Wien/Kb. Die in die Millionen reichenden Unwetterschäden in der Steiermark lassen die Versicherungen zum wiederholten Mal nach der Einführung einer Pflichtversicherung rufen. „Diese Modelle gibt es bereits in der Schweiz, in Spanien und Frankreich“, sagt Generali-Vorstand Harald Steirer. Vorschläge dafür seien dem Finanzministerium bereits vor Jahren unterbreitet worden, der Ball liege jetzt bei der Politik, heißt es aus dem Versicherungsverband.
Eine breite, öffentliche Diskussion über die gesicherte Finanzierung von zerstörten Häusern nach Naturkatastrophen fordert auch Franz Prettenthaler vom Forschungszentrum Joanneum Research in Graz. „Wir müssen uns nach den Ereignissen der letzten Tage schon einmal die Frage nach der Sinnhaftigkeit stellen, schwer beschädigte Gebäude in gefährdeten Gebieten alle drei Jahre mit Mitteln aus dem Katastrophenfonds wieder aufzubauen“, so der Leiter der Forschungsgruppe Regionalpolitik, Risiko- und Ressourcenökonomik.
Denn Unwetterschäden wie jene in St. Lorenzen im Paltental seien in Österreich nicht ausreichend versichert, was bei den Eigentümern zu einem Dilemma geführt habe – sie könnten weder ihr Eigenheim zur Gänze versichern noch mit der Hilfe nach einem Schadensfall einen Neustart an einem anderen Ort wagen. „Müsste eine Versicherung für den gesamten entstandenen Schaden aufkommen, würde sich die Frage nach einem Wiederaufbau schnell erledigen, da keine Versicherungsanstalt ein solches Gebäude erneut versichern würde.“
Dabei spielt es laut Prettenthaler keine Rolle, ob dieses Risiko private Versicherungen tragen oder der Staat den kompletten Wiederaufbau übernimmt. „Der Risikotransfer muss jedenfalls aus einem Guss kommen, Länder und Versicherungen sollten an einem Strang ziehen und einander keine Konkurrenz machen. „Konkurrenz deshalb, weil in den meisten Bundesländern der Katastrophenfonds bei den Hilfeleistungen die von den Betroffenen erhaltene Schadenskompensation abzieht“, sagt Prettenthaler. „Natürlich fragen sich dann die Leute, ob es sich auszahlt, eine teure Versicherung abzuschließen.“ Diese unsichere Lage habe zu einem „Missstand“ geführt, den die Politik noch nicht erkannt habe.
Jene rund 200.000 Gebäude, die sich in Österreichs Überflutungszonen befinden, hätten einen Wert von etwa 117 Milliarden Euro (siehe Grafik). Sich nachhaltig um diesen Bestand zu kümmern erfordere mehr, als jedes Jahr 200 bis 300 Millionen Euro für den Wiederaufbau zerstörter Orte auszugeben.
Schäden bisher deutlich höher als 2011
Bis die Höhe der Unwetterschäden in der Obersteiermark feststehen wird, werden nach Angaben der privaten Versicherer noch mehrere Wochen vergehen. „Was man aber schon sicher sagen kann, ist, dass von Mitte Juni bis Mitte Juli in der Steiermark ein paar tausend Schadensmeldungen bei den Versicherungen eingegangen sind“, sagt Harald Panhofer, Abteilungsleiter bei der Grazer Wechselseitigen. Dabei gehe es insgesamt um einen zweistelligen Millionenbetrag. Die Schäden seien in der Steiermark heuer größer als in den vergangenen zwei Jahren, „wobei solche Unwetter typisch für den Sommer sind“, so Panhofer.
Deutlich stärker als im Vorjahr wird auch die Wiener Städtische belastet, im ersten Halbjahr hätten die Schäden rund 15 Millionen Euro ausgemacht, gegenüber vier Millionen Euro im Vorjahreszeitraum, sagt Sprecherin Claudia Riebler. Für Juli habe man noch keine Zahlen, „die Leute sind noch dabei, den Schlamm rauszuschaufeln“.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.07.2012)
St. Lorenzen: Vorbereitung auf neue Gefahren
Steiermark: Schwere Unwetter und Murenabgänge
Der American Dream platzt an der Grenze
Liu Bolin Der ''unsichtbare Künstler''
WienDie Votivkirche, eine ewige Baustelle
SpeiseplanErobern Würmer die Teller Europas?