Wien/Graz. Innerhalb einiger Wochen die Niederschlagsmenge eines halben Jahres, ein verheerender Murenabgang mit einem Todesopfer – und in der Folge zehn Millionen Euro für Schutzmaßnahmen. Diese Voraussetzungen braucht es, um in der obersteirischen Gemeinde St.Lorenzen das Unmögliche möglich zu machen und in wenigen Tagen ein „ganz neues Paket“ zu schnüren, das den Ort künftig „hochwasser- und murensicher“ machen soll.
Genau ein solches Paket hatte Kurt Kalcher, Leiter des Katastrophenschutzes, nach dem schweren Unwetter vor eineinhalb Wochen gefordert. Alle bisherigen Konzepte müssten überdacht werden. Ansonsten seien derartige Katastrophen auch in Zukunft „unvermeidbar“. Kalcher warf sogar die Frage auf, ob es angesichts der unerwarteten Wucht der Schlammlawine überhaupt noch sinnvoll sei, dass die Bewohner in ihre Häuser, die in ausgewiesenen Gefahrenzonen liegen, zurückkehren.
„Risiko wird minimiert“
Eine Warnung, die offenbar gefruchtet hat, denn plötzlich ging es schnell. Bei einem Krisengipfel am Dienstag sicherte Landeshauptmann Franz Voves (SPÖ) zehn Millionen Euro für den Ausbau von neuen Hochwasserschutzmaßnahmen zu. Sechs Millionen stellt der Bund zur Verfügung, vier das Land, das damit auch den Anteil der Gemeinden (20 Prozent) übernimmt. Zugleich wurde klargestellt, dass die Betroffenen ihre zerstörten Häuser wieder aufbauen können, an eine Umsiedlung werde nicht gedacht. In extremen Härtefällen sollen durch den Murenabgang entstandene Schäden (insgesamt laut Kalcher „mehrere zehn Millionen Euro“) sogar vollständig ersetzt werden.
„Das von mir angesprochene, ganz neue Sicherheitskonzept mit aufwendig ausgebauten Schutzwerken in der Wildbach- und Lawinenverbauung konnten wir in den vergangenen Tagen tatsächlich erstellen“, sagt Kalcher im Gespräch mit der „Presse“. „Geplant ist ein Vollausbau der gefährdeten Bäche Lorenzenbach und Schwarzenbach. Damit können wir sicherstellen, dass sich eine solche Katastrophe nicht wiederholt, das Risiko wird auf ein absolutes Minimum reduziert.“
Die größte Gefahr sei bereits jetzt gebannt, da der Lorenzenbach ausgebaggert und mit Stemmverkleidung gesichert wurde. Dieser „Grundschutz“ werde in den kommenden Monaten optimiert, sodass St.Lorenzen bis zum nächsten Sommer wieder „sehr sicher“ sein werde. Der Ausbau der beiden Bäche unter anderem mit Stahlbetonrechen werde hingegen noch einige Jahre dauern und für „nahezu 100-prozentigen Schutz“ sorgen.
Lage entspannt sich
Unterdessen entspannt sich die Lage in St.Lorenzen langsam. Christoph Schlüßlmayr vom Bezirksfeuerwehrverband Liezen zufolge seien die größten Katastrophenbaustellen mittlerweile beseitigt: „Es könnte aber jederzeit wieder eine Mure abgehen, da die Hänge noch vom Regen aufgeweicht sind.“ Kommenden Freitag soll eine Bürgerversammlung stattfinden, bei der von den Evakuierungen betroffene Bewohner erfahren, wann sie in die Häuser zurück dürfen. Zudem sollen die neuen Schutzmaßnahmen vorgestellt werden, die nahtlos an die aktuellen Arbeiten anschließen werden.
In der Zeit vom 21.Juni bis 30.Juli waren im Bezirk Liezen 219 Feuerwehren mit insgesamt 2425 Helfern im Einsatz. Seitens des Bundesheeres mussten am Mittwoch 330 Soldaten mit anpacken, berichtet Oberst Christian Fiedler. Mittlerweile konzentriere man sich auf Hangsicherungsmaßnahmen. Das Bundesheer werde noch bis Ende August für die Errichtung neuer Brücken in der Region präsent sein, wenn auch mit geringerer Mannstärke.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.08.2012)
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