteispende richtig deponiert
c) wenn an der richtigen Stelle kennen

Gast: GAst655
23.07.2012 10:17
15 0

Keine Überraschung,

dass das rotgrüne Wien durch und durch korrupt ist!

Gast: ökono-mist
23.07.2012 10:12
2 2

Also bei uns im FPK/FPÖ-Kärnten wäre soetwas undenkbar !!!

LOL

Gast: a konto auf de bahamas
23.07.2012 10:00
2 0

tango korrupti im rathaus ?

..umwidmungen ins eigene tascherl oder nur dem gesetz entsprechend gehandelt. ja es gibt zufälle, früher schwarz/blau im bund, jetzt halt vielleicht wieder im rathaus, nur diesmal rot/grün. ein diszi ist das mindeste was diesen verantwortlichen beamten angehängt werden müsste. es bleibt aber dann immer noch eine sauerei, falls man gesetze so einfach zugunsten einiger weniger ändern kann. hoffe, die staatsanwaltschaft schläft nicht wieder.

20 0

Mit eisernem Besen auskehren ...

... und mit Schwefelsäure nachspülen.

Die Wiener Stadtverwaltung ist ein korruptes Dreckloch und das genaue Abbild ihrer obersten Vorgesetzten.

Gast: (Meißel) Mike Hammer
23.07.2012 09:42
5 0

Schafft neue Arbeitsplätze in der Abbruchbranche!

Einfach alles was zu hoch oder falsch gebaut wird, abreißen! Die unausgelasteten jungen arbeitslosen Menschen brauchen Beschäftigung, tut was für sie!!

Gast: 324rsd
23.07.2012 09:40
6 0

hauptsache ...

... die wiener linien führen eine permanentüberwachung mit ihren videokameras bei unschuldigen fahrgästen durch. in wirklichkeit geht es doch darum, das volk "klein" zu halten, damit es nicht aufständisch wird.
WO sind die DEMOS gegen diesen ÜBERWACHUNGSSTAAT???

Re: hauptsache ...

rote Diktatur!

Gast: anekdote
23.07.2012 09:37
7 0

... Korruption? ach nein! bei uns doch nicht!!!

Bei einem Genehmigungsverfahren wegen einem Imbiß-Kisok (Kebab) auf der Straße vor einem Wohnhaus, wurde seitens der Anreiner befürchtet, dass dann etliche Kunden in den Hof kommen werden, um hinzupissen. Antwort seitens der GEMEINDE-Vertreter: Der ist ja eh groß genug!
DAS IST WIEN!
Jeder ein Schelm, der denkt, dass Wien korrupt sei ... nein!!!!!!!!

 
12