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„Den Schuldigen“ an der Murenkatastrophe gibt es nicht

24.07.2012 | 18:21 |  ANDREAS WETZ (Die Presse)

Im Gewirr aus Zuständigkeiten von Gemeinden, Ländern und Bund gingen auch bauende Bürger Risken ein. Verantwortung tragen aber alle. Jetzt heißt es: Lernen.

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Was sagt man eigentlich einem Bürger, dessen materielle Existenz gerade von tausenden Tonnen Schlamm und Geröll ins Tal gespült wurde? Einem Menschen, den die Gewalt der Natur innerhalb von Sekunden aus dem Wohlstand in die buchstäbliche Obdachlosigkeit befördert hat, der bei Nachbarn oder Verwandten übernachtet, nicht weiß, wie er den täglichen Einkauf erledigt, weil mit dem letzten Bargeld auch die Bankkarte in der Flut versunken ist? Einer Person, die nicht einmal mehr das Fotoalbum vom letzten Italien-Urlaub besitzt, weil alles Private unter einem gigantischen Kegel aus Schutt begraben liegt?

Die Versuchung für Politiker, Medien und Öffentlichkeit ist groß, die Opfer der Murenkatastrophe von St. Lorenzen im Paltental nun mit dem Nennen von Schuldigen von ihrem Leid abzulenken. Die ersten Schritte wurden bereits getan.

Ganz oben auf der Liste steht das von Klischees behaftete Bild des skrupellosen Bürgermeisters. Es sind die Ortschefs, die nun mehr oder weniger unterschwellig beschuldigt werden, Baubewilligungen erteilt zu haben, die eigentlich gar nicht hätten erteilt werden dürfen. Zwischen den Zeilen darf man sich ungeniert den Begriff Schmiergeld dazudenken. So sei das nun einmal auf dem Land, wo über dem Bürgermeister nur der Allmächtige steht. Aha.

In der zweiten Reihe der angeblich Verantwortlichen, aber immer noch in der Auslage, stehen alle nur irgendwie zuständigen Behörden von Land Steiermark und Bund. Ihr mutmaßliches Versagen gehört sozusagen zum guten Ton jeder sich selbst halbwegs ernst nehmenden Berichterstattung.

Und zu guter Letzt gibt es da immer noch die Bauherren selbst. Die Kritik an ihnen ist öffentlich am leisesten, sind es doch in Wahrheit die eigenen Wähler, Leser und Zuschauer, die man da an den Fahrlässigkeitspranger stellen würde. Und trotzdem wird auf anderer, nicht öffentlicher Ebene umso lauter darüber diskutiert, dass die Betroffenen, deren Häuser in sogenannten roten Zonen stehen (siehe dazu Bericht auf Seite 1), ja eigentlich nur selbst schuld sind. So einfach kann's manchmal am Stammtisch noch sein.

Ist es aber nicht. Und das ist auch der Grund dafür, warum man Betroffenen nicht vermeintlich Schuldige, sondern die Wahrheit präsentieren sollte. Diese ist zwar weder quotenträchtig noch gegen politische Gegner verwertbar, lässt jedoch Schlüsse zu, die künftige Ereignisse verhindern könnten. Vielleicht. Denn so sicher ist das bei Katastrophenereignissen nie.

Es ist nicht redlich jenen Experten des Umweltministeriums einen Vorwurf daraus zu machen, dass sie bei ihrer Begutachtung der Region Anfang Juli nicht erkannt haben, dass drei Wochen später binnen weniger Stunden über 100 Liter Regen pro Quadratmeter fallen sollten.

Das Gleiche gilt für den Bürgermeister und die Betroffenen der Region. Ja, fast alle zerstörten oder beschädigten Häuser stehen in der roten Zone. Und nein, keines von ihnen wurde errichtet, nachdem die Behörde amtlich festgestellt hat, dass die Region gefährlich ist. Was umgekehrt jedoch nicht bedeutet, dass vorher niemand vom Zerstörungspotenzial des Lorenzerbachs gewusst hat. Wie an vielen anderen Orten auch hat man das Risiko in Kauf genommen, bewusst oder unbewusst.


Naturgewalten haben den Nachteil, dass die Wahrscheinlichkeit ihres Eintretens ein statistischer Wert ohne Bedeutung für den Einzelnen ist. Ob 100- oder 1000-jähriges Hochwasser – das mag für volkswirtschaftliche Gesamtrechnungen sogar relevant sein. Eigentümer von Häusern in Gefahrenzonen wähnen sich jedoch in trügerischer Sicherheit. Überflutungen bei uns? In 1000 Jahren nicht. Dass das rechnerische Millennium mit dem nächsten Gewitter enden kann, daran denkt niemand.

Trotzdem darf, nein, muss man aus der Mure von St. Lorenzen lernen. Etwa, dass die Weitergabe von Gefahreneinschätzungen zwischen Bund, Ländern und Gemeinden nicht vom Engagement einzelner Beamter abhängen darf. Oder dass, anders als bei Bauland, formal niemand für die Ableitung von Abwässern von landwirtschaftlichen Flächen verantwortlich ist.

 

E-Mails an: andreas.wetz@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.07.2012)

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25 Kommentare
 
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Gast: nestbeschmutzer
26.07.2012 07:04
0 0

s gibts...

Da gibt es einen weiteren Aspekt; den hat der Autor nicht genannt: Dass es nicht wenige Bauherrn gibt, die diese Gefahr sehr wohl erkannt haben, aber dennoch gebaut haben, weil sie hofften, dass, sollte so was passieren, der öffentliche Wohlfahrtsstaat dann doch für Überlebenssicherheit sorgen wird. Also wozu aufregen in einer „gerechten Solidargesellschaft“. Sicherheit gibt sie allemal!
Und was praktisches, was ich einmal erlebt habe (vor ca. 20 Jahren). Ein lokaler Jahrhundertregen in einer Wienerwaldgemeinde hat einen Bach, dessen Rinnsal nie über einen gewissen Pegel gestiegen war, über die Dammkrone steigen lassen; von mir geschätzte 25m3 / sec sind da durchgeflossen. Ein alpiner Wildbach war ein Schmarrn dagegen….. Und die anrainigen Häuser standen…nicht in der Wiese, sondern im See!

Bei uns am Land...

So lange die "Bauherren" auf diesen billigen Gründen immer damit rechnen können, dass wenn es ihnen bei jedem 30-jährlichen Hochwasser schon die Keusche weg schwemt und sie aus dem "Katastrophenfonds" und anderen "Zuwendungen" wieder neu und schönen ihre Häuser aufbauen können, wird sich nichts ändern.
In Osttirol, z. B. gibt es in einer Talschaft einen Bauernhof der seit 50 Jahren drei Mal weggeschwemmt - aber immer wieder an der gleichen Stelle aufgebaut wurde! Natürlich aus Steuergeldern - denn der Katastrophenfonds wird seit 1967 vorzüglich aus Zuschlägen zur Lohnsteuer "aufgefüllt" - und meist durch die Bauern "abgezapft".

Zuerst im roten Bereich bauen...

...und dann die Öffentlichkeit zur Kasse bitten...

Re: Zuerst im roten Bereich bauen...

Die Mure hat keine Schuld, richtig, aber jene wohl, die diese Fläche als Baugrund gewidmet hatten, und auch jene Makler, die sie als Baugrund verkauft und dabei gut verdient haben.
Aber diese Art von Geschäft geht lustig weiter. Das nächste Hochwasser kommt bestimmt.

Re: Re: Zuerst im roten Bereich bauen...

Da mus erst gar nicht erst "bei uns am Land"umgewidmet werden, dass die Leute "auf mein' Grund" bauen. Und von wegen "guter Nachbarschaft" der Bürgermeister samt GR und häufig sogar der Herr/die Frau BH, die davon wissen - wegschauen...Alle diesen "Wegschauern" müssten eben Verfahren wegen Amtsmissbrauch angehängt werden, wenn eben in ihrem Verantwortungsbereich solche Bauten, speziell Wohnhäuser, errichtet und "beduldet" werden.

Gast: Ceterum
25.07.2012 11:54
0 0

Si tacuisses, ...

Auch in der "Saure-Gurken"-Zeit sollte die "Presse" auf derart inkompetente Wischi-waschi-"Leitartikel" verzichten.

Gast: Na und?
25.07.2012 11:02
0 0

Die Schuldigen sind schnell gefunden:

ALLE Bürgermeister und Gemeinderäte, die Bauland in Überschwemmungsgebieten genehmigen.

Die NÖ-Landesregierung schaut zu und nickt ab.

Auch die Hausbesitzer sind schuld, denn die haben ja gewusst, wo sie sich hinbauen.

Nicht nur in den 70ern, auch heute wird in bedenklichen Gebieten gebaut. In Nö sind das die Sumpfwiesen entlang der Donau und vieler Bäche.

Naturkatastrophen können eintreten, klar. Aber was ein Wahnsinn ist, wie vieles geradezu herausgefordert wird.

Gast: pensionär
25.07.2012 11:00
1 0

Schuld sind ...

...die Leut', die nicht in die Kirch'n gehn und den Herrgott um a bessers Wetter bitten.
Hilfts net, so schads net (dem Klingelbeutel).

@Falaffel: ... die Versicherungen, die nicht zahlen können, weil das eine Naturkatastrophe ist (wie auch die armen Banken beim Immobilienhandel)

... die Fachleute, weil sie keine Verwaltungsprüfung machen und sich nicht politisch engagieren.

... die Leut, weil sie keine Häuser auf Stelzen bauen (siehe Strombad Klosterneuburg).

... sind jedenfalls keiner der Schuldigen, denn die haben die besseren Rechtsverdreher (kein Metallberuf).

Re: Schuld sind ...

In Florida, in den Key's, muß jedes Haus auf Stelzen stehen, d.h. es gibt nur den ersten Stock und aufwärts.
Jedes Haus muß eine Pflichtversicherung gegen Hurricans haben.
Genau solche Bauauflagen sollten in unseren gefährdeten Gebieten gelten, und auch eine Versicherungspflicht gegen Hochwasser.
Dann wird ein solcher Baugrund unattraktiv, jeder nähme von einem Kauf Abstand.
Infolge Versicherung könnte auch keiner sagen, er habe alles verloren.

Gast: Gast: Leser
25.07.2012 10:43
1 1

Zuständigkeiten

Vor allem kann man daraus lernen, dass es ein völliges Wirrwarr an Zuständigkeiten von Bund, Land und Gemeinde gibt; ein Grund mehr, die Bundesländer als politische Einheit sofort abzuschaffen bzw. ihnen keinerlei Zuständigkeiten mehr zu geben - die Horrorbeispiele von 9 Bauordnungen, 9 Jugendschutzbestimmungen, 9 Umweltschutzgesetzen usw. sind ja längst bekannt - und hier im Anlassfalll geht es um Leben und Existenz von Menschen. Man konnte ja sehr "schön" im Fernsehen bobachten, wie die Verantwortlichen die Zuständigkeiten munter zwischen Bund und Land hin und her geschoben haben.

Antworten Gast: hk1190
25.07.2012 13:11
0 0

Re: Zuständigkeiten

Völlige Zustimmung! Wir leisten uns einen Föderalismus, der uns zuviel kostet. Daher: Abschaffung der Landtage, Belassen einer funktionierenden Landesverwaltung, die einheitliches Bundesrecht vollzieht.

Antworten Antworten Gast: Markus Trullus
26.07.2012 07:06
0 0

Re: Re: Zuständigkeiten

Richtig, von dem red ich seit ich reden kann (schon sehr, sehr lang). Aber das will niemand hören...leider!

Gast: Peter Hofmueller
25.07.2012 09:34
1 1

"Den Schuldigen"....

Zur Naturgewaltkatastrophe in St.Lorenzen sind "nachher" immer "die Behörden" schuld,wie wäre es einmal,bei sich selbst anzufangen,sich die Frage zu "erlauben",warum in "roten" Zonen immer wieder die "Häuslbauer" ihr "Traumhaus" platzieren??
Und warum "die Behörden" dies überhaupt erlauben?"New's"??
Und warum soll dann immer "der Steuerzahler" dafür "blechen"??Diese Frage(n),"darf" man doch stellen,oder?

naturgewalten

sind für nicht betroffene nur ein grandioses schauspiel mit realitätscharakter. eine sensations-schlagzeile, die schon am nächsten tag durch eine andere ersetzt und vergessen wird.

tatsächlich ernst genommen werden sie nicht. eine änderung des gesamtverhaltens kommt daher nicht in frage, solange solche naturgewalten nicht auswirkungen auf die mehrheit haben.

wie wäre es daher, liebe mure, wenn du dir bei nächster gelegenheit die westautobahn aussuchst und sie für wochen unpassierbar machst? DANN würden die leute vielleicht aufwachen. oder auch nicht....

Gast: testuser
24.07.2012 21:51
0 0

...

"Oder dass, anders als bei Bauland, formal niemand für die Ableitung von Abwässern von landwirtschaftlichen Flächen verantwortlich ist."

Sehr wahr!

Re: ...

um diese ableitung haben sich früher mal die besitzer = bauern gekümmert. mit viel harter arbeit.

doch warum soll sich ein eh schon extrem mies entlohnter bauer gratis darum kümmern, dass andere leute in ruhe ihre kugel schieben können? es ist doch völlig normal, dass er feldraine wegackert und mit schwerem gerät den boden verdichtet. DAS erhöht seinen wirtschaftlichen erfolg. und für das eigentlich nötige gegenteil gilt: ausser spesen nichts gewesen.

@Fallafel

Selten einen solchen Schwachsinn gelesen! Gerade die Beizen sind es ja, die immer darauf drängen, ihre miesen Flächen in Bauland umzuwidmen und abzucashen.

Realsatire: Beize zu Bgm. einer 1500 EW-Gemeinde, Graz-Umgebung: "Geh, Buagamasta, s' Diarndl heirat bald und die wollen bei uns da bauen". Bgm.: Du, das geht net, wegen der Flächenwidmung. Und da Boch is' erscht vor 12 Jahr' übergangen.". Beize: " Na schau, de Kinder bleiben dafür aber in der Gmoa!". Bgm.: "Aber es geht trotzdem net". Beize sucht sich in der Gmoa unter den Parteifreunden und sogar -feinden mit ähnlichen Anliegen Streitgenossen. Plötzlich ein Antrag im Gemeinderat, dass die Flächenwidmung geändert werden sollte.
Der Bgm. wird übersteimmt, tritt zurück - und drei Jahre später und noch vor einen Änderung der Flächenwidmung beginnen "das Diarndl" und der Schwiegersohn genau dort zu bauen.
Ach so, natürlich wird bei einem absehbaren Hochwasser dann das "schzöne Haus" schwer beschädigt und ebenso natürlich bekommen die "schwer Betrofenen" Mitteln aus dem Katastrophenfonds des Landes und irgend welchen "Töpfen" - damit die Hützte wieder aufgebaut werden kann.

Anstatt der ganze Gemeinderat, der einst zugeschaut und beschlossen hatte, dass die Leute da ihr Haus halb legal hinbauen konnten Strafverfahren wegen Amtsmissbruauchs...

Re: @Fallafel

und was hat eine erbettelte baugenehmigung zu tun mit der ableitung von wasser von landwirtschaftlichen flächen?

Gast: Xiongerl
24.07.2012 20:31
3 0

Sorry, so simpel ist es nicht

1. den Beamten kann man nichts ankreiden. Es sind in diesem Fall Sachverständige die sich sehen lassen können.
2. bis in die 70er wurden Bürgermeister geschmiert, und nicht nur diese. Und bei vielen Bauvorhaben war "freundliche" Umwidmung und Vorabinformation noch lange üblich. Man denke nur an die vielen "Gewinner" bei Autobahnbauten oder bei Mülldeponien. Wer unser Franz-Josef Strauss ist, das werden wir noch erfahren.
3. In Bergregionen waren die gefährlichen Zonen immer schon bekannt. Ein klarer Hinweis war dann der Preis des Baugrundes.
4. Der Bauherr ist nicht frei von Schuld, wenn er wider besseren Wissens beim Baugrund spart. Diese Denke wird offensichtlich bei Neubauten in Flughafennähe. Plötzlich wundern sich die Anrainer über Flugzeuglärm.
5. Die Bewohner solcher Roten Bauten stecken in einer Zwickmühle: sie können ihre Häuser nicht verkaufen, denn diese erzielen keinen Marktpreis, sind defakto unverkäuflich. So traurig die Tragödie ist, mit der Versicherungsleistung und der öffentliche Hilfe steigen diese Menschen unvergleichbar besser aus als bei einem Verkauf und können so einen vernünftigen Neuanfang machen, der vorher nicht offen stand.

schuld ist die staatliche überregulierung


wenn der freie markt nur hätte wirken können, wäre es nie so schlimm gekommen! es ist daher an der zeit, die steuern für die leistungsträger zu senken und so sinnlosen staatssozialistischen firlefanz wie "rote zonen" abzuschaffen.

freiheit für den bürger! ich will auf meinem grund&boden bauen können so viel ich will, wann ich will, wie hoch ich will, ohne dass dabei funktionäre und bürokraten reinpfuschen.

Re: schuld ist die staatliche überregulierung

... die ironie is a luada ...

gebe dir voll recht,

und wenn dein haus durch eine mure verlierst musst es ohne staats-, und sonstige spenden aufbauen, ned an nosnromml sollst bekommen

Re: schuld ist die staatliche überregulierung

warnung:
der stammtisch ist einfältig. ironie oder zynismus könnten seine einfalt und sein simples leben in frage stellen!

Re: schuld ist die staatliche überregulierung

Das ist Ihr gutes Recht.
Bauen Sie, wo und wann immer Sie wollen, ohne dass Ihnen irgendwer reinpfuscht und halten Sie unbedingt Ihren gesunden Hausverstand von Risikozonen fern.

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Re: schuld ist die staatliche überregulierung

Auch zu Fuß auf die Hochosterwitz gegangen ??????

 
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