Öterreichs Sexualstraftäter sind in Floridsdorf versammelt. In einem grauen Büroregal, in sieben Fächern übereinander, liegen ihre Akten. Rote Mappen, auf dem Rücken steht mit schwarzem Filzstift der Name geschrieben. Florian K., Thomas B. Zwischen den Aktendeckeln: Geschichten von Grausamkeit und Leid.
Durch die Tür am Eck des Gebäudekomplexes, ein paar Stufen hinauf, dann rechts nach hinten: In ein paar kleinen Zimmern zwischen Polizeikommissariat und Bezirksgericht ist die sperrig benannte „Begutachtungs- und Evaluationsstelle für Gewalt- und Sexualstraftäter“ angesiedelt. Durch ein Fenster zum Innenhof sieht man auf das Gefängnis, eine Außenstelle der Justizanstalt Mittersteig für geistig abnorme Rechtsbrecher. Zwei Zimmer sind hier für den zweiwöchigen Aufenthalt der Sexualstraftäter reserviert, die von der Dokumentationsstelle zur Untersuchung einberufen wurden.
Ginge es nach der Gesellschaft, wären die Psychiater und Psychologen hier mit Hellsehen beschäftigt. Tatsächlich tun sie das Nächstbeste: „Wir versuchen, empirisch gesicherte Annäherungen zu treffen“, sagt Reinhard Eher, forensischer Psychiater und Leiter der Dokumentationsstelle, der mit hochgekrempelten Ärmeln in seinem Büro sitzt. „Denn das Verhalten einer Person können wir natürlich nie genau vorhersagen.“ Aufgabe seiner Stelle ist es, alle zu Haft verurteilten Sexualstraftäter in Risikokategorien einzuteilen und bei Anträgen auf bedingte Entlassung Gutachten zu erstellen.
600 Verurteilte pro Jahr. So einheitlich wie die roten Akten und das Bild des Boulevards vom „Sexmonster“ sind die Häftlinge dabei freilich keineswegs. Gemeinsam ist ihnen: Wer hierher kommt, hat in der Regel eine Vergewaltigung begangen oder ein Kind missbraucht. 500 bis 600 Menschen werden pro Jahr wegen Sexualdelikten verurteilt, die Hälfte zu unbedingter Haft.
Deren Geschichten werden hier studiert: Was hat der Täter schon früher getan, wer waren seine Opfer, wie ging er vor? „Früher gezeigtes Verhalten“, sagt Eher, „ist der beste Prädiktor für Künftiges.“ Am Ende landet der Täter „in einem Kastl mit einer bestimmten Rückfallwahrscheinlichkeit“. 60 Prozent, steht dann da, oder auch nur fünf. Ob der Täter mit der geringen Fünf-Prozent-Wahrscheinlichkeit wirklich zu diesen fünf Prozent gehört, kann vorher aber niemand sagen.
Um ein möglichst deutliches Ergebnis zu erhalten, wird ein Gutteil der Täter für zwei Wochen nach Floridsdorf bestellt. In Gesprächen soll die psychosexuelle Entwicklung erkundet werden. Wie ist er aufgewachsen, wie wurde ihm Sexualität nahegebracht, wurde er selbst missbraucht? Psychologen und Psychiater (immer zwei, für den seltenen Fall, dass einer dem manipulationserfahrenen Täter auf den Leim geht) fragen nach dem Vorleben, erkunden die Persönlichkeitsstruktur.
Maßnahmen, die selbst in Ehers Umfeld nicht immer auf Verständnis stoßen: „Es ist besser zu sagen, dass man Sexualtäter jagt, als dass man sie rehabilitiert. Dann ist man der hoch angesehene Psychocop. Wenn es um den Aspekt geht, was diese Menschen dazu gebracht hat, gerät man schon unter Verdacht. Und rennt gegen das Vorurteil an, dass alle Triebtäter sind.“
In regelmäßigen Abständen kocht das Thema hoch – wie jetzt, da die Fußfessel für einen Vergewaltiger heftig kritisiert wurde. Eher hat Verständnis dafür. Die Fußfessel werde als mildere Version der Haft angesehen – und wurde einem Täter genehmigt, „der offenbar keinerlei Reue gezeigt hat. Da passt für viele etwas nicht.“
Es ist ein heikles Feld, in dem sich Eher bewegt. Über seinem Schreibtisch hängen Schwarz-Weiß-Aufnahmen seiner Kinder. Ein blonder Bub, ein adoptiertes Mädchen aus Kambodscha, sie sind elf und sieben. Mitunter, sagt Eher, reiche das Thema bis in seine eigene Ehe hinein. Doch es sind gerade die Widersprüche, die Eher faszinieren. „Bei aller Grausamkeit findet man auch den Gegenpol: Es gibt nirgendwo diese Barmherzigkeit zu versuchen, auch beim größten Gewalttäter die menschlichen Seiten zu entdecken. Es braucht einen sehr menschlichen Zugang – den man vielleicht woanders gar nicht so sehr findet. In der Klinik ist es technokratischer, da bekommt man für seine Depression ein Medikament.“
Medikamente seien zwar auch bei Sexualtätern eine Option. „Die Delinquenz ausrotten kann das aber nicht.“ In den seltensten Fällen sei ein Verurteilter wirklich ein Triebtäter; der nach außen anständige Familienvater ist öfter dabei als der Pädophile, der im Schwimmbad lauert.
„Die meisten sind nicht so gestört, dass sie sich nicht stoppen könnten. Meist steckt eine ganz andere Dynamik dahinter.“ Da wird etwa die Ehekrise nicht bewältigt – also greift man sich ein verfügbares Sexualobjekt.
Fünf Jahre nach der Entlassung werden laut Eher jedenfalls nur fünf Prozent der Täter rückfällig – auch wenn sich die wenigsten in der Haft einsichtig zeigen. „80 Prozent derer, die hier landen, haben ,nie etwas gemacht‘“, sagt Eher. Dahinter stecken Scham, Verleugnung – oder, bei Psychopathen, auch völlig fehlendes Unrechtsbewusstsein. „Unsere Hauptarbeit besteht darin, zu einer Problemsicht zu verführen.“
Kleine, gefährliche Gruppe. Betreuung nach der Haft sei häufig dennoch nicht notwendig, bei einer kleineren Gruppe aber sinnvoll. Bleibt eine noch kleinere Gruppe, „bei der wir sagen müssen, dass wir relativ wenig wissen, wie wir ihre Gefährlichkeit eindämmen können“. Helfen würde da schon, Gefährlichkeit überhaupt besser einzuschätzen. Ob das in den Gutachten der Sachverständigen an Österreichs Gerichten immer passiert, ist sich Eher nicht so sicher. Zumal die Ausbildung für Forensiker immer noch „schlecht“ sei. Das Curriculum für eine Zusatzausbildung schlummert in einer Schublade.
Ob ihm etwas je besonders nahegegangen sei? Eher überlegt und verweist auf den Fall Fritzl. „Die Empörung war verständlich. Gleichzeitig hab ich mir gedacht: Wir haben im Jahr fünf Fritzls, die gar keinen Keller brauchen, weil sie so viel Macht ausüben, dass sie nur zu erscheinen brauchen, und alles um sie erstarrt.“
Best lautet das Kürzel für die Begutachtungs- und Evaluationsstelle für Gewalt- und Sexualstraftäter. Sie wurde 2002 eingerichtet, ist in Wien-Floridsdorf angesiedelt und unterzieht jeden Häftling auf Basis seiner Akten einem Gefährlichkeits-screening.
Ein Drittel bis die Hälfte wird danach persönlich untersucht. Sie werden dafür von der jeweiligen Justizanstalt „zugestellt“.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.08.2012)
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