19.06.2013 09:16 Merkliste 0

Das Ende der Wiener Straßenkunst?

10.08.2012 | 18:25 |  EVA WINROITHER (Die Presse)

Seit Ende Juni ist eine neue Verordnung für Straßenkunst in Kraft. Und die hat es in sich. Viele Straßenkünstler fühlen sich in ihrer Existenz bedroht.

Artikel drucken Drucken Artikel versenden Senden Merken AAA Textgröße Artikel kommentieren Kommentieren

Wien. Die Erkenntnis kommt schleichend, da auf den ersten Blick ihr Fehlen gar nicht bemerkbar ist. Die Kärntner Straße ist belebt wie immer, Menschenmassen laufen hindurch, doch irgendetwas ist anders als sonst. Und da fällt es dem abendlichen Spaziergänger auf: Es sind fast keine Straßenkünstler mehr zu sehen und zu hören. Die Kärntner Straße ist stiller geworden. Sehr zu Freude mancher Anrainer und sehr zur Freude von Ursula Stenzel, Bezirksvorsteherin des ersten Gemeindebezirks, die sich jahrelang gegen die „Zwangsbeschallung“ gewehrt hat.

Schuld daran ist die neue Straßenkunstverordnung, die seit Ende Juni in Kraft ist. „Die neue Verordnung ist für viele existenzbedrohend“, sagt Abraham Thill erbost. Der gebürtige Wiener reist als Straßenkünstler quer durch Europa, von Festival zu Festival; tritt mit seinem Jongliergerät Diabolo aber auch immer wieder in den Straßen seiner Heimatstadt auf.

Wobei sich Thill gleich an mehreren Dingen stößt: Mit der neuen Verordnung wurden viele Plätze, an denen Künstler in Wien spielen dürfen, durch Platzkarten stark reglementiert. Früher konnten Straßenkünstler (mit Ausnahme von Musikern) an Orten wie der Kärntner Straße im Abstand von 25 Metern zwischen 13 und 22 Uhr spielen – nun ist es ihnen zwar auf zirka 30 Stellen in der Stadt zwischen 16 und 20 Uhr erlaubt. Diese Plätze liegen aber oft ungünstig, sagt Thill. „Wer will schon auf der Praterhauptalle oder im Stadtpark auftreten? Wir leben ja von Touristen.“

Plätze sind nicht bespielbar

Auch Aussuchen dürfen sich die Künstler die Plätze nicht, sie werden vom Magistrat per Computer zugeordnet. Pro Woche werden maximal zwei bis drei Platzkarten (abgesehen für Maler) hergeben, die Spielzeit pro Platz beträgt gerade einmal zwei Stunden. Auch das Abspielen von Tonträgern soll laut Thill untersagt sein. „Die meisten Shows funktionieren aber nicht ohne Musik.“

Unter den Künstlern ist die Stimmung dementsprechend getrübt. „Grundsätzlich finde ich die Idee von Platzkarten ja gut, aber in der Praxis funktioniert das nicht“, sagt ein junger Maler, der unerkannt bleiben will. Auch er hadert mit den Plätzen, die ihm von der Stadt zugeteilt wurden. „Am Michaelerplatz stehe ich genau in der Sonne. Da bleiben die Leute einfach nicht stehen. Und am Karlsplatz ist nur am Wochenende etwas los.“ Das geht natürlich ins Geld. Ein befreundeter Maler könne wegen der dadurch entstandenen finanziellen Einbußen seine Miete nicht mehr bezahlen. Und sein Cousin, der extra für den Sommer zum Marionettenspielen nach Wien gekommen sei, fährt jetzt wieder zurück nach Mazedonien: „Er kann ohne Musik gar nicht auftreten.“

In der MA 36 (Veranstaltungswesen) will man von den Problemen nichts gehört haben. „Mir sind solche Beschwerden nicht bekannt“, sagt Wolfgang Schieferle Leiter der Abteilung. Auch die Behauptung, dass Shows ohne musikalische Untermalung nicht mehr erlaubt seien, dementiert er aber heftig. „Solange die Künstler die gesetzlich vorgeschriebene Dezibelzahl nicht überschreiten, ist das Verwenden von Tonträgern natürlich erlaubt“, behauptet er.

Er habe seine Mitarbeiter sogar extra noch einmal angewiesen, die Künstler darüber zu informieren. „Da könnte es Missverständnisse gegeben haben.“ Die neue Verordnung macht für ihn Sinn. „Die Straßenkunst ist ein wesentlicher Teil von Wien. Aber die Lebensqualität von Anrainern und Nachbarn war auch zu berücksichtigen.“

Kampf gegen Künstler

Tatsächlich ist das Verhältnis der Stadt Wien mit den Straßenkünstlern von jeher gespannt. Immer wieder gab es Beschwerden wegen Lärm und Menschenansammlungen von Anrainern. „Mir war es auch nicht recht, wenn Straßenkünstler einen Platz den ganzen Tag lang blockiert hat“, sagt Abraham Thill dazu. Weswegen er seine Hilfe bei der Ausarbeitung einer neuen Verordnung angeboten hat.
Die Betreiber von Schanigärten in der Kärntner Straße wollen das Fehlen der Künstler jedenfalls schon bemerkt haben. „Es ist ruhiger geworden“, sagt ein Kellner von Casino Wien. Manuel Klapprodt, Geschäftsführer vom Swarovski-Café, berichtet auch von weniger Gästen am Abend. „Früher sind hier sicherlich zwei bis drei Künstler in der Nähe gestanden. Die Leute  haben sich dann niedergesetzt und das angehört.“

Ändert sich nichts, sieht Abraham Thill schwarz für die Zukunft der Wiener Straßenkunst. Und der Maler im ersten Bezirk? Der überlegt auszuwandern. Nach Salzburg vielleicht. Mal sehen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.08.2012)

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo

Mehr aus dem Web

50 Kommentare
 
12
1 0

Endlich ein Ende der Straßenkunst!

Ehrlich, ich liebe es nicht an allen Ecken und Enden dieser schönen Stadt angekünstelt zu werden. Noch weniger bin ich begeistert, wenn so genannte Musik, Straßenmusik, wider Willen unvermeidbar mir zu Ohren kommt. Schaurige Töne, schlecht gespielt aus ramponierten Instrumenten werden auch im Dienst der Wohltätigkeit und des Mitleidheischens nicht besser. Der Musikgenuss und Qualität werden auch nur wenig besser, wenn die Performance elektronisch im Dienst der guten Sache geschieht. Die Folklore-Gehsteig-NGOs lassen grüßen. Oh welch großstädtischer Kunstgenuss sind doch die scheintoten, einfarbigen und unbeweglichen Stehkünstler. Wer keine Ahnung von Kunst hat, hier kann jedenfalls Kunst auch nicht sondern nur die Venenbeschwerden geahnt werden. Bleibt noch der arme Trottoirrenoir zu erwähnen dem es am großen Papierformat mangelt. Hier befreien und Regen und Straßenreinigung von Umwegen und Kunst; zumindest ein kurze Zeit

Vorschlag zur Bewältigung dieses Problems

Es wird um den gesamten ersten Bezirk ein 5 Meter hoher Zaun mit Zutrittsstellen gebaut. An diesen Zutrittsstellen kontrolliert eigens von der Frau Bezirksvorsteherin geschultes Personal (Zutrittsbeauftragte), das den Zutrittswunsch ohne Begründung verwehren darf. Beim Zutritt werden die Personen nach Alter, Aussehen, Bekleidung, Schuhwerk, usw. begutachtet.

Und damit auch noch ein bisschen Geld für die Stadt Wien überbleibt schlage ich eine Eintrittsregelung vor:

Gemeldete Bewohner (Einser Vignette) € 250,-- im Jahr
Personen die im ersten Bezirk arbeiten (Einser Working Vignette) € 300,-- in Jahr Gültig aber nur für 48 Wochen (Urlaub wird abgezogen)
Restliche Wiener bekommen ein Einzelticket für € 10 je Tag
Restliche Österreicher ein Einzelticket für € 20 je Tag
Touristen bezahlen einheitlich je Tag € 50,--

Die Tickets müssen im Vorhinein gekauft werden und werden bei Ablehnung der Person durch einen Zutrittsbeauftragen NICHT refundiert.

*** Zynismus aus ****

Ein wenig kritischer Artikel...

...bürgerlich eben. Schon die Handschrift von Nowak?

Gast: Freitag44
11.08.2012 23:45
5 3

Wien ist eine absolut kranke Stadt.

Zu verdanken haben wir das einigen absoluten Kontrollfreaks, die ihre Krankheit in der Politik ausleben, statt sie behandeln zu lassen. Leider kommt ihnen die berühmte obrigkeitshörigkeit vieler Österreiche dabei noch entgegen. Manch betteln fürmlich danach, dass das Leben für immer mehr Personen immer noch mehr eingeschränkt wird. Die Opfer sind dabei mal Straßenkünstler, mal Prostituierte, mal Glücksspieler, mal Hundehalter oder Radfahre wie jüngster Zeit. Für gesunde Personen wird Wien dabei aber immer beklemmender. So viele Verbote gibt es sonst nur in Diktatuern oder Gefängnissen.

2 4

Re: Wien ist eine absolut kranke Stadt.

Nein, es gibt Gesetze und Verordnungen weil manche eben eine zu schlechte Erziehung haben und nicht von selbst wissen, wann sie beginnen die Freiheit anderer einzuengen mit ihrem Tun.

Sie waren wohl noch nie im Ausland. Wien ist sicherlich einer der schönsten Orte der Welt.

Re: Wien ist eine absolut kranke Stadt.

Wien hält jedem Vergleich stand. Gehen sie auf Reisen und lernen sie dazu. Und vielleicht mal auch in eine Diktatur, und sagen sie dort fest ihre Meinung, dann lernen sie auch schnell Gefängnisse von innen kennen. Dann werden sie in Zukunft vielleicht etwas vorsichtiger mit derartig dummen Vergleichen.

Gast: donna gloria
11.08.2012 15:44
3 4

Schade!

Ich arbeite in einem Innenstadtbüro und gehe jeden Tag über den Graben. Ich bedauere oft, dass ich nicht genug Zeit habe, denn es gibt immer wieder Straßenkünstler (auch ganz tolle Musiker!), bei denen ich gerne länger stehen bleiben würde. Sehr witzig finde ich auch den Marionettenspieler mit dem Klavier.

Ich würde es wirklich sehr bedauern, wenn diese Künstler verschwinden würden. Die Innenstadt wird ohne diese irgendwie öd und tot sein!

Die "Mistdudlerei", wie "Au Ohr" sie weiter unten nennt, wird uns auch in Zukunft nicht erspart bleiben, denn ich glaube kaum, dass die Bettler (im Gegensatz zu den Künstlern) sich darum kümmern, ob sie eine Erlaubnis haben oder nicht (in der U-Bahn ist das Musizieren ja auch nicht erlaubt und es wird trotzdem gemacht). Was haben sie schon zu verlieren?

Antworten Gast: Schöne Leich
12.08.2012 01:01
5 1

Kann ich nur zustimmen.

Der Tod das muss ein Wiener sein. Wohl deswegen wird jedes Lebenszeichen, dsss in der Stadt passiert zu tode reglementiert. Das ist traurig. Wie auf einem Begräbniss halt.

0 2

Re: Kann ich nur zustimmen.

Dass der Tod ein Wiener sein muss hat aber einen anderen Zusammenhang. Aus Wien können Sie daher wohl nicht sein. Was geht Sie das also an, was hier passiert oder nicht passiert?

5 4

Re: Schade!

Bemühen Sie sich halt, dass die auf der Straße vor ihrer Wohnung auftreten, dann haben Sie das den ganzen Tag bis 22 Uhr.

Es leben eben auch Menschen dort. Das ist nicht der Wurstelprater.

Antworten Antworten Gast: donna gloria
11.08.2012 16:52
3 0

Re: Re: Schade!

Hahahahaha, wenn da, wo ich wohne, um 22 Uhr Ruhe wäre (oder wenigstens nur angenehme Musik), wäre ich glücklich und würde meine Klappe halten.

0 2

Re: Re: Re: Schade!

Sie können aber nicht erwarten, dass überall so ein Wirbel ist wie bei Ihnen daheim. Sie haben offenbar ein Problem bei zu niedrigem Geräuschpegel. Tinnitus?

Strassenkunst?

Was soll das denn sein?

Re: Strassenkunst?

Das, was es ausser saufen, Tschick und fernsehen sonst noch gibt.

O.o'

Irgendwie wird Österreich mit diesem Drang überall restriktive Regeln einuführen wieder ein wenig ungemütlicher. :-/ Mitzubekommen, dass die Wiener Grünen sich nicht (wirklich) darüber empören ist entmutigend. Wenigstens in Graz sind sie dagegen.

1 0

Und hier

trifft sich Stenzel mit den GrünRoten... tolle Sache

Antworten Gast: toledo
11.08.2012 13:29
0 6

Re: Und hier

was die blauen von kunst und kultur halten wissen wir ja. es gäbe kürzungen und streichungen ohne ende.

4 5

Re: Re: Und hier

Sorry, Sie bezeichnen das doch hoffentlich nicht als Kunst und Kultur. In aller Regel ist das doch erbärmlich. Das sind halt Bettler, die irgendwas bieten, aber doch nicht mehr.

Antworten Antworten Antworten Gast: Gast2
11.08.2012 17:10
2 2

Re: Re: Re: Und hier

Kennen Sie Straßenkunst überhaupt?

Hier ein Beispiel einer Wiener Gruppe von Straßenkünstlern:
http://www.youtube.com/watch?v=IsBT1LAW-Jk

Keine Spur von "Bettlern"...

0 3

Re: Re: Re: Re: Und hier

Ich hatte geschrieben "in der Regel". Es gibt schon auch gute. Aber auch gute Musik wollen die Anrainer nicht aufgezwungen bekommen. Verstehen Sie das nicht?

Es gibt Plätze und Hallen für Veranstaltungen, dort geht man hin, wenn man das sehen resp. hören will.

Wenn es - so wie früher - einzelne wären ist es ja auch positiv. Aber es nimmt halt überhand. In manchen Städte steht alle fünf oder zehn Meter jemand der irgendwas spielt oder Handtaschen etc. verkauft.

Das ist alles andere als lustig.

Antworten Antworten Antworten Antworten Gast: donna gloria
11.08.2012 19:28
4 2

Re: Re: Re: Re: Und hier

Danke für den Link! Wär doch wirklich schade, wenn es sowas in Wien nicht mehr geben würde.

fefe kennt wahrscheinlich nur die U-Bahn-Sängerinnen ...

Gast: ökono-mist
11.08.2012 02:01
1 2

Und was machen wir mit Helmut Seethaler, dessen ketzerische Gedichte so ohrenbetäubend von den zartbesaiteten Bauzäunen dröhnen?


Den sperren wir einfach auf ganz herkömmliche Weise weg, gell?! Schutzhaft: wir schützen ihn vor sich selbst!

Schließlich soll er ja jüngst bei einer brandgefährlichen Papier-Rückstopfaktion am Sprechloch des letzten noch nicht frühestpensionierten ÖBB-Schalterbeamten unabsichtlich eine Schraube verbogen - und auf diese Weise durch das Außerkraftsetzen einer "Sicherheitseinrichtung" (sic!) "vorsätzlich" (wie geht das zusammen?) eine große Zahl von zynischen Bürokraten gefährdet - haben...

P. S.: Womöglich könnte er ja eines Tages auch noch auf die Idee kommen, mit einem Plüschteddybären an der weißrussischen Botschaft vorbeizumarschieren - und damit schwere diplomatische Verwicklungen mit unserem Freund und autoritärem Vorbild Alex Lukaschenko vom Zaun brechen - unberechenbar, wie dieser Straßenkünstler nun mal ist...


MEHR regeln MEHR gebote und am wichtigesten MEHR VERBOTE!

nur so wird das volk dauerhaft glücklich, oder anders formuliert entmündigt dumm und einfach zu benutzen.

5 6

Re: MEHR regeln MEHR gebote und am wichtigesten MEHR VERBOTE!

Sie übersehen, dass die STadt kein Dauer-Jahrmarkt ist sondern ein Wohngebiet ist. Wir haben in Wien Festspielwochen und jede Menge Veranstaltungen. Wir brauchen das nicht auf der Straße. Erst recht keine berufsmäßigen Gaukler.

Re: Re: MEHR regeln MEHR gebote und am wichtigesten MEHR VERBOTE!

Noch weniger brauchen wir allerdings die berufsmäßigen Bettler die ihre vorgeblichen oder tatsächlich vorhandenen körperlichen gebrechen zur Schau stellen. Die findet man z.B.: am Brunnenmarkt alle paar Meter und deren Bettlerei erfolgt oft sehr agressiv.
Strassenkünstler beherrschen ihr Metier im Gegensatz zu den U-Bahn Musikern die einen eine Haltestelle lang mit ihren Dissonanzen malträtieren.
Man sollte daher unterscheiden ob jemand bettelt oder seine Fähigkeiten zur Schau stellt und dafür einen Obolus, der von der Qualität des Dargebotenen abhängt, erhält.

Re: Re: MEHR regeln MEHR gebote und am wichtigesten MEHR VERBOTE!

und was WIR brauchen entscheidest du?

 
12

Das Hochwasser auf Twitter