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Zehn Jahre nach der Flut: 2002 ist immer wieder Thema

11.08.2012 | 18:01 |  von Andreas Wetz UND Georg Renner (Die Presse)

Nach dem Donauhochwasser 2002 sind weite Teile des damals stark betroffenen Machlands menschenleer. Nur Fritz Kühberger blieb. Trotz der abgesiedelten Nachbarn fühlt er sich nicht allein.

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Der Begriff Hochwasser ist an diesem Donnerstagvormittag weiter weg als eine Fata Morgana. Hart und hell brennt die Sonne vom wolkenlosen Himmel über dem Machland. Im Minutentakt rollen Radwanderer an der Infotafel für den Machlanddamm vorbei, der in der Nähe aus dem Boden gestampft wird. Die Tafel steht, wo früher das Ortsende von Eizendorf war. Die Donau ist einen Kilometer entfernt.

Zwei Radfahrerinnen bleiben auf der staubigen Straße stehen. Es sind Deutsche. Beim Lesen der Tafel erinnern auch sie sich an die Flut. Dresden hatte es damals besonders erwischt. Aber hier? „Dort oben auf dem Mast markiert eine Metallplatte den Wasserstand von damals“, sagt ein älterer Herr aus der Region und deutet hoch über ihre Köpfe. In etwa sechs Metern Höhe ist da „Hochwasser, August 2002“ eingraviert. Die beiden Deutschen kramen nach Fotoapparaten.

Der Mann, der anonym bleiben will, erzählt, dass die Jahrhundertflut viele aus dem Machland vertrieben hat. Fast alle bekamen großzügige Angebote, ihre Häuser zu verlassen: die größte Absiedlung der jüngeren Geschichte. „Nur der Kühberger und seine Frau sind geblieben.“

Der Kühberger ist inzwischen 73 Jahre alt und heißt mit Vornamen Fritz. Mit seiner Frau bewohnt er ein stattliches Haus mit angeschlossenem Wirtshaus und einer Frühstückspension. Seit 50 Jahren hat er die Jagd in der Au gepachtet. Die Trophäen seines Hobbys füllen ein ganzes Zimmer.


„Das vergisst man nicht.“ Trotz der abgesiedelten Nachbarn fühlt er sich nicht allein: Heute sind die Enkelkinder zu Besuch, auf dem Hof leben Hühner, Gänse, Turmfalken und ein Hund. Jeden Mittwoch kommen ein Dutzend Freunde zum Kartenspielen. Dann wird geredet. Viel, laut und fröhlich. Es sei denn, es geht ums Hochwasser. „2002 ist immer wieder Thema“, sagt Kühberger. „Das vergisst man nicht.“ Trotzdem will ausgerechnet er hier nicht weg. Er, der als altgedienter Feuerwehrmann und Abschnittskommandant der Region mitverantwortlich dafür ist, dass das Machland derzeit einen gigantischen Hochwasserschutz bekommt.

Manche der ehemaligen Nachbarn hielten ihn deshalb für schrullig und leichtsinnig, wie er meint. „Dabei wollte ich 2002 zunächst nur eines: weg.“ Zu viele Hochwasser hatte er schon miterlebt. Schlimm war 1954, die Jahre '65, '75, '81 und '85 „normal“. Erst 1991 hatte er wieder Wasser im Haus. „Aber so etwas wie 2002 hätte ich nicht für möglich gehalten.“ Trotzdem blieb er. Grund war eine Krebsdiagnose. Zwar hat er die Krankheit heute ganz gut im Griff, aber: „Ich liebe dieses Haus und die Umgebung.“ Noch einmal neu anzufangen wäre ihm einfach zu viel.

„Alle anderen gingen weg“, erzählt er. 250 Hauseigentümer nahmen Angebote zur Absiedlung an. Die öffentliche Hand bot 80 Prozent vom Zeitwert der Gebäude, wenn die Betroffenen diese binnen einer Fünfjahresfrist verließen und schleifen ließen. Jenseits des neuen Dammes sprießen bis heute ihre Häuser aus dem Boden.

Bei den Älteren, weiß Kühberger, lief das nicht immer ohne Tränen ab. „Viele Junge wollten möglichst schnell weg, verkauften ihre Häuser.“ In denen oft noch ihre Eltern wohnten. „Es gab Fälle, die kamen einer Delogierung des Vaters durch den Sohn gleich.“

Gelitten haben auch viele andere. Im Hochwasser 2002, das als „Jahrhundertflut“ in die Geschichte eingehen sollte, ertranken in Österreich neun Menschen. Ursache waren zwei Tiefdruckgebiete, die ihre gewaltigen Regenmengen zuerst von 6. bis 9., dann von 11. bis 15. August über Österreich entluden. Laut einer Studie der Universität für Bodenkultur betrafen 90 Prozent der finanziellen Schäden jeweils zur Hälfte die Bundesländer Ober- und Niederösterreich. An unzähligen Stellen traten die Donau und ihre Zubringerflüsse über die Ufer. Salzburg, die Steiermark und Tirol kamen trotz starker, lokaler Schäden insgesamt vergleichsweise glimpflich davon.


Milliarden für Schutz. Haushalte und Betriebe kostete die Flut unmittelbar 1,5 Milliarden Euro. Weitere 900 Millionen machten Folgekosten aus. Die Infrastruktur des Bundes musste um 130 Millionen repariert werden. Versicherungen deckten lediglich 400 Millionen Euro. Der hohe Geldbedarf führte dazu, dass Österreich die teuerste Anschaffung der Republik, die Eurofighter, teilweise stornierte.

Die Gesamtkosten für Schutzprojekte, Ab- und Umsiedlungen sind bis heute nicht erhoben. Nicht zuletzt, weil Hochwasserschutz eine Aufgabe ist, die zwischen Gemeinden, Ländern und Bund aufgeteilt ist – weswegen eine zentrale Erfassung aller Maßnahmen de facto unmöglich sei, erklärt eine Sprecherin des zuständigen Ministers Nikolaus Berlakovich (ÖVP).

So bleibt es den Ländern überlassen, über die Maßnahmen des vergangenen Jahrzehnts zu resümieren: 270Hochwasserschutzprojekte wurden allein im am stärksten betroffenen Land Niederösterreich seither fertiggestellt – von Schutzdämmen in der Wachau bis zum Rückbau der Kampregulierung –, weitere 110 sind noch in Arbeit. Das Land hat in diesem Zeitraum 570 Millionen Euro investiert, der Bund, der sich je nach Priorität mit bis zu 50 Prozent beteiligt, spricht von zwei Milliarden Euro, die seit 2006 in den Hochwasserschutz geflossen seien.

Das größte und teuerste dieser Projekte ist der Machlanddamm. Er umfasst Schutzbauten mit einer Gesamtlänge von 36,4 Kilometern. Gebaut wird seit vier Jahren. Am 25. August findet im Steinstadion Mitterkirchen die offizielle Einweihungsfeier statt.


170.000 Sattelschlepper. Auch Gerhard Mysliwietz darf dann langsam zur Ruhe kommen. Der 71-jährige Bauingenieur mit Hang zu Großprojekten – in Deutschland baute er ICE-Trassen, bei Linz den Tunnel Bindermichl – ist nämlich Geschäftsführer der Machlanddamm Errichtungsgesellschaft. Für das Hochwasserprojekt unterbrach er seinen Ruhestand.

Der Damm, sagt er, sei eine „gute Sache für die Leute hier“. Viele hätten das erkannt, manche jedoch zum persönlichen Vorteil auf Kosten der Steuerzahler ausgenutzt. „Es gab Bauern, die bekamen den Hals nicht voll, verlangten unüblich hohe Preise für zum Dammbau benötigte Grundstücke.“

In den vergangenen vier Jahren bewegten er und sein Team mit 170.000 Sattelschlepperladungen 1,7 Mio. m3Schüttmaterial. So entstand ein 90 km2großes und durchschnittlich drei Meter hohes Rückstaubecken. Mittendrin: Das Haus von Fritz Kühberger.

Vor Ereignissen wie jenem aus dem Jahr 2002, einem sogenannten 100-jährlichen Hochwasser, sind die Häuser hinter dem Damm nun sicher. Doch Sicherheit ist relativ. Schon heute sagt Mysliwietz, dass es absoluten Schutz hier nie geben wird. „Wir glauben, dass das Hochwasser künftig noch höher werden kann.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.08.2012)

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1 Kommentare

So ein Hochwasserschutz wird normalerweise

auf das (rechnerische) 5000jährliche Hochwasser dimensioniert. Das ist aber eine statistische Größe, da man dazu zu wenig Aufzeichnungen hat. Noch dazu ändert sich die Topografie und somit sind teilweise statistische Daten der Vergangenheit nicht mehr ganz verwendbar.
Hier wurde tatsächlich "nur" auf das HQ100 ausgebaut. Wie lange das ein Schutz sein wird wird man sehen. Rein statistisch gesehen ist das aber leider kein guter Schutz.