Nach tödlicher Unfallserie: Wie sicher sind Österreichs Tunnel?

29.07.2012 | 18:34 |  KÖKSAL BALTACI (Die Presse)

Verkehr. In heimischen Autobahn- und Schnellstraßentunneln gab es in den vergangenen Wochen mehrere zum Teil schwere Karambolagen. Zur Erhöhung der Sicherheit arbeitet man nun unter anderem mit Wärmebildkameras und Mikrofonen, die typische Unfallgeräusche erkennen sollen.

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Wien. Am Sonntag ist ein 25-Jähriger mit seinem Pkw auf der Tauernautobahn in Fahrtrichtung Salzburg vor dem Nordportal gegen die Tunnelwand gekracht und getötet worden. Es ist nur ein Fall in einer Serie von Tunnel-Unfällen, die sich in den vergangenen Wochen ereignet haben. Allein in der neuen Röhre des Pfändertunnels auf der Rheintalautobahn (A14) bei Bregenz gab es seit 25.Juni fünf Unfälle, zuletzt geriet eine Frau in den Gegenverkehr und kam ums Leben. Samstag vor einer Woche musste auch der Karawankentunnel (A11) in Kärnten nach einem Unfall mit vier Fahrzeugen zeitweise gesperrt werden. Verletzt wurde niemand.

Im Pfändertunnel hat die Straßenbaugesellschaft Asfinag nun reagiert und als zusätzliche Sicherheitsmaßnahme auf der Sperrlinie Markierungen aufgebracht, die Autofahrer beim Überfahren spüren. Aber auch wenn die Unglücksfälle der jüngsten Vergangenheit etwas anderes vermuten lassen – heimische Straßentunnel gehören zu den sichersten der Welt. Und werden immer sicherer. Gab es 2010 noch 117 Unfälle, wurden 2011 nur 82 registriert. Tendenz fallend.


Einsatzradius eingeschränkt

„Die Unfallrate in Tunneln ist nicht größer als im Freiland, aber die Auswirkungen eines Unfalls sind ganz andere, da die Zufahrtsmöglichkeiten sowie der Einsatzradius der Rettungskräfte eingeschränkt und die Folgen von Bränden schwieriger zu bekämpfen sind“, sagt Rainer Kienreich, technischer Geschäftsführer der Asfinag. „Daher erfordern die Sicherheitsmaßnahmen besondere Sorgfalt.“

Laut Kienreich werden zwischen 2012 und 2018 insgesamt 1,4Milliarden Euro in die Ausweitung der Sicherheitsmaßnahmen in Tunneln investiert. Eine EU-Direktive aus dem Jahr 2008 schreibt vor, dass alle Tunnel, in denen in den nächsten 15 Jahren mit einem Verkehrsaufkommen von mehr als 10.000 Fahrzeugen pro Fahrbahn zu rechnen ist, bis 2019 mit einer zweiten Röhre ausgestattet werden.

„Die Tunnel werden 24 Stunden am Tag von mindestens zwei Mitarbeitern videoüberwacht“, so Kienreich. Diese könnten im Notfall sofort Maßnahmen einleiten.

Die häufigsten Ursachen für Unfälle in Tunneln sind zu dichtes Auffahren und Geschwindigkeitsübertretungen. Kienreich: „Mein Appell an alle Verkehrsteilnehmer: Halten Sie Abstand, beachten Sie die Tempobeschränkungen und fahren Sie nur in ausgeruhtem Zustand. Denn nur ein ausgeruhter Fahrer ist ein sicherer Fahrer.“ Um Tunnel mittel- und langfristig noch sicherer zu machen, testet die Asfinag derzeit zwei innovative Techniken. Im Kirchdorftunnel auf der Brucker Schnellstraße (S35) in der Steiermark ist das sogenannte Akutsystem in Betrieb. Das Prinzip dieses akustischen Tunnelmonitorings ist simpel: Im 2,7 Kilometer langen Tunnel wurden – unmittelbar neben den in den Röhren befindlichen Videokameras – 49 Mikrofone montiert. Der Abstand zwischen den „Ohren“ beträgt maximal 125 Meter. Eine Analysesoftware dahinter erkennt typische Unfallgeräusche – wie jene von Vollbremsungen, Reifenplatzern oder Fahrzeugkollisionen – und löst im Ernstfall Alarm aus, sodass die damit verbundene Überwachungszentrale sofort reagieren kann. Sukzessive sollen weitere Tunnel mit „Ohren“ ausgestattet werden.

Ein zweites System wird seit 10.März im Karawankentunnel getestet. Dabei messen weit vor der Tunneleinfahrt angebrachte Wärmebildkameras die Temperatur von Fahrzeugen. Überhitzte Autos und Lkw, die aufgrund einer möglichen Entzündungsgefahr ein Sicherheitsrisiko darstellen, müssen auf einem Parkplatz abkühlen und dürfen erst nach einer weiteren Kontrolle in den Tunnel einfahren. „Auch mit dieser Methode konnten wir bisher sehr gute Erfahrungen erzielen“, sagt Kienreich.

Generell ereignen sich auf Autobahnen und Schnellstraßen weniger Unfälle als auf anderen Straßen – sie machen nur zwei Prozent aller Straßen in Österreich aus, bewältigen aber 40Prozent des gesamten Verkehrs. Der Anteil an den Unfällen insgesamt macht dennoch nur fünf Prozent aus. Dabei kamen 2010 noch 78 Personen ums Leben, 2011 waren es 59. Und im ersten Halbjahr 2012 gab es insgesamt zehn Verkehrstote weniger als im Vergleichszeitraum 2011.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.07.2012)

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