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Naturkatastrophen: Ein Land in der "roten Zone"

24.07.2012 | 18:21 |  KÖKSAL BALTACI (Die Presse)

Rund 70.000 Gebäude befinden sich in Österreich als „Sünden der Vergangenheit“ in "roten Zonen" - also in Gebieten, in denen eigentlich aufgrund erhöhter Katastrophengefahr nicht gebaut werden darf.

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Wien/Graz. Die Mure vom vergangenen Samstag traf das obersteirische St.Lorenzen im Paltental zwar in der Dimension, nicht aber vom Ereignis her überraschend. Denn die etwa 60 betroffenen Gebäude sind im Gefahrenzonenplan der dem Umweltministerium unterstellten Wildbach- und Lawinenverbauung „rot“ und „gelb“ ausgewiesen. In der roten Zone darf aufgrund erhöhter Katastrophengefahr überhaupt nicht, in der gelben nur unter bestimmten Auflagen gebaut werden.

Die Tabuzonen gelten freilich nur für Neubauten – in der roten Zone stehen landesweit nach wie vor rund 17.000, in der gelben 38.000 Objekte als „Sünden der Vergangenheit“, wie es Gerhard Baumann, Leiter der Wildbach- und Lawinenverbauung Steiermark formuliert. Österreichweit sind es 70.000 in roten und 160.000 in gelben Zonen.

Hinzu kommen 200.000 Gebäude in sogenannten Überflutungszonen. „Diese Gebiete sind nicht von Lawinen und Murenabgängen, sondern von langsam steigendem Hochwasser durch Fließgewässer betroffen“, erklärt Franz Schmid, seines Zeichens zuständig für Gefahrenzonenplanung im Umweltministerium.

 

Zumeist historische Bestände

Zwar gibt es das Bundesgesetz, wonach die Wildbach- und Lawinenverbauung für alle Gemeinden Gefahrenzonenpläne zu erstellen hat, schon seit 1975. Die Bürgermeister als Baubehörde erster Instanz agierten in der Vergangenheit aber nicht immer vorausschauend und gaben öfter dem Baudruck nach – schließlich sind die erstellten Gutachten in fast allen Bundesländern erst in den 1980er- und 1990er-Jahren rechtlich bindend geworden.

„Die allermeisten Objekte in den Gefahrenzonen sind historische Bestände“, sagt Robert Riemelmoser von der österreichischen Wildbach- und Lawinenverbauung. „Im aktuell betroffenen Gebiet in der Steiermark sind sämtliche in den roten Zonen liegenden Häuser gebaut worden, noch bevor diese Bereiche als gefährlich eingestuft wurden.“

Damals habe man die Gebäude nach bestem Wissen errichtet, „aber die Natur hat sich eben verändert. Es ist schwer, manchen Leuten klarzumachen, dass der Ort, an dem ihre Familien seit 500 Jahren wohnen, plötzlich zu gefährlich ist, um dort zu leben.“ Andere wiederum würden die attraktive Lage ihre Häuser direkt an einem See oder Bach schätzen und nicht umsiedeln wollen.

„Schlichtweg verboten“

Dass Bürgermeister leichtfertig Baugenehmigungen erteilten, will Helmut Mödlhammer, selbst Bürgermeister im Salzburger Hallwang und Präsident des Gemeindebundes, nicht so ohne Weiteres gelten lassen. „Es stimmt einfach nicht, wenn nun öffentlich behauptet wird, dass Bürgermeister überall bauen ließen“, sagt er. Denn: Das Erklären von Bauplätzen oder Erteilen von Baubewilligungen in roten Zonen sei schlichtweg verboten. Umgekehrt bedeutet das, dass Bürgermeister, die es trotzdem tun, straf- und verwaltungsrechtlich verfolgbar sind.

Allerdings gibt es Ausnahmen, etwa, wenn eine Baubewilligung erteilt wird, nachdem eine rote Zone erfasst, aber noch bevor sie im Grundbuch eingetragen wurde. Dann kann die Gewässerbauabteilung des Landes oder die Wildbach- und Lawinenverbauung des Bundes Auflagen erteilen, bei denen ein Bau trotzdem zulässig ist.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.07.2012)

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27 Kommentare
 
12
Gast: Frau Holle
25.07.2012 11:51
3 0

ENDLICH ABSCHAFFUNG DER BÜRGERMEISTER ALS 1.BAUINSTANZ

Diese "Struktur", dass die Gemeinden und der Bürgermeister für das Bauwesen zuständig ist, macht alles derart korrupt, dass solche Dinge entstehen, wie Baubewilligungen in der roten Zone. Der Bürgermeister braucht Wählerstimmen, der Bauer will Grund zu Baugrund verkaufen.

In der roten Zone sollte auch jegliche zusätzliche Widmung auf ZUBAU verboten werden, sodass nichts neues mehr in diesen Zonen entsteht, solange es derartige Unwetter mit derartigen Regenmengen gibt.

Und das allerbeste daran ist, wie bei Lärmschutzwänden und Fluglärm, dass die Menschen den billigen Baugrund kaufen, bauen, und dann von der Allgemeinheit wie selbstverständlich "Sicherungsmassnahmen" fordern. Das gehört ebenfalls abgeschafft.

Eine obligatorische Beratung durch Architekten und Raumplaner würde zudem von solchen Pfuschereien abhalten. Wenn ein Architekt das Grundstück nicht als "baufähig erachtet" sollte er/würde er von einem Bau abraten. Aber bei uns wird ja alles vom "Häuslbauer" gebaut.

Mir tut niemand leid, der dort gebaut hat, mit dem Wissen, es könnte gefährlich werden.

Das Problem ist die VERHABERUNG und das österreichische Bewusstsein: Ich kann mir mein Haus selbst bauen. Das Resultat ist nicht nur eine visuelle kulturelle Verschandelung der Landschaft durch die Häuslbauer, sondern auch die Kosten, die endesletzt der Allgemeinheit entstehen.

Gast: Abwechslung
25.07.2012 09:21
1 0

Ein informativer Bericht

Danke.
(Zumindest im Inland hat Die Presse offensichtlich noch Journalisten.)

Gast: Halbwissen
25.07.2012 09:10
4 0

Wenn die Verluste nicht sozialisiert werden,

sollens doch bauen wo sie wollen !

2 2

Ein Land DER PFUSCHER und wo kein Kläger kein Richter würde man hier meinen... gut so dass die alle weggespüllt wurden. jetzt kann man dort mehr Radwege und Kinderspielplätze errichten!!!


naja... manchmal kauft jemand halt einen grund in der roten zone, der - oh wunder - dann in eine gelbe umgewidmet wird.

da sollte man/frau halt wissen, wer zu schmieren ist.

und im dreistesten fall baut man das ding halt illegal. was steht, steht.

Re: naja... manchmal kauft jemand halt einen grund in der roten zone, der - oh wunder - dann in eine gelbe umgewidmet wird.

frau = falsch
Frau = richtig
man = falsch
Mann = richtig

"man" als Pronomen wäre richtig, dann wäre aber "frau" vollkommener Unfug. So einfach ist Deutsch.

Antworten Gast: SchauGenau
25.07.2012 07:01
1 2

Re: naja... manchmal kauft jemand halt einen grund in der roten zone, der - oh wunder - dann in eine gelbe umgewidmet wird.

Oh, da spricht die personifizierte Sachkenntnis!
Gewidmet wird die Flächenwidmung, darum heisst sie so!
Gefahrenzonen werden ausgewiesen und nicht "umgewidmet", schon gar nicht auf Zuruf!
Bei illegalen Bauten gibt's nach einer Anzeige einen Abbruchbescheid, dass es Missbrauch gibt ist natürlich nicht auszuschliessen!

bgm die dort bauen lassen

seien gerichtlich verfolgbar. ja genau. no comment.

1 0

Re: bgm die dort bauen lassen

Wenn die Genehmigung nachträglich erfolgt ist genau gar nichts "straf- und verwaltungsrechtlich verfolgbar"...

Gast: zonenwanderer
24.07.2012 22:17
2 0

Die roten Zonen mögen zwar jetzt oder vor 30 Jahren gegolten haben, aber

die Zonen verschieben sich ja auch. Man kann so eine Zonenerstellung nur befristet erstellen. Danach müsste eine Evaluierung geschehen.


Erst im nachhinein in roter Zone

Stimmt zwar das Häuser in der roten Zone stehen aber dieser Plan wurde wurde erst 2011 erneuert. Da standen ja die Häuser schon oder waren gerade im Bau.

Wir haben dermaßen viele...

...Ganzkörperscanner, Staubschutzmasken und Jodkapseln, dass wir noch unsere Kindeskinder damit versorgen können. Aber ein kleiner Murenabgang bringt die komplette Republik aus der Contenance! Oh, Monsieur, das packt man nicht!

Gast: Ich bin der Meinung
24.07.2012 21:26
3 0

Das Grundübel ist die fehlende bzw. nicht beachtete Raumordnung

Ortskaiser und deren Parteigenossen haben seit Jahrzehnten das Land zersiedelt. Die Folge durch Naturkatastrophen sieht man jetzt. Die andere Folge entlang der Verkehrswege in Form von Lärmschutzwänden.
Oder auch an ganz anderer Stelle dieser Tage heftig diskutiert am drohenden Ärztemangel am Land.

Dagegen kann man jetzt (fast) nichts mehr tun. Zumindest schafft es die am Ruder befindliche Politikerkaste kaum, diesem langsam fortschreitenden GAU Einhalt zu gebieten.

Die ersten spärlichen Ansätze sind die Besteuerung der Umwidmungsgewinne. Nur wie auch die KEST wird sie in Zeiten wie diesen wenig bringen usw. usw....

4 0

"Denn: Das Erklären von Bauplätzen oder Erteilen von Baubewilligungen in roten Zonen sei schlichtweg verboten."

Man verzeihe mir das Gekicher.

Antworten Gast: ja aber
24.07.2012 22:00
6 0

Re: "Denn: Das Erklären von Bauplätzen oder Erteilen von Baubewilligungen in roten Zonen sei schlichtweg verboten."

die leute haben dor trotzdem gebaut. wahrscheinlich sind die aber nicht versichert.
jetz fordern sie vom staat kompensation.
gut oder nicht?

Gast: b754
24.07.2012 18:19
9 1

wozu gibt es die rote zone wenn man dann eh dort bauen läßt


Die in Gefahrenzonen bauen ...

sollen ganz allein das Risiko tragen.

Re: Die in Gefahrenzonen bauen ...

Problem wird oft nicht erkannt. Man hat einen sicheren Grund, dann wird oberhalb der Hang geschlägert und mit Monokulturen von Flachwurzlern bepflanzt. Plötzlich kommt der Hang. Was nun, wer ist schuld? der, der gebaut hat, oder der, der geschlägert hat. Nächstes Problem. Der Wald wird nicht mehr durchforstet, es liegt massenweise Totholz im Wald. Bei starkem Regen wird es notgedrungen in den Bach geschwemmt. Es kommt wieder zu Verklausungen. Wer ist schuld? Der, der sich nicht wehren kann. Denn die Großgrundbesitzer pflegen ihren Wald nur mehr, wenn es sich lohnt und nicht mehr aus Verantwortung gegenüber der Umwelt. So ist der Stand der Dinge.

Re: Re: Die in Gefahrenzonen bauen ...

Naturnaher Waldbau wäre die Antwort. Das Konzept gibt es seit den 1950er Jahren.

Gast: bergziege
24.07.2012 17:53
4 0

Die Natur lässt sich nicht übertölpeln,

irgendwann schlägt sie zurück. Schlimm, dass immer Unglück passieren muss, damit die Menschen verstehen, dass nicht alles gemacht werden darf, was man will. Rote und gelbe Zonen zu ignorieren ist nur dumm. Gute Beziehungen und Einnahmen hin oder her. Es bleibt dumm. Erfahrungen aus der Vergangenheit und das Wissen der Leute, die sich mit diesen Gefahren ernsthaft auseinandergesetzt haben, sollten respektiert und akzeptiert werden. Das Ergebnis, wenn das nicht geschieht, kennen die Betroffenen jetzt. Dabei waren es wahrscheinlich meistens gar nicht sie, die diese Limits ignorierten.

Re: Die Natur lässt sich nicht übertölpeln,

Das hat wohl weniger was mit einer sich nicht übertölpeln lassenden Natur zu tun, als mit dem Faktum, das eine Spezies, die dumm genug ist auf ewiges quantitatives Wachstum bei begrenztem Platz zu setzen, eben alles besiedeln muss, was irgendwie geht.

Bei weniger Menschen und mehr Platz, müsste niemand an gefährdeten Orten wohnen und man könnte sogar nachhaltig wirtschaften, im Land.
Die Lebensqualität wäre höher (mehr Fläche pro Person bedeutet mehr Ressourcen zur Verfügung).

Bei ewigem Wachstum auf Basis ökologischer und ökonomischer Schulden, ist vorprogrammiert, dass es nicht besser wird, in Zukunft... und umfassende,vollständige Verbauung scheint mir als Alternative auch nicht gerade die Lebensqualität zu steigern.

20 0

Trotz Verbots wurden Häuser in Gefahrenzonen gebaut.

darum; zu Recht, KEIN Geld vom Staat !

Jedem sollte längst bewusst sein, dass wenn er an einem "wilden Wasser" baut und wohnen will, auch Gefahren eingeht welche schwer vorraussehbare Folgen beherbergen.

"Trotz Verbots wurden Häuser in Gefahrenzonen gebaut" bedeutet auch, dass keine Versicherung dafür haftbar gemacht werden darf da man nun als Betroffener sich selbst, in diese Missäre begeben hat.

Wenn ich mein Auto oder meine Wohnung nicht zusperr und es bricht jemand ein; wer soll dann dafür haften ???

Klar- es waren gute Geschäfte für die Gemeinden !

Jedes neue Haus brachte einen Haufen Gebühren und konstante Steuereinnahmen- das hat man es net so genau genommen mit den Gefahrenzonen und Baugenehmigungen. Was mich dabei wirklich schon seit Jahren extrem alarmiert ist,wie rasch sich die Orte in den Bergen verdoppelt oder gar verdreifacht hatten. Und das alles innerhalb eines Zeitraumes von vielleicht 60 Jahren.

Hunderte wenn nicht tausend Jahre brauchten die Orte bis sie die Grösse von 1950 erreicht hatten- und danach nur ganze 60 Jahre für eine flächenmässige Verdreifachung- dies zeigt anschaulich, wie ausser Rand und Band unsere Welt- nicht nur beim Bevölökerungswachstum und beim Klima- geraten ist- der Individualisierungs- und Egozentrik-Wahn des Menschen liess es jahrzehntelang nicht mehr zu,dass Kinder auch weiterhin- so wie das immer früher war- mit ihren Eltern unter einem gemeinsamen Dach wohnen konnten-nein:kaum war man 18 geworden, musste bereits eine Weide oder Wiese in Bauland umgewidmet werden, damit der Nachwuchs mit spätestens 20 dann im eigenen neuen Haus (natürlich auch mit eigenem neuen Auto)wohnen konnte- und das ging jahrzehntelang so.......und jahrzehntelang wurde in Gefahrenzonen hineingebaut (obwohl die ganz Alten immer davor gewarnt hatten) auf Teufel komm raus.

Niemand hat sich um irgendwas geschert, weil man ja nur das eigene Weiterkommen im Schädel hatte und hat. Und das rächt sich jetzt und wird sich noch viele weitere Jahre rächen......

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Untergangsprophet

> "Was mich dabei wirklich schon seit Jahren extrem alarmiert ist,wie rasch sich die Orte in den Bergen verdoppelt oder gar verdreifacht hatten."
Meines Wissens sind solche kleinen Bergdörfer im Aussterben begriffen, weil kaum Infrastruktur. Und es gibt nicht viele Junge, die hoch oben am Berg od. im hintersten Tal leben wollen.

> "dies zeigt anschaulich, wie ausser Rand und Band unsere Welt- nicht nur beim Bevölökerungswachstum und beim Klima- geraten is"
Vor allem das Bevölkerungswachstum in Österreich, das nur durch Zuwanderung einen positiven Saldo aufweist!?!
Das Klima bzw. Wetterphänomene im Allgemein haben sich nicht verschlimmert, nur der Mensch baut halt in immer kritischeren Zonen... weil's halt günstiger ist. Zumindest bei uns gibt's aber seit ein paar Jahren ein entsprechendes Umdenken, wie auch der Artikel aufzeigt.
Außerdem werden Statistiken durch div. Interessensgruppierungen (die Klima-Lobbyisten, die ihre hohen Budgets rechtfertigen müssen - die Versicherungen, die mit furchterregenden Statistiken ihre Prämienerhöhungen leicht rechtfertigen können) nochmal zusätzlich beeinflusst.

>"kaum war man 18 geworden, musste bereits eine Weide oder Wiese in Bauland umgewidmet werden, damit der Nachwuchs mit spätestens 20 dann im eigenen neuen Haus (natürlich auch mit eigenem neuen Auto)wohnen konnte"
Hier greift der freie Immobilienmarkt:
Sehen Sie sich die Grundstückspreise z.B. in Zell am See, Wolfgangsee, etc. an - für Junge beinahe unerschwinglich...

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Re: Klar- es waren gute Geschäfte für die Gemeinden !

stimmt, und deshalb sollen auch die Gemeinden, und NICHT der Staat dafür haften müssen wie das ja auch in GR sichtlich der fall zu sein scheint !


Re: Re: Klar- es waren gute Geschäfte für die Gemeinden !/Luzius

"...und deshalb sollen auch die Gemeinden, und NICHT der Staat dafür haften"

'tschuldigen schon, aber einfältiger geht's wohl nicht mehr? Woher bekommen denn die Gemeinden den größten Anteil am Budget? Vor Allem - KLEINERE Gemeinden ohne nennenswertes Steuereinkommen!

 
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