Was sagt man eigentlich einem Bürger, dessen materielle Existenz gerade von tausenden Tonnen Schlamm und Geröll ins Tal gespült wurde? Einem Menschen, den die Gewalt der Natur innerhalb von Sekunden aus dem Wohlstand in die buchstäbliche Obdachlosigkeit befördert hat, der bei Nachbarn oder Verwandten übernachtet, nicht weiß, wie er den täglichen Einkauf erledigt, weil mit dem letzten Bargeld auch die Bankkarte in der Flut versunken ist? Einer Person, die nicht einmal mehr das Fotoalbum vom letzten Italien-Urlaub besitzt, weil alles Private unter einem gigantischen Kegel aus Schutt begraben liegt?
Die Versuchung für Politiker, Medien und Öffentlichkeit ist groß, die Opfer der Murenkatastrophe von St. Lorenzen im Paltental nun mit dem Nennen von Schuldigen von ihrem Leid abzulenken. Die ersten Schritte wurden bereits getan.
Ganz oben auf der Liste steht das von Klischees behaftete Bild des skrupellosen Bürgermeisters. Es sind die Ortschefs, die nun mehr oder weniger unterschwellig beschuldigt werden, Baubewilligungen erteilt zu haben, die eigentlich gar nicht hätten erteilt werden dürfen. Zwischen den Zeilen darf man sich ungeniert den Begriff Schmiergeld dazudenken. So sei das nun einmal auf dem Land, wo über dem Bürgermeister nur der Allmächtige steht. Aha.
In der zweiten Reihe der angeblich Verantwortlichen, aber immer noch in der Auslage, stehen alle nur irgendwie zuständigen Behörden von Land Steiermark und Bund. Ihr mutmaßliches Versagen gehört sozusagen zum guten Ton jeder sich selbst halbwegs ernst nehmenden Berichterstattung.
Und zu guter Letzt gibt es da immer noch die Bauherren selbst. Die Kritik an ihnen ist öffentlich am leisesten, sind es doch in Wahrheit die eigenen Wähler, Leser und Zuschauer, die man da an den Fahrlässigkeitspranger stellen würde. Und trotzdem wird auf anderer, nicht öffentlicher Ebene umso lauter darüber diskutiert, dass die Betroffenen, deren Häuser in sogenannten roten Zonen stehen (siehe dazu Bericht auf Seite 1), ja eigentlich nur selbst schuld sind. So einfach kann's manchmal am Stammtisch noch sein.
Ist es aber nicht. Und das ist auch der Grund dafür, warum man Betroffenen nicht vermeintlich Schuldige, sondern die Wahrheit präsentieren sollte. Diese ist zwar weder quotenträchtig noch gegen politische Gegner verwertbar, lässt jedoch Schlüsse zu, die künftige Ereignisse verhindern könnten. Vielleicht. Denn so sicher ist das bei Katastrophenereignissen nie.
Es ist nicht redlich jenen Experten des Umweltministeriums einen Vorwurf daraus zu machen, dass sie bei ihrer Begutachtung der Region Anfang Juli nicht erkannt haben, dass drei Wochen später binnen weniger Stunden über 100 Liter Regen pro Quadratmeter fallen sollten.
Das Gleiche gilt für den Bürgermeister und die Betroffenen der Region. Ja, fast alle zerstörten oder beschädigten Häuser stehen in der roten Zone. Und nein, keines von ihnen wurde errichtet, nachdem die Behörde amtlich festgestellt hat, dass die Region gefährlich ist. Was umgekehrt jedoch nicht bedeutet, dass vorher niemand vom Zerstörungspotenzial des Lorenzerbachs gewusst hat. Wie an vielen anderen Orten auch hat man das Risiko in Kauf genommen, bewusst oder unbewusst.
Naturgewalten haben den Nachteil, dass die Wahrscheinlichkeit ihres Eintretens ein statistischer Wert ohne Bedeutung für den Einzelnen ist. Ob 100- oder 1000-jähriges Hochwasser – das mag für volkswirtschaftliche Gesamtrechnungen sogar relevant sein. Eigentümer von Häusern in Gefahrenzonen wähnen sich jedoch in trügerischer Sicherheit. Überflutungen bei uns? In 1000 Jahren nicht. Dass das rechnerische Millennium mit dem nächsten Gewitter enden kann, daran denkt niemand.
Trotzdem darf, nein, muss man aus der Mure von St. Lorenzen lernen. Etwa, dass die Weitergabe von Gefahreneinschätzungen zwischen Bund, Ländern und Gemeinden nicht vom Engagement einzelner Beamter abhängen darf. Oder dass, anders als bei Bauland, formal niemand für die Ableitung von Abwässern von landwirtschaftlichen Flächen verantwortlich ist.
E-Mails an: andreas.wetz@diepresse.com
("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.07.2012)
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