Wien. Eigentlich sollten die Spenden für das in Österreich tätige Kinderhilfswerk „Tesfaye“ fast ausschließlich Patenkindern in Äthiopien zugutekommen. Das Magazin „News“ schrieb vergangene Woche, dass mehr als ein Drittel auf dem Weg dorthin in fremden Taschen gelandet war. Jetzt prüft der Staatsanwalt. Für gemeinnützige, von Spenden abhängige Organisationen ist der gute Ruf das wichtigste Kapital. Das gilt im Besonderen für Vereine, die im Ausland in der Entwicklungshilfe tätig sind. Um diesen Ruf auch langfristig zu wahren, bemühen sich die Entwicklungshilfe des Außenministeriums (Austrian Development Agency, kurz ADA) und ihre Partnerorganisationen schon seit einiger Zeit um Programme für Korruptionsprävention. Nun ist der nächste Schritt getan.
Seit genau einer Woche gibt es in Österreich eine Art WikiLeaks für Spendengeld. Die ADA selbst betreibt nun eine Stelle, an die sich ehrliche Insider, sogenannte Whistleblower, wenden können, wenn sie verdächtige Aktivitäten in ihrem Umfeld bzw. in ihrer Organisation wahrnehmen. Ein eigens geschultes Team von Mitarbeitern soll die Hinweise – zunächst nur intern – prüfen. Bestätigt sich der Verdacht, werden entsprechende Schritte eingeleitet. Bis hin zur (Selbst-)Anzeige beim Staatsanwalt. Die ADA hat sich jedoch dazu entschlossen, nur Hinweise entgegenzunehmen, die von Personen stammen, die sich eindeutig identifizieren lassen. Anonymen Informanten will man hingegen nicht zuhören. Warum?
„Weil wir ernste Bedenken hatten, dass die neue Meldestelle für Korruption als Instrument für Mobbing, Missgunst und Neid missbraucht werden könnte“, sagt Georg Huber-Grabenwarter, Leiter der Stabsstelle Organisationsentwicklung in der ADA. Deshalb habe man sich dazu entschieden, zumindest vorerst anonyme Whistleblower nicht zuzulassen.
Seit einigen Jahren schon führt man in Expertenkreisen eine Debatte darüber, wie denn nun Meldestellen für Korruption im Idealfall auszusehen hätten. Die NGO Transparency International empfiehlt jedenfalls, diese Postkästen möglichst unabhängig von der betroffenen Organisation zu stellen und den Informanten höchstmöglichen Schutz zu gewähren. Beides ist im ADA-Projekt nur sehr rudimentär ausgeprägt.
Wunder Punkt Glaubwürdigkeit
Ebendort begegnet man der Kritik mit dem Hinweis, dass mehrere Wege zum Ziel führten könnten. „Ja“, sagt Huber-Grabenwarter, „die Glaubwürdigkeit gegenüber potenziellen Informanten ist unser wunder Punkt.“ Trotzdem müssten sich diese keine Sorgen machen. Jeder Eingang werde absolut vertraulich behandelt – egal, ob an der Sache nun etwas dran sei oder nicht.
Nun hofft er, dass sich die Partnerorganisationen rege an der Bekanntmachung der Meldestelle (www.entwicklung.at, integritaet@ada.gv.at oder 01/90399-2250) beteiligen. Immerhin handelt es sich dabei um einige hundert Organisationen, die praktisch auf dem gesamten Erdball tätig sind. Dabei setzt man sich offenbar ganz bewusst einem gewissen Druck aus. Werden Meldungen nur unzureichend bearbeitet oder gar vertuscht, ist es für Informanten ein Leichtes, ihr Wissen an Medien weiterzugeben. Sollte sich herausstellen, dass die Vorwürfe stimmen, wäre der Schaden in Sachen Glaubwürdigkeit erheblich größer.
Da ein Großteil der Entwicklungszusammenarbeit jedoch nicht in Österreich, sondern in für Korruption noch anfälligeren Ländern stattfindet, gehen viele Organisationen sogar einen Schritt weiter. Die Kindernothilfe, sagt deren Mitarbeiter Gottfried Mernyi, lässt sich von den Projektpartnern vor Ort in den Verträgen sogenannte Korruptionsklauseln unterschreiben, die schon vor dem Anlassfall etwaige Konsequenzen bis zur Beendigung des Projekts verbindlich regeln.
20 bis 40 Prozent versickern
Alles in allem spenden die Österreicher im Jahr etwa 400 Mio. Euro. Laut einer Berechnung der Weltbank „verschwinden“ davon zwischen 20 und 40 Prozent in dunklen Kanälen.
Ehrliche Insider, sogenannte Whistleblower, können sich seit einer Woche an eine Stelle der Austrian Development Agency des Außenministeriums wenden, wenn sie verdächtige Aktivitäten in ihrem Umfeld wahrnehmen. Geschulte Mitarbeiter sollen diesen dann nachgehen. Anonymen Informanten will man aber nicht zuhören. Das soll verhindern, dass die Meldestelle als Mobbing-Instrument missbraucht wird. Vertraulichkeit sei aber garantiert, heißt es.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.09.2012)
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