Wien. Exakt 540.007 Straftaten wurden 2011 in Österreich angezeigt. Das weist die Kriminalstatistik aus. Doch die spiegelt nicht unbedingt die Kriminalitätswirklichkeit wider. Denn viele Opfer zeigen – aus den verschiedensten Gründen – Straftaten nicht an. In der Kriminologie wird diese Differenz zwischen den amtlich registrierten Straftaten und der mutmaßlich geschehenen Kriminalität Dunkelfeld genannt. Eine breit angelegte Untersuchung, die derzeit das Institut Makam im Auftrag des Sicherheitsforschungsprogramms Kiras durchführt, soll nun Zahlen darüber liefern, wie hoch diese Differenz in Österreich ist. „Damit soll ein realistischeres Bild der Kriminalitätswirklichkeit entstehen“, sagt Makam-Koordinatorin Ilona Reindl.
Beim Projekt „Viktimisierung“ (Viktimologie ist die Lehre vom Verbrechensopfer) wurde in einer Vorstufe in Kleingruppen mit Experten und Betroffenen über die Thematik diskutiert. In einer zweiten Stufe werden 10.000 Menschen befragt. Erste Ergebnisse sollen im Herbst vorliegen.
Scham vor Gang zur Polizei
Die Gründe, warum Opfer von Straftaten nicht zur Polizei gehen, sind laut ersten Erkenntnissen der Studie vielfältig. Gerade bei kleinen Delikten mit geringem Schaden, wie etwa dem Diebstahl eines Fahrrades, scheint für viele der Aufwand zu groß. Andere meinen, die Versicherung werde sowieso nichts bezahlen. Anderen wiederum fehlt das Vertrauen in die Arbeit der Polizei. Manche Opfer wollen partout nichts mit der Exekutive zu tun haben, einige schweigen aus Scham (etwa bei Sexualdelikten oder Gewalt in der Familie) oder Angst (Schutzgelderpressungen).
Allerdings: Ist das Delikt besonders schwer, ist die Bereitschaft zur Anzeige größer. Während Morde, Geiselnahmen oder Raubüberfälle fast immer der Polizei gemeldet werden, ist das bei Kellereinbrüchen, Sachbeschädigungen oder kleineren Diebstählen seltener der Fall. Häufiger werden auch Delikte angezeigt, deren Schäden durch Versicherungen abgedeckt sind und bei denen die Versicherungen die Vorlage einer polizeilichen Anzeige verlangen (etwa bei Autodiebstählen oder Wohnungseinbrüchen). Zum Anzeigeverhalten trägt aber auch die Berichterstattung in den Massenmedien bei.
Aktuelle Forschungen haben ergeben, dass vor allem im Bereich der Computerkriminalität zahlreiche Betrugsdelikte nicht angezeigt werden. Auch sogenannte „opferlose“ Delikte wie Drogenhandel oder Korruption haben ein hohes Dunkelfeld.
Vor sicherheitspolitischen oder polizeistrategischen Entscheidungen wird häufig die offizielle Kriminalstatistik herangezogen. „Je aussagekräftiger diese Daten sind, desto zielgerichteter können wir unsere Schritte, vor allem auch in der Prävention, setzen“, sagt Silvia Strasser aus dem Bundeskriminalamt (BK). Das BK ist für die Erstellung der österreichischen Kriminalstatistik verantwortlich.
Die Ergebnisse der Studie werden dann den Daten der Kriminalstatistik gegenübergestellt – so will man Rückschlüsse ziehen, wie viele tatsächliche Verbrechen auf die Zahl der Anzeigen kommen. Zudem sollen dadurch Beziehungen zwischen Tätern und Opfern analysiert werden.
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