Wien. Ein 20-jähriger Deutscher stürzt Samstagvormittag im Zillertal beim Abseilen aus unbekannter Ursache 15 Meter in eine steile Felsrinne und wird schwer verletzt. Ein 56-jähriger Grazer erleidet in der Wörschach-Klamm einen Herzinfarkt und stirbt. Im Zillertal mussten Bergretter am Sonntag eine achtköpfige Gruppe retten, die trotz Schlechtwetters im Gebiet des Olperers unterwegs war und in Bergnot geriet – das ist allein die Bilanz des vergangenen Wochenendes. Liest man Unfallberichte, weckt das den Eindruck, die Alpen seien nicht Erholungs-, sondern Risikogebiet.
303 Menschen sterben im Schnitt jährlich in den heimischen Bergen. Zum Vergleich: Im Straßenverkehr sind es etwa 550. 2011 haben sich 7900 Menschen beim Wandern, Bergsteigen oder Klettern in Österreich so schwer verletzt, dass sie im Spital behandelt werden mussten. 304 Menschen sind in der Saison 2010/11 in den heimischen Alpen gestorben. Unfälle und tödliche Vorfälle beim Wandern und Bergsteigen haben 110 Tote gefordert, beim Klettern gab es 24 Tote (doppelt so viele wie in der Saison zuvor), beim Mountainbiken vier. Die übrigen Vorfälle haben sich auf der Skipiste, beim Tourengehen, Langlaufen, Rodeln, beim Wildwassersport, der Jagd, beim Flugsport oder als „atypische Alpinunfälle“, etwa bei Arbeiten, ereignet. Das ergab die „Analyse: Berg“ des Kuratoriums für Alpine Sicherheit.
Die meisten tödlichen Vorfälle ereignen sich mit 30 Prozent beim Wandern, meist sind es interne Notfälle – etwa Herzinfarkte oder Schlaganfälle –, aber auch Stürze. Die Alpinpolizei hat zwischen 1. November 2010 und 31. Oktober 2011 ganze 8287 Unfälle registriert – der höchste Wert seit Beginn der Statistik vor 20 Jahren. In der laufenden Saison ist die Zahl allerdings rückläufig, vor allem im Winter ist die Zahl der Kollisionen auf den Pisten gesunken.
In der laufenden Sommersaison decken sich die Zahlen etwa mit jenen des Vorjahres. „Was jetzt passiert, ist nicht außergewöhnlich“, sagt Michael Larcher, der Leiter des Bergsport-Referates im Alpenverein. Schließlich sind im Juli und August die meisten Menschen in den Bergen unterwegs. Und freilich sorgt der Boom der Outdoor-Sportarten für eine höhere Zahl an Unfällen.
„Der Trend hält an, der Bergsport ist sehr attraktiv“, sagt Larcher. Vor allem Klettersteige locken. „Das ist sehr beliebt, aber gerade dort sind oft eine fehlende Selbsteinschätzung, zu ehrgeizige Ziele und fehlende Planung der Touren ein großes Problem“, warnt Larcher. „Heuer werden wir gehäuft zu Klettersteigen gerufen“, bestätigt Kurt Nairz, der Vizepräsident des Österreichischen Bergrettungsdienstes. Abgesehen davon sei die Häufung heuer nicht ungewöhnlich, „wenn man sieht, wie viele Leute unterwegs sind.“
Oft sei das Problem, dass ein zu hoher Schwierigkeitsgrad gewählt werde oder die Sportler schlecht vorbereitet seien, sagt Nairz. Zwar sei die Ausrüstung in den vergangenen Jahren deutlich besser geworden, doch: „Die Leute sind risikofreudiger, sie wollen längere, anspruchsvollere Touren gehen.“
Und brauchen auf diesen Touren immer öfter Hilfe. Diese schlägt bei der ehrenamtlichen Bergrettung mit 38 Euro pro Mann und Stunde zu Buche. Ein Hubschraubereinsatz kann einige Tausend Euro kosten. Bei einem Großeinsatz wächst der Betrag schnell in sechsstellige Höhe. Bergretter und Vereine raten dringend, sich zu versichern.
Disney-Philosophie am Berg
Larcher warnt vor einer „Disney-World-Philosophie“ in den Bergen: Am Fels entstehen Fun-Sport-Anlagen, die fix montierten Stahlseile locken Wanderer, das Klettern zu probieren. Dazu kommt der leichte Zugang, schließlich verkauft jeder Sporthändler billige Klettersteigsets. „Klettern ist ein Sport, den man lernen muss“, sagt Larcher, wie beim Tauchen brauche man einen Kurs. Meist reichen wenige Tage, um sicheres Klettern zu lernen. Larcher warnt besonders, sich von einem Freund das Klettern zeigen zu lassen.
Fehler passieren freilich auch bei Profis. Dass aber das Material versagt, wie im Fall eines 17-jährigen Deutschen, der Anfang August in Walchsee mehr als 100 Meter abgestürzt und gestorben ist, nachdem beide Schlauchbänder des Klettersteigsets gerissen waren, sei äußerst selten, sagt Larcher, der den Fall als Sachverständiger untersucht hat. Gefährlicher sei Unaufmerksamkeit. Wegen ihr kommen am Berg selbst Weltklassekletterer immer wieder zu Tode.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.08.2012)
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